Interview mit Frankfurts Boateng

Boateng: "Kovac sagte immer: Du bist mein Krieger"

Das passt zusammen: Frankfurts Trainer Niko Kovac und Kevin-Prince Boateng.

Das passt zusammen: Frankfurts Trainer Niko Kovac und Kevin-Prince Boateng. imnago

"Es gab Tage, an denen ich gesagt habe: Ich kann nicht mehr", verrät der Familienvater. Außerdem erzählt er von seinem besonderen Verhältnis zu Kovac.

In gleich doppelter Hinsicht sorgte Boateng im Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach für positive Schlagzeilen: Der Stürmer markierte nicht nur den 1:0-Siegtreffer, er gedachte bei seinem Torjubel auch an Ajax-Profi Abdelhak Nouri, der am 8. Juli in einem Test gegen Werder Bremen einen Herz- und Kreislaufstillstand erlitt und schwere, bleibende Hirnschäden davontrug.

Boateng kündigte an, in jedem Saisonspiel ein Nouri-Shirt unter seinem Trikot zu tragen – ein tolles Zeichen. "Kevin ist eine Persönlichkeit, ein Junge, der geradeheraus ist, der Emotionen hat und Empathie besitzt", sagt Trainer Niko Kovac. Die Öffentlichkeit sieht in Boateng oft nur den harten Kerl, der sich früher einige Eskapaden leistete, über die er in seiner Anfang 2016 erschienenen Biografie auch freimütig berichtete.

Wer weiß, was ich machen würde, wenn ich nicht stark im Kopf wäre. Es gab Tage, an denen ich gesagt habe: Ich kann nicht mehr.

Kevin-Prince Boateng

Dabei hat ihm der viele Trubel um seine Person durchaus zugesetzt, wobei er lernte, sich ein dickes Fell zuzulegen. "Wenn man an Robert Enkes Selbstmord denkt, das hat zu einem Prozent auch mit der Presse und dem ganzen Trubel zu tun. Wenn wir uns alle Artikel anschauen würden, die über mich geschrieben wurden (...) Wer weiß, was ich machen würde, wenn ich nicht stark im Kopf wäre. Es gab Tage, an denen ich gesagt habe: Ich kann nicht mehr", erzählt Boateng und fährt fort: "Ich werde nicht nur wegen meiner Leistung kritisiert, es kann ja mal passieren, dass du schlecht spielst. Note 6? Okay, die habe ich verdient. Aber es werden persönliche Sachen geschrieben, um dir weh zu tun. Das darf nicht sein. Doch wir Fußballer sind die Roboter, die das alles hinnehmen müssen."

Der Angreifer wehrt sich auch gegen die Behauptung, dass er in die Rolle des Anführers dränge. "Ich bin noch nie irgendwo hingegangen und habe gesagt: Ich möchte jetzt der Leader sein. Das werde ich nie tun. Die Menschen um mich herum stufen mich so ein, dafür kann ich nichts. Trotzdem habe ich es immer gerne probiert. Aber man wird schnell abgestempelt, das ist bei mir immer passiert. Dann hieß es: Der Leader, der nicht führt", berichtet Boateng.

Kevin-Prince Boateng und kicker-Redakteur Julian Franzke beim Interview-Termin.

Kevin-Prince Boateng und kicker-Redakteur Julian Franzke beim Interview-Termin. kicker

Sogar Gedanken an ein vorzeitiges Karriereende spukten ihm nach der Suspendierung bei Schalke durch den Kopf: "Ich dachte ans Aufhören. Warum nicht? Ich habe viel Geld verdient, alles gesehen und eine wunderbare Familie. Was soll ich noch machen? Aber das waren zwei Tage. Meine Frau sagte: Du kannst jetzt einen Tag ans Karriereende denken, aber morgen gehst du nach dem Aufstehen wieder zum Training."

Auf die schlechten folgten längst wieder bessere Tagen. Bei Las Palmas erzielte Boateng vergangene Saison zehn Tore (fünf Assists), nun will er in Frankfurt noch einmal der Bundesliga seinen Stempel aufdrücken. Ein Grund für seinen Wechsel ist auch Kovac, mit dem er als Youngster bei Hertha zusammenspielte. "Niko hat mich direkt verstanden und wusste, wie man diesen Tiger im Zaum hält. Mit seiner Professionalität, die er schon als Spieler hatte, half er mir sehr. Natürlich habe ich nicht jeden Rat angenommen, aber ich behielt ihn als Vollprofi in Erinnerung. Er sagte immer: Du bist mein Krieger, mit dir kann ich Kriege gewinnen", erzählt Boateng.

Wir stehen als Einheit auf dem Platz, sprechen eine Sprache. Das muss nicht die Sprache sein, die aus dem Mund kommt, es ist die Sprache, wie wir Fußballspielen.

Kevin-Prince Boateng

In der neuen Mannschaft fühlt er sich gut aufgehoben. Auch auf dem Platz hat ihn die Multi-Kulti-Truppe schnell überzeugt. "Als ich ankam, dachte ich, das wird schwer. Ich war schon ein bisschen überrascht. So viele Nationen, so viele Sprachen - jeder hat irgendwo anders gespielt und vielleicht ein anderes System im Blut. Aber der Trainerstab bekommt das sehr gut hin, wir stehen als Einheit auf dem Platz, sprechen eine Sprache. Das muss nicht die Sprache sein, die aus dem Mund kommt, es ist die Sprache, wie wir Fußballspielen. Wir verschieben zusammen, ziehen uns gemeinsam zurück und greifen gemeinsam vorne an, das hat der Trainer allen Jungs eingeschweißt", sagt Boateng.

Julian Franzke

Im kicker-Interview (Donnerstagausgabe) spricht Boateng außerdem über seine Rede vor den Vereinten Nationen und sein Treffen mit Nelson Mandela. Darüber hinaus erklärt er, warum Mailand seine Heimat ist, ihn Titel nicht mehr interessieren, wie schwierig es ist, falsche von echten Freunden zu unterscheiden und weshalb Jürgen Klopp in seinen Augen der beste Trainer der Welt ist.