Der kicker analysiert die Lage bei Eintracht Braunschweig

Relegations-Check: Mit Mentalität gegen Qualität

Eintracht Braunschweig

Zweimal nachsitzen: Eintracht Braunschweig nach dem letzten Spiel gegen Karlsruhe. imago

So ist die Form

Hinter der Form stehen Fragezeichen - bis zum 0:6 von Bielefeld war die Eintracht äußerst stabil, wie das Debakel verarbeitet wurde, lässt sich nicht verlässlich sagen: Beim 2:1 gegen Schlusslicht Karlsruhe ließ die Elf von Torsten Lieberknecht eine Fülle von Großchancen zu, hatte vom Trainer mit Blick auf das Torverhältnis aber auch totale Offensive verordnet bekommen und den Rückwärtsgang zwangsläufig vernachlässigt. Rückschlüsse auf die Relegation und die tatsächliche Formkurve lässt diese Partie daher nicht zu.

So sieht's im Kopf aus

"Wir freuen uns, diese Partien spielen zu dürfen und empfinden es nicht so, dass wir sie spielen müssen." Dieser Satz von Julius Biada drückt die Gemütsverfassung in Braunschweig treffend aus. Nach dem 0:6 am 33. Spieltag hatte die Eintracht eineinhalb Wochen Zeit, sich mental auf die Relegation vorzubereiten und vermittelt den Eindruck, lediglich etwas gewinnen zu können.

Werden besondere Maßnahmen ergriffen?

Nein. "So normal wie möglich", hatte Marc Arnold schon am Wochenende angekündigt, werde die Vorbereitung auf Wolfsburg laufen. Tatsächlich wurde nicht von dieser Marschroute abgewichen. "Auch in Braunschweig gibt es Ruhe", sagt Torsten Lieberknecht.

Was macht Hoffnung?

Die gezeigten Leistungen in der abgelaufenen Saison. Obwohl die Eintracht nach dem Traumstart in die Saison mit fünf Siegen aus fünf Partien spielerisch häufig nicht brillierte, punktete sie mit einem gewissen Selbstverständnis. Mit 66 Punkten sind die Niedersachsen der beste Dritte der 2. Liga seit Einführung der Drei-Punkte-Regelung. Ein weiterer Hoffnungsschimmer: Torjäger Domi Kumbela , bis zum 32. Spieltag ohne Rückrundentreffer, ist auf der Zielgeraden wieder in Form gekommen.

Was macht Angst?

Das 0:6 in Bielefeld. Weil es offenbart hat, dass die über den gesamten Saisonverlauf so stabile Eintracht doch verwundbar ist, wenn ein Gegner das gleiche Maß an Mentalität aufbringt. Bis dahin war sie auch in der Lage, Teams mit höherer individueller Qualität Paroli zu bieten, weil neben der Leidenschaft die defensive Stabilität außerordentlich war. Diese muss die Basis sein gegen Wolfsburgs im Vergleich herausragenden Einzelspieler.

Wie ist die Stimmung im Umfeld?

Die Vorfreude regiert. Das Wissen um die Außenseiterrolle ist allen gegenwärtig, der besondere Reiz, dem finanzstarken Nachbarn zumindest vorübergehend die Vormachtstellung streitig zu machen, gewaltig. Torjäger Kumbela drückt die Stimmung so aus: "Wir werden hier von einer ganzen Stadt getragen." Das könnte insbesondere dann ein Faktor sein, wenn das Duell nach dem Hinspiel noch nicht vorentschieden ist.

So reagiert der Trainer auf die Situation

Torsten Lieberknecht macht alles wie immer. Er lobt den Gegner für dessen hohe Qualität, beschwört aber auch die Mentalität seiner Formation und spielt den Doppelpass mit den Fans, indem er zusätzlich emotionalisiert: "Es ist unfassbar, wie man einen Verein so lieben kann. Wir spüren in diesen Tagen eine wahnsinnige Liebe von den Leuten." Und er betont auch den Stellenwert dieses Relegations-Derbys: "Wir können Geschichte schreiben."

Was passiert im Falle des Scheiterns?

Der Aufstieg war immer ein Teil der Planspiele, aber nicht alle Pläne in Braunschweig waren auf den Aufstieg ausgerichtet. Das bedeutet: Finanziell verändert sich nichts, die Eintracht würde wieder mit einem Personaletat von rund zwölf Millionen starten, müsste aber das Schicksal vieler knapp gescheiterter Klubs auf sich nehmen: Leistungsträger wie Saulo Decarli haben Begehrlichkeiten geweckt. Der Vorteil: Außer Phil Ofosu-Ayeh, der ablösefrei geht, sind die Leistungsträger vertraglich gebunden. Manager Arnold sagt: "Wir wollen natürlich alle halten. Wenn es anders kommt, würden wir aber entsprechende hohe finanzielle Gegenleistungen bekommen."

Sebastian Wolff

10:1 Trainer, 2 Überläufer und 2 VfL-Siege