Bundesliga

FC Bayern Münchens Philipp Lahm - Antizipation in Person

Ein großer Spieler des deutschen Fußballs tritt ab

Lahm - Antizipation in Person

Philipp Lahm

Gegen Freiburg war Schluss: Bayern Münchens Philipp Lahm. imago

In der 87. Minute hatte ihm sein bisheriger Chef Carlo Ancelotti mit seiner Auswechslung den großen Abgang beschert. Zum achten Mal in seiner gigantischen Karriere durfte Lahm kurz darauf die Meisterschale in den Münchner Himmel stemmen, sechsmal war für ihn dieser Titel mit dem Pokal angereichert, also das Double. An internationalen Ehren wurden ihm der WM-Triumph 2014 zuteil sowie der Gewinn der Champions League 2013, veredelt zum historischen Triple.

Die Champions-League-Finals 2010 und 2012 verlor er, im EM-Finale 2008 gegen Spanien musste er eine 0:1-Niederlage hinnehmen. Dieses Spiel, sagt er, hätte er gerne noch einmal gespielt, die Möglichkeit dazu nahm er sich selbst, als er nach dem WM-Sieg in Brasilien und nach 113 Länderspielen als Spieler und Kapitän der deutschen Nationalmannschaft freiwillig abtrat - ebenso überraschend und zu früh wie jetzt. Eine Naturbegabung wie Philipp Lahm, der aufgrund seiner geringen Größe von 1,70 m weniger mit dem Kopf, aber umso mehr mit Köpfchen sein professionelles Tagwerk erledigte, hätte noch bis zu seinem eigentlichen Vertragsende zum 30. Juni 2018 oder noch länger diesen Beruf ausüben können, und zwar ohne Zweifel auf Topniveau.

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Aber Lahm hatte diese Entscheidung gefällt. Und da er seine Ideen konsequent umzusetzen pflegt, dachte er nicht mehr um. So ging dieser Mensch und Profi immer vor. Mit seinem Berater Roman Grill hat er seine Karriere und die einzelnen Schritte strategisch vorgezeichnet, dieser Masterplan führte zum Gipfel. Lahm sammelte alle wesentlichen Titel, die der Weltfußball zu bieten hat, und wirkte dabei wesentlich mit - als herausragender Spieler und als Führungsfigur.

Rechts, links, Mittelfeld? Flexibler Lahm

Für den Bayern-Profi mit der Nummer 21 hätte es eigentlich ein Double gebraucht, beim FCB wie beim DFB. Denn Lahm erledigte die Aufgaben des rechten Außenverteidigers genauso brillant wie die des linken. Wenn er auf der einen Seite ran musste, fehlte er auf der anderen. Und auf beiden, als ihn Pep Guardiola immer wieder ins defensive Mittelfeld versetzte. Auch in dieser mehr gestalterischen Rolle, die er bald für sich favorisierte, brachte Lahm ein, was ihn originär auszeichnete und zum Weltklassespieler qualifizierte: Neben seinen technischen Basisfähigkeiten war es eine außergewöhnliche Spielintelligenz, die ihn defensiv heikle Situationen im Ansatz spüren sowie entschärfen und offensiv Freiräume erkennen und nutzen ließ. Lahm war die personifizierte Antizipation. Er verarbeitete Bälle, gerade in Bedrängnis, mit einer einzigartigen Selbstverständlichkeit: Ballan- und -mitnahme waren bei ihm eine einzige harmonische Bewegung. Mit vermeintlich kleinen Aktionen bewirkte er Großes. Sein Spiel war pragmatisch, nüchtern, zweckdienlich - in der Ausprägung stets erfolgreich.

Arjen Robben, auf der rechten Seite lange Jahre Lahms Partner und damit Profiteur der Lahm'schen Spielkunst, sagt, er werde diesen Kollegen "stark vermissen". So wird es allen Freunden des feinen Fußballs ergehen.

In der kicker-Printausgabe am morgigen Montag lesen Sie, was Uli Hoeneß, Spaniens einstiger Nationaltrainer Vicente del Bosque, Jürgen Klopp, Arsene Wenger, Matthias Sammer und viele andere über die große Karriere des Philipp Lahm sagen: Von "ein toller Junge" bis zu "auf einer Stufe mit Fritz Walter, Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus".

Karlheinz Wild

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