Afrika-Cup 2017 in Gabun

Finke: "Habe nie irgendwelche Favoriten"

Volker Finke

Beobachtet den Afrika-Cup ganz genau: Kameruns Ex-Trainer Volker Finke. imago

Aus Gabun berichtet Hardy Hasselbruch

Er ist kein heuriger Hase mehr auf dem Schwarzen Kontinent. "Es ist der sechste, siebte oder achte Afrika-Cup, den ich besuche und es kommt immer wieder vor, dass mich jemand anruft und fragt, ob ich den Spieler X oder Y kenne", erzählt Volker Finke, "ich werde immer wieder hierherfahren, auch in den kommenden Jahren."

Trainersteckbrief Finke

Finke Volker

Spätestens seit seinem Engagement als Nationaltrainer Kameruns (Mai 2013 bis Oktober 2015) verfolgt der langjährige Freiburger Erfolgstrainer den Fußball in Afrika mit besonderem Interesse, mit speziellen Kenntnissen. Lobend äußert er sich über die Organisation, "da habe ich schon andere Turniere erlebt", meint Finke. "Leider", so empfindet der ehemalige Oberstudienrat und leidenschaftliche Trainer, "sind zwei Stadien erst im letzten Moment fertig geworden und die Rasenflächen sind kaum belastbar." So können die Teams zum Beispiel ihr Aufwärmprogramm vor dem Spiel nicht absolvieren, die Torhüter können sich "nicht wettkampfmäßig" warmmachen, auch das Abschlusstraining am Vorabend kann nicht in den Stadien gemacht werden.

Skepsis wegen des Stadionbaus

Dabei, so Finke, ist beispielsweise das neue Stadion in Port-Gentil durchaus attraktiv. "Ein tolles Stadion, das auch dem SC Freiburg Ehre machen könnte", schwärmt er von der neuen Arena. Doch es bleibt die generelle Frage der Nachhaltigkeit. "Werden hier in diesem Land vier große Stadien gebraucht? Die Unterhaltung der Stadien hinterher ist derartig teuer, dass es kaum möglich ist. Ich habe die Stadien in Burkina Faso ein paar Jahre später gesehen - das ist so traurig, wenn man sieht, wie sie zerfallen." "Weiße Elefanten" in einem kleinen Land wie Gabun! "Es ist schade, dass die Investitionen nicht in eine breitere Infrastruktur gehen." Es gebe immer noch viele, viele Talente hier auf dem Kontinent, "im Vergleich zu meinen Japan-Erfahrungen laufen in Asien nicht so viele Talente herum, wie in Afrika. Das hat etwas mit der Genetik zu tun, mit der Schnelligkeit, mit der Geschmeidigkeit." Und dennoch: "Die Afrikaner müssen aufpassen, dass sie nicht auch noch von den Asiaten überholt werden!"

Trotz großer Talentdichte: Asien holt auf

Talente gibt's nach wie vor in Afrika. "Aber nicht mehr in dem Ausmaß wie früher, als sie am Strand oder in den Straßen gekickt haben", mahnt Finke. Es sei nicht mehr so wie zu den Zeiten von Diarra oder Coulibaly, "die haben jeden Tag ein paar Stunden für kleines Geld auf der Straße gespielt. Die haben mit Gummilatschen ihre Stadtteil-Turniere gespielt und eine Siegprämie eingespielt". Aber auch Afrika erlebt die Digitalisierung, gibt's eine neue Smartphone-Generation. Da spielen dann die Füße und der Fußball kaum noch eine Rolle...

Die Entwicklung hin zur defensiven Dreierkette ist hier nicht angekommen. Ebenso wie das Offensiv-Pressing, das wenigstens zwischendurch mal eingesetzt werden müsste.

Volker Finke

Das aktuelle Turnier in Gabun? "Es hat jeder mitgekriegt, dass Senegal ein auffällig gutes Turnier spielt. Ansonsten wird das Turnier etwas offener. Am ersten Spieltag will keiner verlieren - inzwischen ist alles etwas offener und es fallen mehr Tore. Spieltaktisch, strategisch und von der Spielidee hinken die Afrikaner inzwischen einige Jahre hinterher", sagt Finke. "Das Spiel ist zu statisch, viele spielen inzwischen hier wieder ein 4-4-2-System, das 4-2-3-1 führt hier selten zum Ziel. Die Entwicklung hin zur defensiven Dreierkette ist hier nicht angekommen. Ebenso wie das Offensiv-Pressing, das wenigstens zwischendurch mal eingesetzt werden müsste. Generell sind bei eigenem Ballbesitz zu viele Spieler hinterm Ball. Hier versuchen einige Spieler, die das von Europa kennen, anzulaufen und die sind dann völlig frustriert, wenn sie sehen, dass die anderen nicht mitmachen."

Sonderlob für Ägypten und Ghana

Positiv sieht Volker Finke die Ägypter, "weil sie versuchen, ihr Kombinationsspiel aufzuziehen". Viele andere Teams dagegen suchen nach dem "zweiten oder dritten Pass das lange Anspiel, um dann auf den zweiten Ball zu hoffen". Die Favoritenrolle? "Ghana spielt effektiv, aber nicht unbedingt gut, sie haben die individuelle Stärke ohne die große Gruppenarbeit. Aber nicht jeder Gegner lässt so viele Chancen aus wie beispielsweise Mali oder zuvor Uganda. Vielleicht kann auch Senegals Offensivpower die Meisterschaft gewinnen, trotz Defensivschwächen. Für eine Überraschung könnte auch Tunesien sorgen. Sie haben gegen Algerien teilweise auch gut gespielt. Aber ich habe nie irgendwelche Favoriten. Ich freue mich immer, wenn's ein schönes Spiel gibt. Kombinationsfußball mit einer großen Geschmeidigkeit und einer großen Perfektion. Aber das geht auch nur auf ordentlichen Rasenflächen. Das geht hier kaum. Es ist leider so, dass der Fußball und die Akteure hier nicht im Mittelpunkt stehen", meint der inzwischen 68-Jährige mit der Leidenschaft zum gepflegten Fußball.