Fanforscher Pilz über Stimmung, Ultras und Polizei

"Die haben fast nur noch Krabbenbrötchenpublikum"

Fans in der Bundesliga

"Fußball ist die Stimmung und die Gemeinsamkeit aller sozialen Schichten", sagt Fanforscher Gunter A. Pilz. imago

Was ist Fußball? "Fußball", sagt Gunter A. Pilz in den "Stuttgarter Nachrichten", "ist der Geruch des Rasens, der Schweiß der Spieler, die Stimmung und die Gemeinsamkeit aller sozialen Schichten, gerade auf den Stehplätzen." Doch genau an diesen Grundsäulen wird immer heftiger gerüttelt.

"Der Fußball ist am Scheideweg", findet der bekannte Fanforscher und Sportsoziologe. "Er muss die Balance hinkriegen zwischen denen, die seine soziale und kulturelle Verwurzelung bewahren wollen, und denen, die den Fußball mehr und mehr als Event verstehen." Die Liga wisse sehr genau, "dass sie die Schraube nicht überdrehen darf".

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In England sei das schon passiert. "Die legendäre Stimmung, die englische Stadien einst prägte, ist tot", lautet Pilz' Diagnose. "Die haben fast nur noch dieses Krabbenbrötchenpublikum, das zum Fußball geht, nur um gesehen zu werden." Das Gleichgewicht zwischen Kommerz und Tradition müsse bewahrt werden.

Meine Güte, hört doch mal mit den albernen Gesängen auf, und feuert lieber die Mannschaft an.

Gunter A. Pilz über Ultras

Die Ultras, die sich dem fortschreitenden Kommerz vehement entgegenstellen, sieht Pilz bei allen Verdiensten um die Fußballkultur dennoch "ambivalent": "Man sagt ja immer, das Publikum ist der zwölfte Mann, aber wenn Sie sich das Verhalten der Ultras einmal genau anschauen, sehen Sie, dass sie 90 Minuten lang grölen und hüpfen - völlig losgelöst von dem, was unten auf dem Rasen passiert", kritisiert er.

"Man ertappt sich beim Gedanken: Meine Güte, hört doch mal mit den albernen Gesängen auf, und feuert lieber die Mannschaft an. Die feiern mehr sich selbst als die Spieler. Mich nervt es, wenn es zum völlig unpassenden Zeitpunkt heißt: Steht auf, wenn ihr Schwaben seid oder Ähnliches. Das lenkt mich ab von dem, was auf dem Rasen passiert."

Gunter A. Pilz

"Die Liga darf die Schraube nicht überdrehen": Gunter A. Pilz. picture alliance

Dass Teile der Ultras obendrein immer noch nicht auf Pyrotechnik verzichten wollen, ärgert Pilz zusätzlich. "Es gab ja nun schon Fälle, bei denen Menschen zu Schaden kamen. Die Ultras denken, dass sie mit dem Kauf der Eintrittskarte das Recht erwerben, alles zu tun, was ihnen gefällt. Sie sollten ihre Kreativität lieber darauf verwenden, ähnliche Effekte wie mit den Pyros über legale Mittel zu erreichen", fordert er.

Dass Ultras mehr Mitbestimmung anstreben, hält er dagegen "für eine völlig normale Entwicklung": "Wenn man merkt, dass der Fußball seine Seele verliert, kann man auf den Klub am ehesten einwirken, indem man Mitglied wird und dann über die Gremien auch mitbestimmen kann. Das ist gute demokratische Kultur."

"Die Bundespolizei agiert viel zu autoritär und repressiv"

Was wird die neue Saison bringen? Muss die Bundesliga Ausschreitungen befürchten? "Ich glaube, wir können da relativ entspannt sein. Der DFB ist mit seinem Sicherheitskonzept sehr gut aufgestellt", sagt Pilz, betont aber auch: "Das Problem haben wir ja weniger in den Stadien als in den Zügen und Bahnhöfen, wo die Bundespolizei im Vergleich zur Landespolizei viel zu autoritär und repressiv agiert. Da muss nachgebessert werden."

jpe

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