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Nach Emery, Coke und Gameiro: Sevilla am Scheideweg

Sportdirektor Monchi soll den Umbruch bewerkstelligen

Nach Emery, Coke und Gameiro: Sevilla am Scheideweg

Erfolgsduo, das im Sommer gesprengt wurde: Schalke-Neuzugang Coke (vorne) und Coach Unai Emery kehrten Sevilla den Rücken.

Erfolgsduo, das im Sommer gesprengt wurde: Schalke-Neuzugang Coke (vorne) und Coach Unai Emery kehrten Sevilla den Rücken. Getty Images

Der Substanzverlust ist enorm. Schaut man sich alleine die Abgänge an, bricht Sevilla im kommenden Jahr eine potenzielle erste Elf weg. Keeper Beto (89 Spiele für Sevilla/34 Jahre/ist nun vereinslos) musste der jüngeren Konkurrenz weichen, Identifikationsfigur Coke (173/29/für 4 Mio. zum FC Schalke) wanderte nach fünf Jahren in Andalusien bekanntlich gen Gelsenkirchen ab . Polens EM-Fahrer Grzegorz Krychowiak (90/26/für über 30 Mio. zu PSG) blieb direkt in der französischen Hauptstadt - und wird Sevilla im defensiven Mittelfeld als Antreiber gewaltig fehlen.

Noch schlechter allerdings ist es um die Offensive bestellt: Kapitän José Antonio Reyes (242/32/ablösefrei zu Ligakonkurrent Espanyol Barcelona) fällt genau wie Taktgeber Ever Banega (185/28/ablösefrei zu Inter Mailand) weg. Lebensversicherung Kevin Gameiro (145/29/für über 30 Mio. zu Atletico), der in seiner Zeit bei den Europa-League-Spezialisten 67 Treffer und 17 Vorlagen beisteuerte, geht nun bei der ligainternen Konkurrenz auf Torejagd. Der Weggang des ehemaligen Dortmunders Ciro Immobile (26/15/für 8,5 Mio. zu Lazio Rom) lässt den Kader zumindest nicht breiter werden.

Zu große Schuhe für Kiyotake, Ganso & Co.?

Die Fanlieblinge ersetzen sollen die vorwiegend unbekannten Franco Vazquez (27/kommt für 15 Mio. aus Palermo), Joaquin Correa (21/kommt für 13 Mio. aus Genua), der Brasilianer Ganso (26/kommt für 9,5 Mio. aus Sao Paulo), Ex-Bundesligaspieler Hiroshi Kiyotake (26/kommt für 6,5 Mio. aus Hannover) und Leihspieler Luciano Vietto (22/von Stammverein Atletico Madrid). Gleichwertiger Ersatz klingt freilich anders, mit einem völlig neuen Gesicht auf der Trainerbank wird das aber noch schwerer.

Zusammen für Sevilla: Ex-Hannoveraner Hiroshi Kiyotake (l.) und Sportdirektor Monchi.

Zusammen für Sevilla: Ex-Hannoveraner Hiroshi Kiyotake (l.) und Sportdirektor Monchi. picture alliance

Denn: Erfolgscoach Unai Emery (44) wurde vor der Saison vom Guadalquivir an die Seine gelockt, Paris St. Germain wollte den dreimaligen Europa-League-Sieger unbedingt als Nachfolger für den geschassten Laurent Blanc haben. Der Taktik-Fuchs gilt als "Besessener", der Sevilla mit seinem Führungsstil an die europäische Spitze führte. Mit sich nahm Emery Leistungsträger Krychowiak.

Die Wahl fiel schließlich auf Jorge Sampaoli (56), der in Europa noch ein komplett unbeschriebenes Blatt ist. Der Argentinier verdiente sich vor allem für sein Engagement bei der chilenischen Nationalmannschaft erste Meriten. Schnell feierte Sampaoli Achtungserfolge, nachdem er Chile zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien geführt hatte. Die Gruppe mit Australien (3:1), Spanien (2:0) und den Niederlanden (0:1) überstanden die Lateinamerikaner als Zweiter, im Achtelfinale hatte man Gastgeber Brasilien am Rande einer Niederlage (2:3 i.E.). Im Sommer 2015 sprang bei der Copa America der erste offizielle Titel für die Chilenen heraus, im Januar 2016 trat Sampaoli nach großem Zwist mit der Verbandsspitze zurück.

Monchis Abgang wäre zu viel gewesen

Dass der 56-Jährige nun in Europa seine Chance bekommt, hängt freilich mit Monchi zusammen. So wie eigentlich alles in Sevilla. Sucht man nämlich nach dem wahren Architekten des Erfolgs, verweisen sie einen in Andalusien stets auf Ramon Rodriguez Verdejo (Spitzname: Monchi). Seit 2000 ist er Sportdirektor - und machte aus dem bankrotten Zweitligisten den vierfachen Europa-Champion. Sein Transfergespür (u.a. Rakitic, Dani Alves) gilt in Spanien als einmalig, Angebote von Real Madrid und Barcelona schlug er in der Vergangenheit aus.

Ende Mai dann der Paukenschlag: Spanische Medien berichteten davon, Monchi könnte schon bald den Verein verlassen. Den Verein, den er höchstpersönlich groß gemacht hatte. Manchester United und speziell dessen neuer Coach José Mourinho galten als höchst interessiert . Doch binnen eines Tages folgte die Kehrtwende, stundenlange Gespräche mit der Klubführung bestätigten Monchi darin, sein bis 2020 gültiges Arbeitspapier vorerst weiter zu erfüllen. Um ihn überhaupt aus seinem Kontrakt rauszubekommen, hätte die Konkurrenz fünf (!) Millionen Euro in die Hand nehmen müssen.

Am Ende entschied bei Monchi aber doch das Herz, das so fest an Sevilla hängt. Nun wartet eine echte Mammutaufgabe auf ihn. Doch der Sportdirektor der Andalusier hat in der Vergangenheit schon immer Spieler ausgegraben, die im Süden Spaniens plötzliche Leistungsexplosionen erlebten. Wenn einer Sevilla also nach dem riesigen Umbruch wieder hinbekommen dürfte, dann Monchi.

msc

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