EM

Gewalt nicht nur in Marseille: Fragen und Antworten

Wie UEFA und Polizei reagieren

Gewalt nicht nur in Marseille: Fragen und Antworten

Englische Anhänger werden am Ende der Partie England gegen Russland attackiert

Hässliche Szenen: Englische Anhänger werden am Ende der Partie England gegen Russland in Marseille attackiert. picture alliance

Was geschah in Marseille?

Bei mehrtägigen gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen englischen, russischen und französischen Randalieren in Marseille wurden im Vorfeld des EM-Vorrundenspiels zwischen England und Russland (1:1) 35 Menschen verletzt. Ein Engländer, Mitte 50, schwebt noch in Lebensgefahr - er musste wiederbelegt werden, nachdem ihm mehrfach gegen den Kopf getreten worden war. Die gewaltbereiten Anhänger prügelten brutal mit Stühlen und anderen Gegenständen aufeinander ein . Die Polizei setzte immer wieder Tränengas ein und nahm acht Personen fest. In Marseille hatten englische Hooligans schon während der WM 1998 für erschreckende Bilder gesorgt .

Wie kam es zu den Ausschreitungen?

Es war wohl eine üble Kombination aus gewaltbereiten Menschen, viel Alkohol und gegenseitigen Provokationen. Manche werfen zusätzlich der Polizei Mängel in Sachen Fantrennung vor. Kevin Miles, Chef der englischen Fanvereinigung, sagte dem "Telegraph": "Es gibt keine Frage, dass Gruppen von Einheimischen Attacken auf englische Fans geplant und ausgeführt haben, nur weil es englische Fußball-Fans waren. Dies wurde einfach wiederholt von russischen Hardcore-Hooligans, die sich vor den Attacken formiert haben. Es sah aus, als hätten sie monatelang dafür trainiert."

Heute bringt man Feuerwerkskörper ins Stadion, morgen vielleicht eine Bombe.

Russlands Verbandsfunktionär Wjatscheslaw Koloskow

Was passierte im Stadion?

Kurz vor dem Ende der Partie kam es auch im Stade Velodrome zu Auseinandersetzungen . Es war zu sehen, wie russische Anhänger auf englische in benachbarten Blöcken losgingen, Ordner überrannt wurden. Die Attackierten flüchteten über Treppen und Zäune bis in den Innenraum der Arena, der "Guardian" schrieb von einem "Mix aus Gewalt und Massenpanik" . Während des Spiels zündeten Russen Pyrotechnik. "Heute bringt man Feuerwerkskörper ins Stadion, morgen vielleicht eine Bombe", warnte Verbandsfunktionär Wjatscheslaw Koloskow.

Was sahen die TV-Zuschauer davon?

Nahezu gar nichts. Weil die UEFA ein Weltbildsignal zur Verfügung stellt und bestimmte Bilder (Schlägereien, Flitzer, Pyrotechnik) nicht zeigen will, musste sich der ZDF-Zuschauer am Samstagabend mit den beschreibenden Worten des Kommentators begnügen.

Kam es auch in anderen Städten zu Gewalt?

Ja, vor der EM-Begegnung zwischen Nordirland und Polen wurden nach Angaben der Präfektur des Departements Alpes-Maritimes in Nizza neun Menschen verletzt, eine Person davon schwer am Kopf. Einheimische Jugendliche aus der Ultra-Szene hätten mit Flaschen nordirische und polnische Fans attackiert, hieß es. "Einige Flaschen wurden zurückgeworfen, es kam zu Prügeleien", sagte ein nordirischer Polizist, der die Fans in Frankreich begleitet, der Nachrichtenagentur AFP. Spezialkräfte der Polizei beruhigten die Lage schnell, es kam zu drei Festnahmen. Viele andere Fans aus Nordirland und Polen feierten dagegen friedlich gemeinsam.

Wie reagierte die UEFA?

Die Disziplinarkommission der UEFA hat nach den Ausschreitungen beim EM-Spiel zwischen England und Russland inzwischen Ermittlungen aufgenommen - und auch ein Disziplinarverfahren gegen den russischen Verband RFS eingeleitet. Schon am Dienstag soll ein Urteil gefällt werden. Ermittelt wird wegen der Aggressionen der russischen Zuschauer, rassistischen Verhaltens und des Abbrennens von Feuerwerkskörpern. Die UEFA räumte ein, dass es Probleme bei der Trennung der englischen und russischen Fangruppen gegeben habe. Deshalb werde man auch das Sicherheitspersonal bei allen Spielen erhöhen.

Kann die UEFA auch die Vorfälle in den Innenstädten ahnden?

Ja, das gibt ihre "Rechtspflegeordnung" her. Dort geht es auch um "Verstöße gegen Ordnung und Disziplin, die im und um das Stadion beobachtet werden". Das mögliche Strafmaß für die Mitgliederverbände reicht von einer Ermahnung bis zum Ausschluss aus einem Wettbewerb.

Wenn es ein Scheitern gibt, ist es ein Scheitern des Fußballs.

Henry-Pierre Brandet, Sprecher des französischen Innenministeriums

Was wird den französischen Behörden und Organisatoren vorgeworfen?

Mangelnde Fantrennung in Marseille, nur vereinzeltes Alkoholverbot in den Innenstädten (z.B. in Lens) und generelle Defizite in der Vorbereitung auf Gewalt durch Hooligans.

Wie reagieren Polizei und Innenministerium darauf?

Marseilles Polizei verteidigt ihr Vorgehen. "Ich möchte hervorheben, dass die schnelle Reaktion, die Beherrschung und die Entschlossenheit der Polizisten zweifellos noch viel schlimmere Zwischenfälle verhindert haben", sagte der Polizeipräfekt der Mittelmeerstadt, Laurent Nunez, am Sonntag dem Radiosender "France Info". Henry-Pierre Brandet, Sprecher des Innenministeriums, wies den Vorwurf mangelnder Vorbereitung zurück. Die britische Regierung habe vor der EM 3000 Hooligans ihre Pässe abgenommen, Frankreich habe Einreiseverbote gegen 3000 Menschen verhängt. "Wenn es ein Scheitern gibt, ist es ein Scheitern des Fußballs, der ganz klar zeigt, dass er noch an einem Teil seiner Fans krankt", sagte Brandet dem Sender BFMTV. Und das lediglich vereinzelte Alkoholverbot? Dafür seien die Bürgermeister zuständig.

jpe/dpa/sid