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Leicester City: Eine gute Geschichte - Warum das Meister-Märchen so gut tut

Warum Leicesters Märchen so gut tut

Leicester City: Eine gute Geschichte

Leicester-Stürmer Leonardo Ulloa jubelt vor den Fans

Eine Geschichte, die jeden Pathos verdient hat: Leicester City ist Meister, tatsächlich. imago

Es war der 356. Abpfiff der Premier-League-Saison, doch jener, der am Montagabend an der Stamford Bridge ertönte, der war anders. Er war wie Hypnose, er schien die Fans des Leicester City Football Club schlagartig in Kleinkinder zu verwandeln. Sie staunten, sie lachten, alles war neu. Was sie von sich geben konnten, waren Schreie und unverständliche Laute, die ein wenig klangen wie der Besitzer ihres Klubs, Srivaddhanaprabha. Sie waren Meister, tatsächlich.

Machen "Junge Wilde" den VfB Stuttgart zum Meister, ist es ein Wunder. Führt Felix Magath den VfL Wolfsburg zum Titel, ist es ein Wunder. Doch wie, bitteschön, soll man dann das nennen, was sich in dieser Saison in Leicester zutrug ? Vielleicht einfach - wie sagte Trainer Claudio Ranieri so herrlich schlicht - "a good story", eine gute Geschichte, eine Geschichte der Guten, um so pathetisch zu werden, wie es diese Geschichte verdient.

Premier League - Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
Leicester City
80
2
Tottenham Hotspur
70
3
FC Arsenal
68
Leicester City - Vereinsdaten

Gründungsdatum

01.01.1884

Man nehme einen Klub, der in 132 Jahren ein paar Mal auf- und abgestiegen ist und drei Ligapokalsiege gefeiert hat, mehr nicht; der letzte Saison nur mit einem phänomenalen Endspurt den Klassenerhalt geschafft hatte, danach als logischster Abstiegskandidat galt, dessen Meister-Wettquote 5000:1 betrug ; der den zweitgünstigsten Kader der Premier League beschäftigt und dazu einen Trainer, der vorigen Sommer nur auf dem Markt war, weil er gerade als griechischer Nationaltrainer auf den Färöern verloren hatte.

Leicester ist ein fantastisches Beispiel dafür, dass es im Fußball nicht nur ums Geldausgeben geht.

Arsenal-Trainer Arsene Wenger

Man nehme außerdem einen Torwart (Kasper Schmeichel), der plötzlich genau wie sein Vater weiß, wie es ist, englischer Meister zu sein; zwei Innenverteidiger (Robert Huth und Wes Morgan), die mit vermeintlich prähistorischen Mitteln eine Mauer errichteten, die kein Weißer Wanderer je überwunden hätte; einen 1,69-Meter-Irrwisch (N'golo Kanté), der schon bald, so Ranieris Prophezeiung, eine selbst geschlagene Flanke einköpfen wird; einen 2014 zufällig in Le Havre entdeckten Algerier (Riyad Mahrez), der Leicester erst für ein Rugbyteam hielt und jetzt "Englands Fußballer des Jahres" ist ; und natürlich Jamie Vardy, früher elektronische Fußfessel und 5. Liga mit 25, heute gefürchteter Torjäger und EM-Hoffnungsträger.

Was ist da schon Magaths Meisterjahr?

Auch Leicester ist ein Klub der Investoren, mit verkauftem Stadionnamen und seltsamen Finanzgeschäften . Es gibt durchaus Gründe, ihn nicht generell sympathisch zu finden. Und trotzdem ist es wundersam, ja wunderbar, wie die "Foxes" Chelsea und Manchester United, Arsenal und Manchester City gleichzeitig erröten ließen. "Leicester", sagte Arsene Wenger, "ist ein fantastisches Beispiel dafür, dass es im Fußball nicht nur ums Geldausgeben geht."

Das Beispiel Leicester zeigt: Auch Teamgeist kann man planen

In der Tat zeigte der - Wie sich das wohl jetzt anhören muss? - amtierende Meister, worum es auch, vielleicht sogar noch viel mehr geht: Leicester behielt im Sommer die Ruhe, als der nächste Abstieg zu drohen schien, und im Winter, als die Champions League winkte. Mit unorthodoxem Scouting und unorthodoxer Geduld wuchs ein Team, das schlicht zusammenpasst. Eine Symbiose zwischen Trainer und Mannschaft, seinen Vorstellungen und ihren Fähigkeiten. Auch Teamgeist kann man planen.

Es gibt also gute Gründe, warum Leicester diese "good story" erzählen konnte. Doch das Schönste an ihr ist etwas anderes: dass man sie eben nicht vollständig erklären kann, dass sie niemand kommen sah und es trotzdem einfach passiert ist. Darum hört man sie so gerne.

Mag sein, dass die "Füchse" in der Champions League grandios scheitern werden, mag sein, dass sie im Premier-League-Mittelfeld versinken, dass sich Ranieris putzige, herzerwärmende Teamführung abnutzt, dass der eine oder andere Meistermacher dem Ruf noch größerer Gehälter erliegt; vielleicht sogar, dass ein paar dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht kommen .

Wer dem Fußball das Unerwartete nimmt, nimmt ihm irgendwann sein Herz

Doch für diese eine Saison haben sie den Fußball daran erinnert, was ihn ausmacht. Und das tut vielen Fans einfach gut in einer Zeit, da Topklubs laut über eine Superliga nachdenken oder gar nach einer Champions-League-Setzliste lechzen , damit ein Einnahmeausfall, wie ihn ein Ausnahmefall namens Leicester einigen Großen schon jetzt beschert hat, nicht mehr vorkommen kann.

Wer dem Fußball mit Setzlisten und Ausgrenzungen das Unerwartete nimmt, wer ihm Kaiserslautern 1998, Griechenland 2004, Leicester 2016 nimmt, der nimmt ihm irgendwann sein Herz, das schon jetzt ein paar bedenkliche Aussetzer hat. Der 356. Abpfiff dieser Premier-League-Saison erinnert daran, dass es sich immer noch so anfühlen kann, als habe es gerade erst begonnen zu schlagen.

Jörn Petersen

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