Ausgerechnet BVB-Vertreter stimmt dagegen

Grindel-Wahl: Keine spanischen Verhältnisse

Blumen und Glückwünsche für den neuen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel.

Blumen und Glückwünsche für den neuen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Getty Images

250 von 255 möglichen Stimmen fielen auf den einzigen Kandidaten. Eine Enthaltung (Grindel), vier Gegenstimmen. Zwei kamen vom SC Freiburg, zwei von Borussia Dortmund und damit ausgerechnet dem Klub von Reinhard Rauball. Er, der zusammen mit Rainer Koch dem DFB zuletzt interimistisch vorstand, hatte in der vergangenen Woche als Sprachrohr des Profilagers noch einmal mächtig Druck auf die Amateure ausgeübt. Kurz vor Beginn des Wahl-Prozederes, passenderweise im Saal Harmonie des Messe-Kongresscenters, fanden sich die Vertreter des Ligaverbandes einen Stock höher ein, im Saal Fantasia. Nur ein kurzes Infogespräch sei das gewesen, sagt Rauball hinterher, nach zehn Minuten endete das Meeting.

Trotz der vier Gegenstimmen betonte Rauball, dass sich die Kritik aus dem Profilager nie auf die Person Grindel bezogen habe, sondern auf das Vorpreschen der Amateure beim Wahlvorschlag für die Nachfolge von Wolfgang Niersbach: "Es hat uns irritiert, wie die Spitze der Regional- und Landesverbände ohne Rücksprache mit dem Ligaverband einen gemeinsamen Kandidaten ausgerufen hat. Die Liga hat trotz einiger Bedenken beschlossen, diesem außerordentlichen Bundestag und damit der Wahl von Reinhard Grindel nicht im Wege zu stehen. Nicht wenige in unseren Reihen waren der Ansicht, dass es etwas mehr Zeit der Vorbereitung bedurft hätte." Am Ende stünde aber die Handlungsfähigkeit des DFB im Vordergrund.

Rauball: Machtspiele zwischen Profis und Amateuren kontraproduktiv

Rauball betonte, dass künftige Machtspiele zwischen Profis, die mit nur 74 Stimmen im DFB-Bundestag klar in der Unterzahl sind, und Amateuren kontraproduktiv seien: "Wir wollen keine Verhältnisse wie in England oder Spanien, wo sich Liga und Verband nichts mehr zu sagen haben." Aber: "Bedeutende Personalentscheidungen sollen künftig unter Einbeziehung des Ligaverbandes stattfinden." Ein klarer Hinweis, dass eine solch große Personalrochade ausgehend vom Amateurlager nicht mehr am Ligaverband vorbeigehen darf. Denn schließlich wurde in Frankfurt nicht nur Grindel auf den Thron gehievt; der Bundestag wählte Stephan Osnabrügge zu seinem Nachfolger als Schatzmeister und Friedrich Curtius wie erwartet zum neuen Generalsekretär.

Ansonsten beschwor Rauball vor allem Einigkeit, genau wie Rainer Koch. "Wir haben konstruktive und hin und wieder auch kontroverse Diskussionen geführt", sagte Koch. Am Ende, so der DFB-Vize, habe man aber stets einvernehmliche Entscheidungen getroffen.

Vor Wahl: Grindel dankt Vorgänger Niersbach

Nun also ist Grindel DFB-Präsident. Noch vor seiner Wahl lobte der Mann aus Rotenburg an der Wümme die Lebensleistung seines anwesenden und von den Delegierten beklatschten Vorgängers. Man bemesse Wolfgang Niersbach an seinen 28 Jahren beim DFB, "und nicht an einer einzigen Pressekonferenz". Niersbachs Auftritt im Oktober 2015 rund um die 6,7-Millionen-Euro-Zahlung des Organisationskomitees (OK), die den WM-Skandal losgetreten hatte, und seine Recherchen im Geheimen dazu hatten ihn den Kopf gekostet. Den langen Applaus für seinen Vorgänger will Grindel nicht als Gegensignal für den beim DFB kolportierten Neuanfang verstanden wissen: "Der Beifall für Wolfgang Niersbach zeigt aber, dass er nach wie vor eine hohe menschliche Sympathie beim Ligaverband und den Amateuren genießt."

Der Fahrplan des DFB-Präsidenten sieht die Einrichtung einer Stabsstelle Compliance, einer Ethikkommission und eines Aufsichtsrats vor sowie mehr Transparenz in Form eines Finanzberichts. Beschlussfähig bis zum nächsten ordentlichen DFB-Bundestag im November in Erfurt. Bis dahin will Grindel auch sein Bundestagsmandat abgeben.

Wir sind guter Hoffnung, dass die Gemeinnützigkeit des DFB auch von der Steuerverwaltung nicht in Frage gestellt werden wird.

Rainer Koch

Fragen bleiben. Auch, weil der DFB offenbar weiterhin auf Niersbach in den Exekutivkomitees in FIFA und UEFA setzt. Der 65-Jährige betonte am Rande, dass er gerne in diesen Gremien bleiben wolle. Der DFB scheint das auch im Hinblick auf die EM-Bewerbung für 2024 zu unterstützen. "Ja, die Ethikkommission der FIFA ermittelt gegen ihn", sagte Rauball, stellte aber im gleichen Atemzug fest: "Sie hat keine sofortige Suspendierung angeordnet. Daher machen wir keine Vorverurteilung."

Den steuerlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Frankfurt sieht der Verband gelassen entgegen. "Wir sind guter Hoffnung, dass die Gemeinnützigkeit des DFB auch von der Steuerverwaltung nicht in Frage gestellt werden wird", erklärte Rainer Koch. Kolportierte 20 bis 25 Millionen Euro spart der Verband pro Jahr an Steuern durch seine Gemeinnützigkeit. Die Anzeige bei der Hamburger Vergleichsstelle ÖRA, um zivilrechtliche Ansprüche gegen den Chef des OK der WM 2006, Franz Beckenbauer, Strippenzieher Fedor Radmann sowie die OK-Vizepräsidenten Theo Zwanziger, Horst R. Schmidt und eben Niersbach nicht verjähren zu lassen, verteidigte Koch. Dieser Vorgang ist in der Tat als unabhängiger Schritt im Zeichen von Good Governance zu sehen, auch wenn er sich möglicherweise gegen alte Freunde des DFB, wie es eben Niersbach oder Beckenbauer sind, richtet. Eine vertrauensbildende Maßnahme quasi.

Der DFB will Vertrauen zurückgewinnen

Vertrauen. Das ist ein Wort, das sowohl Grindel als auch Rauball und Koch auffällig oft benutzen. Der WM-Skandal hat Kredit gekostet. Dieses Vertrauen will der DFB nun zurückgewinnen. "Wir waren nicht so gut, wie über uns nach der WM 2014 geschrieben wurde", sagt Grindel. "Aber wir sind auch nicht so schlecht, wie wir nach der Affäre beschrieben wurden." Worte, an denen sich Grindel messen lassen muss - denn schon im November wird in Erfurt wieder gewählt.

Benni Hofmann

kicker.tv Hintergrund

Neuer DFB-Chef Grindel soll Verband in die Zukunft führen

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