Ex-Schalker und -Dortmunder im großen kicker-Interview

Freund: "Breitenreiter hat das Umfeld unterschätzt"

Steffen Freund

Bei zwölf Revierderbys auf dem Platz: Dreimal trug Steffen Freund das blaue, neunmal das gelbe Trikot. imago

kicker: Spätestens nach den jüngsten Entwicklungen, den Seriensiegen des BVB und der 0:3-Pleite von Schalke in Ingolstadt, ist Dortmund haushoher Favorit im Revierderby. Wo sehen Sie Schalkes Chancen, Herr Freund?

Freund: Aufgrund der Entwicklung der vergangenen Wochen müsste ich das genau so sehen. Aber: Das Europa-League-Spiel der Borussia gegen den FC Liverpool war enorm kräfteraubend, ich habe es im Stadion gesehen. Das gibt Schalke einen leichten Vorteil, zudem spielt S04 vor heimischer Kulisse – auch das ist ein Vorteil.

Bundesliga - 29. Spieltag
Bundesliga - Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
Bayern München
75
2
Borussia Dortmund
68
3
Hertha BSC
49
Trainersteckbrief Tuchel

Tuchel Thomas

Trainersteckbrief Breitenreiter

Breitenreiter André

FC Schalke 04 - Vereinsdaten

Gründungsdatum

04.05.1904

Vereinsfarben

Blau-Weiß

Borussia Dortmund - Vereinsdaten

Gründungsdatum

19.12.1909

Vereinsfarben

Schwarz-Gelb

kicker: Wie viel Liverpool steckt in den Köpfen der Dortmunder?

Freund: Platz zwei ist dem Team nicht mehr zu nehmen, und Bayern München macht nicht die Anstalten, überhaupt nochmal ein Spiel zu verlieren. Die Meisterschaft ist also weg. Aber der BVB kann, nachdem sie zweimal im Finale gescheitert sind, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in der Europa League den Cup holen.

kicker: Was bedeutet das für das Derby?

Freund: Es kommt für Schalke 04 gerade Recht. Der BVB muss hingegen den Spagat schaffen, trotz Kraftverlust. Aufgrund der Stärken beider Gegner, also Liverpool wie Schalke, kann es sich Tuchel wohl kaum erlauben, großartig zu rotieren. Positiv ist in diesem Fall natürlich die Rückkehr einiger Verletzten, die dann für ein wenig Entlastung sorgen können. Blickt man also nur auf die Bundesliga, geht Dortmund als klarer Favorit in das Derby. Betrachtet man das Ganze, inklusive der Doppelbelastung Europa League, sehe ich sogar Vorteile für Schalke.

Youri Mulder, Steffen Freund

Der Dortmunder: An diesem 14. November 1998 gewinnt Freund (hier gegen Youri Mulder) das Derby mit dem BVB 3:0. imago

kicker: Sie erklären die Meisterschaft für abgehakt, sprechen indes den Titel in der Europa League an. Wer ist Ihr Favorit?

Freund: Vor dem Spiel Dortmund gegen Tottenham habe ich gesagt, dass die Mannschaft, die weiterkommt, der Topfavorit ist. Demzufolge: Borussia Dortmund. Tottenham ist über die ganze Saison noch stärker als Liverpool. Ich war aber enttäuscht, dass die Spurs die Partie nicht ernst genommen und auf wichtige Spieler verzichtet haben. Deshalb ist meine Aussage über ein vorzeitiges Finale vielleicht etwas zu hochgegriffen. Aber in der Europa League kann den Dortmundern, neben Liverpool, eigentlich nur noch der FC Sevilla gefährlich werden.

kicker: Was für ein Spiel erwarten Sie am kommenden Sonntag?

Freund: Ich erwarte alles (lacht). Von Roten Karten bis hin zu sechs Toren. Volle Emotionalität und Leidenschaft. Die Schalke-Fans werden enorm heiß sein. Grade ein Derby ist, wenn es schwierig läuft für die Gelsenkirchener, immer eine große Chance. Die Atmosphäre heizt sich auf. Auch aus tabellarischer Sicht benötigt S04 einen Erfolg. Ich erwarte ein großartiges Spiel, kein taktisches Abwarten wie wir es aus der Vergangenheit kennen. Nein, kein 0:0, kein 1:1.

Die ganze Gemeinde spricht und träumt vom Titel - davon ist Schalke 04 aber weit entfernt.

Steffen Freund über die aktuelle Situation bei Schalke

kicker: Was macht Ihnen Hoffnung bei Schalke – oder bereitet Ihnen der Klub aktuell nur Sorgen?

Freund: Schalke startete mit acht Siegen in den ersten zehn Pflichtspielen. Das konnte so positiv nicht weitergehen. Bei den Königsblauen fehlt seither die Kontinuität – und alles wird sehr schnell infrage gestellt. Drucksituationen, die ganze Gemeinde spricht und träumt vom Titel, machen es nur schwerer. Doch davon ist Schalke weit entfernt. Das Anspruchsdenken gilt es herunterzuschrauben. Sie liegen aktuell lediglich vier Punkte hinter Platz drei. Diesen Rang zu erreichen, darum geht's. Dann wäre es eine sehr gute Saison und das Ziel übererfüllt. Schalke hat den Anspruch, international zu spielen.

kicker: Trainer André Breitenreiter scheint nicht völlig unumstritten zu sein. Wie bewerten Sie den Coach?

Freund: Die Debatte kommt über die Medien und ist nur schwer aufzuhalten. Das zeigt aber auch, welch hohen Stellenwert der Klub in den Medien und in der Liga hat. Ich denke, dass Breitenreiter dieses Umfeld nach seinem sehr guten Start etwas unterschätzte. Man muss vorher wissen, was auf Schalke auf einen zukommt. Die Stimmung kann sehr schnell kippen. Er coachte das eher beschauliche Paderborn und jetzt Schalke – vielleicht den schwierigsten Verein Deutschlands. Aussagen wie "Punkte gegen den BVB sind Bonuspunkte" wird er sicher so nicht noch mal treffen.

kicker: Kann er es auf Schalke dennoch packen?

Steffen Freund

Der Schalker: Bis Sommer 1993 stand Steffen Freund bei Schalke 04 unter Vertrag. Von drei Derbys gewann er zwei, 2:0 und 5:2. imago

Freund: Sportlich ist ja noch alles offen. In seiner zweiten Saison kann er die Dinge besser einschätzen und wird einen Schritt weiter sein.

kicker: Kommt es überhaupt zu seiner zweiten Saison auf Schalke, oder plant Christian Heidel schon mit einer anderen Personalie?

Freund: Nein, ganz im Gegenteil. Das passt nicht zur Persönlichkeit von Heidel, schon jetzt hinter den Kulissen den Trainer infrage zu stellen. Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Diskussionen um Breitenreiter heizen die Medien an; Heidel verfolgt aber noch einen klaren Plan: Er will sich mit Mainz für Europa qualifizieren. Personalentscheidungen trifft auf Schalke der Aufsichtsrat.

kicker: Gut, dann unabhängig vom künftigen Manager Heidel. Welches Standing hat Breitenreiter beim Aufsichtsrat?

Freund: Ok, ich spekuliere mit. Ich glaube schon, dass Breitenreiter hinterfragt wurde und wird, weil die Stimmung gekippt ist. Somit müssen die Verantwortlichen über diese Personalie und die dazugehörigen Abläufe sprechen. Vor allem nach so einem 0:3 in Ingolstadt. Das ist deren Job. Es wäre fahrlässig, wenn sich ein Verein nicht über den öffentlich kritisierten Trainer unterhält. Eine solche Diskussion muss zum Wohle des Klubs geschehen.

Als Spieler hört man von Familie, Freunden und Fans: "Bring' einen Sieg nach Hause."

Steffen Freund über die besondere Stimmung zur Derby-Zeit

kicker: Derbyzeit ist eine spezielle Zeit. Sie liefen in zwölf Derbys auf, davon neunmal für die Schwarz-Gelben und dreimal für die blaue Fraktion. Was verbinden Sie mit dem Ruhrpott-Schlager?

Freund: Ganz klar: Es ist die wichtigste Partie für alle Schalke- und Dortmund-Fans. Alles dreht sich nur um dieses eine Spiel, jeder will es gewinnen. Die Menschen wollen, wenn sie am nächsten Tag zur Arbeit gehen, sagen, dass sie gewonnen haben. Die Nähe der Vereine unterstützt diesen Hype; die Fans erleben und leben ihren Verein sehr speziell. Das macht diesen Klassiker so interessant. Als Spieler hört man von Freunden, Familie und Fans: "Bring' einen Sieg nach Hause." (lacht)

kicker: Wie sieht es der Spieler, der sozusagen in den Ring steigt?

Freund: Jeder Profi freut sich darauf, jeder spricht von dieser Partie. Aber die Spielergeneration hat sich ein wenig verändert.

Veltins-Arena

Der Schauplatz am Wochenende: Am Sonntag um 15.30 Uhr steigt vor 61.153 Zuschauer der Schlager zwischen S04 und dem BVB. imago

kicker: Inwiefern?

Freund: Es sind zwar echte Vollprofis, sie trainieren hart, bereiten sich vor, achten auf Fitness, auf die Kondition und auf die Ernährung ... Vielleicht sind sie besser trainiert und geschult, als wir zu unserer Zeit. Aber sie identifizieren sich nicht mehr so mit ihrem Verein.

kicker: Das heißt?

Freund: Die Fans wollen wissen, dass es auch für den Spieler das wichtigste Spiel des Jahres ist und dass sie einhundert Prozent für den Klub geben. Dass man über das gegnerische Team und die Gegenspieler informiert ist. Wer spielt wo, wer spielt wie. Die Schalker könnten das jetzt tun, sie müssen international nicht ran, können Dortmund analysieren. Für die Gelsenkirchener begann die Vorbereitung auf das Derby wohl am Dienstag, während der BVB frühestens am Freitag damit anfangen kann. Das sehe ich als große Chance.

kicker: Sie schwimmen gegen den Strom, glauben nicht, dass Dortmund der große Favorit auf den Derbysieg ist; erwarten kein taktisches Geplänkel, sondern ein großartiges Spektakel. Was tippen Sie?

Freund: Schalke gewinnt 3:2.

Interview: Georg Holzner

Diese 24 spielten für Dortmund und Schalke