Bundesliga

"Die haben uns angebrüllt, beschimpft, bespuckt"

Ex-Keeper erinnert sich an Gladbachs 0:4 in Madrid vor 30 Jahren

"Die haben uns angebrüllt, beschimpft, bespuckt"

Uli Sude

"Einige von uns waren der ganzen Sache alleine von der Psyche her nicht gewachsen": Uli Sude. imago

kicker: Herr Sude, wie oft in den vergangenen 30 Jahren haben Sie sich gefragt, was nach dem 5:1-Hinspiel-Erfolg eigentlich schief lief?

Uli Sude (59): Tja, die Erklärungen waren eigentlich schon damals schnell gefunden: Real besaß eine unglaubliche Heimstärke und hat zu dieser Zeit auch andere Teams abgeschossen. Außerdem war es sicherlich nicht förderlich, dass wir wussten: Okay, wir können sogar 0:3 verlieren und sind immer noch weiter. So ein Denkansatz ist immer ein Fehler. Und man muss ehrlich zugeben: Einige Leute waren mit der Situation komplett überfordert.

Bundesliga - 16. Spieltag
Bundesliga - Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
Bayern München
43
2
Borussia Dortmund
38
3
Hertha BSC
29
Bor. Mönchengladbach - Vereinsdaten

Gründungsdatum

01.08.1900

Vereinsfarben

Schwarz-Weiß-Grün

Real Madrid - Vereinsdaten

Gründungsdatum

06.03.1902

Vereinsfarben

Weiß-Blau

kicker: Schildern Sie bitte mal ein paar Dinge, die damals abliefen. Schon vor dem Anpfiff sollen die Real-Spieler auf die Borussen losgegangen sein.

Sude: In den Katakomben gab es zwischen den Kabinen diesen Zaun, so einen Maschendrahtzaun, an dem wir vor dem Einlaufen ins Stadion gewartet haben. Plötzlich rissen die Spanier ihre Kabinentür auf und sind wie die Wilden in diesen Zaun reingesprungen, haben uns angebrüllt, beschimpft und bespuckt. Da dachten wir noch: Schön übermotiviert die Jungs, lass die mal springen und sich austoben. Aber mit dem Anpfiff - das war dann eine andere Welt. Einige von uns waren der ganzen Sache alleine von der Psyche her nicht gewachsen.

Ich direkt ein Hämatom ohne Ende und der Schiedsrichter nach dem Motto: Wenn's Auge noch drin ist, reicht auch mal ne Ermahnung.

Uli Sude

kicker: An was erinnern Sie sich noch?

Sude: Die Stimmung auf den Rängen - genauso ein Wahnsinn. Du kommst ja wie so ein Maulwurf aus dieser Luke raus, wenn es raus auf den Platz geht. Und als wir draußen waren, setzte dieser unglaubliche Lärm ein. 100.000 Zuschauer! Du hast kein Wort mehr verstanden. Da war klar: Ab jetzt ist hier jeder auf sich alleine gestellt.

kicker: Reals Einschüchterungsversuche zeigten die gewünschte Wirkung.

Sude: Im Spiel ging es auch gleich voll zur Sache. Bei meinem ersten Ballkontakt gehe ich zur Flanke hoch, da haut mir der Jorge Valdano schon den Ellbogen ins Auge. Ich direkt ein Hämatom ohne Ende und der Schiedsrichter nach dem Motto: Wenn's Auge noch drin ist, reicht auch mal ne Ermahnung. Der hat den Valdano gerade mal kurz darauf hingewiesen, dass er so etwas nicht darf. Früher war man eben Freiwild, speziell auswärts. Von hinten mit beiden Beinen in den Gegner rein? Weiter geht's, wenn nix gebrochen ist. Da war ein Heimspiel ein Heimspiel.

Nach der Landung in Köln standen wir am Kofferband Nummer eins - der Jupp Heynckes an Band 19. Er wollte mit uns nichts mehr zu tun haben.

Uli Sude

kicker: Warum wehrte sich die Mannschaft nicht?

Sude: Schwer zu sagen. Wir waren hilflos und total überfordert. Ich weiß nur: Wenn man den Ball hatte, drehten sich alle weg. Da konnte man die Kugel nur noch lang nach vorne kloppen. Selbst so ein abgezockter Profi wie Frank Mill hat damals eine Riesen-Chance einfach versemmelt, als er alleine aufs Tor zugelaufen ist.

kicker: Thomas Krisp sagten Sie einmal nach, er sei vor Nervosität "auf Knien gelaufen".

Sude: War ja auch so. Ich werfe ihn an, er zieht mit dem Ball los und plötzlich läuft er auf den Knien weiter. Wie eine Raupe. (lacht) Das glaubt einem ja keiner, wenn man es nicht gesehen hat, ihm sind die Unterschenkel einfach weggeknickt. Aber auch andere hatten richtig Probleme.

kicker: Trainer Jupp Heynckes soll acht, neun Totalausfälle gezählt haben. Nur Sie und Wilfried Hannes nahm er von der Kritik aus.

Sude: Unter unserem Auftritt hat Jupp Heynckes richtig gelitten. Abends nach dem Spiel sind wir direkt zurück nach Deutschland geflogen. Nach der Landung in Köln standen wir am Kofferband Nummer eins - der Jupp an Band 19. Er wollte mit uns nichts mehr zu tun haben. Verständlich, muss ich zugeben.

kicker: Wie ging es dann weiter?

Sude: In der nächsten Besprechung gab's vom Jupp erstmal eine Kopfwäsche. "Versager eins, Versager zwei..." und so weiter.

 Uli Sude in Aktion beim furiosen 5:1-Hinspiel-Triumph gegen Real Madrid

Zugepackt: Uli Sude in Aktion beim 0:4 in Madrid. Der Keeper war einer von wenigen Borussen mit Normalform. imago

kicker: Am Wochenende spielte die Borussia dann auf Schalke...

Sude: ...und in der Spielersitzung hat Charly Stock (damals Masseur und Betreuer, Anm. d. Red.) die Aufstellung an die Tafel geschrieben. Jupp Heynckes war gar nicht da. Er ließ über Charly ausrichten: "Ihr wisst ja eh alles besser, regelt das selbst." Psychologisch ein einwandfreier Schachzug vom Jupp. Ich glaube, wir haben unentschieden gespielt. Auf jeden Fall sind wir gerannt ohne Ende. Das hat die Wogen ein wenig geglättet.

kicker: Wenn Sie die Erinnerungen so aufleben lassen: Schmunzeln Sie 30 Jahre später ein bisschen über diese Erfahrung oder sitzt der Stachel der Enttäuschung immer noch tief?

Sude: Ganz ehrlich: Das war so ein brutales Erlebnis, darauf hätten wir alle gerne verzichtet. Ich würde zum Jubiläum lieber davon erzählen, wie glorreich wir bei Real Madrid bestanden haben.

Interview: Jan Lustig

Werkself gegen Fohlen: Fünferpacks und Serien-Enden