Bundesliga

Favre muss Lösungen finden - und keine Rätsel aufgeben

Spieltagskommentar von Chefreporter Oliver Hartmann

Favre muss Lösungen finden - und keine Rätsel aufgeben

Gladbachs Trainer Lucien Favre

Reichlich schlechte Stimmung: Gladbachs Trainer Lucien Favre. Getty Images

Der einzig positive Aspekt aus dieser sechsten Pflichtspielpleite in Serie ist, dass sich die Mannschaft von Lucien Favre anders als zuletzt in Sevilla oder gegen den Hamburger SV nicht erneut in ihre Einzelteile zerlegen ließ. Der gute Wille und das Bestreben, sich gegenseitig auf dem Platz helfen zu wollen, war unverkennbar.

Doch dies ist nur ein allzu kleiner Mutmacher angesichts der gewaltigen Defizite, die die Gladbacher seit Wochen und auch am Samstag offenlegten. Offensiv agierte der Tabellenletzte, der zum dritten Mal in Folge ohne eigenen Torerfolg blieb, erneut erschreckend einfallslos. Ob Drmic, Raffael, Traoré, Hazard oder später Hahn, Schulz und Hrgota - kein Gladbacher kam vielversprechend zum Abschluss. In den 90 Minuten erspielte sich Borussia keine einzige echte Torchance.

Die Gründe für den fatalen Fehlstart liegen auf der Hand. Da ist zunächst eine verfehlte Personalpolitik im Sommer. Die abgewanderten Nationalspieler Max Kruse und Christoph Kramer hinterließen eine Lücke, die nicht ausreichend geschlossen wurde. Die als neue Hoffnungsträger geholten Josip Drmic, Lars Stindl oder Andreas Christensen haben überhaupt noch nicht Fuß gefasst.

Obendrein mangelt es diesem Kader an erprobten Führungskräften, die gerade jetzt in diesen schweren Zeiten Orientierung bieten könnten. Der Einzige, der dafür infrage käme, ist allzu häufig und langwierig verletzt: Martin Stranzl. Hinter dem 35-jährigen Routinier aber klafft eine Riesenlücke. Spieler wie Tony Jantschke oder Granit Xhaka sind (noch) nicht so weit, um diese Aufgabe übernehmen zu können.

Favre und die Hertha-Krise 2009: Unterschiede und Parallelen

Favre ist gefragt. Die Situation jetzt in Gladbach bietet viele Unterschiede zu seinen letzten Amtswochen 2009 bei Hertha BSC, aber auch einige Parallelen. Auch damals gab es nach einer überraschend erfolgreichen Spielzeit einen fatalen Substanzverlust an Führungsfiguren, weil Josip Simunic, Marko Pantelic und Andrey Voronin nicht adäquat ersetzt wurden. Damals wie heute geisterte Favres Lieblingsschüler Raffael unter Artenschutz wie ein Schatten seiner selbst und ohne erkennbares Aufbäumen übers Feld. Damals wie heute machte Favre nicht den Eindruck, als wisse er, wie er der Krise Herr werden soll.

In den vergangenen Wochen scheint er mit seinen ständigen Personalrochaden mehr die eigenen Reihen als den Gegner verwirrt zu haben. Neuzugang Stindl musste nahezu jedes Spiel auf einer neuen Position absolvieren, am Samstag war sein Platz für 90 Minuten die Bank. Jantschke kam als Rechts- und Innenverteidiger sowie im Mittelfeld zum Einsatz. Drmic flog gleich nach dem ersten Spiel aus der Startelf, in die er jetzt wieder zurückkehrte.

kicker-Chefreporter Oliver Hartmann.

kicker-Chefreporter Oliver Hartmann.

Zudem vertraute er auf der Sechser-Position nicht den Bankdrückern Stindl oder Havard Nordtveit, sondern verhalf stattdessen dem jungen Mahmoud Dahoud zum Bundesliga-Startelfdebüt. Derlei wild anmutende Personal-Experimente bringen schwerlich Stabilität in eine ohnehin angeknockte Truppe, sondern sorgen für Verunsicherung und Misstrauen. Favre muss sich schleunigst auf ein Gerüst festlegen, das er nicht ständig wieder umbaut.

In Berlin war für ihn vor fast genau sechs Jahren nach sechs verlorenen Ligaspielen Schluss, das wird in Mönchengladbach nicht passieren. Favre hat sich in den viereinhalb Jahren überaus erfolgreicher Aufbauarbeit bei der Borussia großes Ansehen und reichlich Kredit verdient. Doch mit jeder Pleite wachsen auch die Zweifel.

Deshalb muss er in der anstehenden englischen Woche gegen die anderen Krisenklubs aus Augsburg und Stuttgart Lösungen finden - und nicht neue Rätsel aufgeben.