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Casillas: Enttäuschung, Tränen und heftige Vorwürfe

Perez soll Torhüter aus dem Verein geekelt haben

Casillas: Enttäuschung, Tränen und heftige Vorwürfe

Tränenreicher und unfreiwilliger Abschied: Iker Casillas verlässt "sein" Real Madrid.

Tränenreicher und unfreiwilliger Abschied: Iker Casillas verlässt "sein" Real Madrid. Imago

Alleine saß er auf dem Podium, es war ein Bild, das zu der Art seines Abschieds perfekt passte. Iker Casillas hielt den Kopf gesenkt, immer wieder unterdrückte er nur mäßig erfolgreich seine Tränen, kämpfte mit brüchiger Stimme mit den Zeilen auf seinem vorbereiteten Zettel. Mehrmals stockte er, während ihm die Tränen in die Augen schossen. Es war eine irgendwie passende Veranschaulichung der letzten Wochen, Monate, Jahre, unter denen Casillas gehörig leiden musste.

Einsam auf der Abschiedspressekonferenz

"Der Tag ist gekommen, an dem ich diesem Verein auf Wiedersehen sagen muss, der mir alles gegeben hat", sagte Casillas mit feuchten Augen in den Katakomben des leeren Santiago Bernabeu. Eine Vereinslegende sagte Adiós, und keine Videos wurden abgespielt, keine seiner zahlreichen Pokale zur Schau gestellt, keine Umarmungen verteilt, keine Hände geschüttelt. Nicht ein einziger Vereinsvertreter war zu seiner Abschiedspressekonferenz gekommen, kein Spieler, Trainer und erst recht nicht der Präsident. Und so saß Casillas vor ein paar stummen Medienvertretern da, las unter Tränen seinen Abschiedsbrief vor - und ging neun Minuten später wieder, ganz alleine. Sein Herzensverein entfolgte ihm sogar flugs bei Twitter.

Spielersteckbrief Casillas

Casillas Iker

FC Porto - Vereinsdaten

Gründungsdatum

28.09.1893

Vereinsfarben

Blau-Weiß

Real Madrid - Vereinsdaten

Gründungsdatum

06.03.1902

Vereinsfarben

Weiß-Blau

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Sie hatten ihn herausgeekelt, so eindeutig muss man das sagen, ihn, den Vereinsheiligen des Klubs, den sie salbungsvoll "San Iker", den heiligen Iker, nannten. 725 Spiele absolvierte er in 25 Jahren Vereinszugehörigkeit für Real Madrid, gewann jede Trophäe, die es im Vereinsfußball zu erringen gibt. Und nun ging er durch die Hintertür, einsam und traurig - oder besser gesagt, er wurde gegangen. "Such Dir einen anderen Verein", habe Präsident Florentino Perez - der am Sonntag durch Abwesenheit glänzte - Casillas schon vor Wochen schroff mitgeteilt, heißt es in Spanien.

Herausgeekelt von Präsident Perez

Casillas machte keine Anstalten, böse Worte auf der Pressekonferenz zu formulieren, doch Casillas' Mutter Mari Carmen erhob schwere Vorwürfe in einem Zeitungsinterview mit "El Mundo": "Perez hat meinen Sohn nie gemocht. Er hat hochgewachsene Torhüter lieber, wollte jahrelang Gianluigi Buffon holen", sagte die Mama. Casillas, dessen Leistungen seit einiger Zeit nur noch durchschnittlich waren, war "mental fertig, weil er bei Real sehr schlecht behandelt wurde". Seit 2010 sei Casillas systematisch einer medialen Schmutzkampagne ausgesetzt worden, gesteuert von Perez, erklärte Mari Carmen weiter: "Perez hat in großem Maße Schuld, dass Iker Real Madrid verlässt. Er hat ihn in den letzten fünf Jahren despektierlich behandelt und dafür gesorgt, dass es ihm sehr schlecht ging." Auch Vater José Luis bezichtete Perez des Mobbings gegen seinen Sohn: "Sie haben ihn diffamiert, es war ein Versuch ihn zu jagen und kaputtzumachen."

"Lieber nach Barcelona"

Dass der Welt- und Europameister künftig für den FC Porto im Gehäuse steht, ist für Mutter Mari Carmen derweil schlichtweg nicht zumutbar. Ein Spieler mit derartigen Verdiensten müsse auch bei einem Verein der entsprechenden Größenordnung spielen, ließ sie wissen. "Porto ist dritte Liga für einen Spieler von Ikers Format. Ein Weltmeister kann nicht bei Porto enden." Mari Carmen ging sogar so weit, ausgerechnet Madrids Erzrivalen als mögliche Destination ins Spiel zu bringen: "Er hätte aufhören sollen, wo er will - es hätte mich nicht gestört, wenn es in Barcelona gewesen wäre, weil sie Gentlemen sind."

Nun also aber Porto. "Ich sage nicht 'lebt wohl', denn wir werden uns wiedersehen", erklärte Casillas - immerhin spielt er weiter Champions League, trifft womöglich, so es Zufall und Auslosung so wollen, sogar auf Real. "Ein Mythos geht", titelte die Zeitung "Marca". Unter Tränen, unfreiwillig und einsam.

Casillas erhält zweiten Abschied

Nun also doch im halbwegs angemessenem Rahmen: Iker Casillas sagte den Fans "Adiós".

Nun also doch im halbwegs angemessenem Rahmen: Iker Casillas sagte den Fans "Adiós". Getty Images

Wie schlecht all dies für die Außendarstellung von Real Madrid und vor allen Dingen für Perez war, merkte der Vereinsboss recht schnell - hastig berief er einen Tag später, Montagmittag, eine zweite Pressekonferenz ein, um Casillas doch noch einen halbwegs würdigen Abschied zu gewähren und sicherlich Schadensbegrenzung zu betreiben. Casillas posierte nun mit seiner Trophäensammlung, sogar ein paar tausend Fans - vereinzelt waren "Perez, tritt zurück"-Rufe zu hören - und Perez selbst waren im Stadion zugegen.

Dann ergriff auch der Real-Präsident kurz das Wort. "Gestern verabschiedete sich Iker Casillas und heute möchte ich es sein, der ihn verabschiedet" sagte er staatsmännisch und beteuerte, Casillas habe selbst den Wunsch geäußert, Real zu verlassen, "niemand hat ihn aufgefordert zu gehen". Perez behauptete gar, er habe seinen Torhüter "immer verteidigt", schließlich sei er ja der beste Schlussmann der Vereinsgeschichte, er habe daher sogar gewollt, dass Casillas "seine Karriere beim Klub beendet". Casillas lauschte den Worten seines Bosses derweil still, verzog keine Miene. Außerdem sicherte Perez dem 162-maligen Nationalspieler ein Abschiedsspiel zu, "möglicherweise am 12. August". Dann könnte es just gegen seinen neuen Klub FC Porto bei der offiziellen Saisoneröffnung der Madrilenen gehen.

atr

kicker.tv - Hintergrund

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