Der Kommentar zum 11. Spieltag

Alles blickt auf Berlin, aber keiner auf die Hertha

Hängende Köpfe bei der Hertha, stellvertretend Hosagai.

Hängende Köpfe bei der Hertha, stellvertretend Hosagai. imago

Ja, die Hertha.

Schaut man auf die Rückrundentabelle der vergangenen Saison, muss man tief nach unten gucken, ehe man den Hauptstadtklub findet. Platz 17, nur der Hamburger SV schnitt damals schlechter ab, dies nur um zwei mickrige Pünktchen. Der größten Abstiegssorgen ledig blieb man nur, weil die Truppe um Jos Luhukay eine starke Hinrunde mit 28 Punkten hingelegt hatte.

In der aktuellen Herbstrunde sammelte die Hertha elf Punkte in ebenso vielen Spielen – der Trend ist nicht auf Seiten der Berliner, die insgesamt aus den vergangenen 28 Spielen 24 Punkte holten. Das ist die Bilanz eines Abstiegskandidaten!

Michael Preetz erklärte am vergangenen Donnerstag die Situation im kicker-Interview wortreich, mitunter auch plausibel, sagte unter anderem: "Zuhause kriegen wir es hin. Auswärts müssen wir uns straffen."

24 Stunden später stand zuhause ein 0:2 gegen Hannover 96, in allen verfügbaren Statistiken lag die Hertha lediglich in zwei Kategorien vorne: Die Berliner hatten häufiger gefoult und waren öfter ins Abseits gelaufen. Die Hertha-Fans unter den knapp 40.000 Menschen im Olympia-Stadion wandten sich mit Grausen ab.

Woran liegt's? Auch hier findet Preetz Gründe, die nicht von der Hand zu weisen sind: Die neuen Spieler müssen sich finden, bei den Zweikämpfen müsse man zulegen, die Abstände auf dem Platz klein halten. Die Liste der Erklärungen ist lang. Doch die Ergebnisse werfen immer neue Fragen auf.

kicker-Redakteur Frank Lußem

kicker-Redakteur Frank Lußem

Aus der Distanz sieht es so aus: Manager und Trainer Jos Luhukay haben sich eine reichlich gesichtslose Truppe zusammengestellt. Bis auf Kalou ist keiner der Neuzugänge in der Lage, beim Gegner Respekt zu wecken oder bei den eigenen Fans Aufbruchsstimmung.

Ich bin fast sicher, gingen die Hertha-Profis in Zivil durch irgendeine deutsche Fußgängerzone, sie würden von so gut wie keinem Autogramm- und Selfiejäger gestört. Weil sie schlicht und einfach fast niemand erkennen würde. Und so spielen sie viel zu häufig Fußball. Ohne Gesicht, ohne erkennbaren Ausdruck. Und laufen damit Gefahr, tief in den Abstiegssumpf zu rutschen.

Am Montag ist Mitgliederversammlung in Berlin, nach drei Pleiten keine vergnügungssteuerpflichtige Veranstaltung für Mannschaft und Trainer. Aber das waren die Spiele für die Fans zuletzt auch nicht.

Frank Lußem