Deutschland zeigt gegen Ghana Stärken und Schwächen

Moral und Harakiri: Fünf Erkenntnisse nach dem 2:2

Joachim Löw

Ein Schlagabtausch in einem Bild: Joachim Löw leidet beim 2:2 gegen Ghana. Getty Images

1. Die Defensive ist anfällig - nicht nur für individuelle Fehler

"Spätestens bei der WM wird es schwierig sein, gegen uns Tore zu schießen." Schon im Oktober, als Bastian Schweinsteiger nach einer WM-Qualifikation mit zehn Gegentoren in zehn Spielen diese Prognose wagte, galt sie als verwegen. Jetzt hat das 2:2 gegen Ghana die alten Wunden wieder aufgerissen: Deutschlands Defensive ist in dieser Verfassung nicht weltmeisterlich. Dabei wäre sie der Schlüssel: Italien (2006) und Spanien (2010) mussten auf dem Weg zum Titel insgesamt jeweils nur zwei Gegentore hinnehmen.

Vor dem 1:1 verlor der eingewechselte Rechtsverteidiger Shkodran Mustafi den Überblick ("Ich habe den Ball nicht richtig gesehen, weil Per (Mertesacker, d.Red.) vor mir stand, und dann war ich zu spät"); und vor dem 1:2 spielte Philipp Lahm einen folgenschweren Fehlpass, den Adressat Sami Khedira nicht mehr verhindern konnte. "Das ist allen Spielern mal passiert, weil der Boden unglaublich hart und aufgrund dieser Temperaturen stumpf war. Man bleibt da hängen", versuchte Bundestrainer Joachim Löw die "Geschenke" (Manuel Neuer) zu erklären. Allein, bei individuellen Aussetzern blieb es am Samstagabend nicht.

Bei diesem Tempo und bei diesen Bedingungen ist Sami Khedira körperlich an die Grenzen gekommen.

Joachim Löw

Vor allem im defensiven Mittelfeld fehlte eine ordnende Hand. Lahm und Khedira ließen Impulse vermissen und Räume zu, Toni Kroos, gegen Portugal noch der Dirigent, zeigte einmal mehr, dass seinem Spielstil mit hoher gegnerischer Aggressivität beizukommen ist. "Wir waren taktisch nicht so clever", konstatierte Kapitän Lahm, "unsere Raumaufteilung hat nicht gepasst." Ghana sei aggressiv gewesen, laufstark, ergänzte Khedira. "Da waren sie uns ein Stück weit überlegen." Gut möglich, dass Bastian Schweinsteiger, der nach seiner Einwechslung gleich Präsenz zeigte, gegen die USA seinen Platz einnimmt. "Bei diesem Tempo und bei diesen Bedingungen", sagte Löw, "ist Sami Khedira körperlich ein bisschen an die Grenzen gekommen."

2. Löw kennt seine Möglichkeiten - und weiß sie zu nutzen

Es ist bald zwei Jahre her, trotzdem wird dieses 4:4 gegen Schweden die DFB-Elf und Löw wohl für immer verfolgen. Zu den vielen Vorwürfen, die nach dem verspielten 4:0-Vorsprung auf den Bundestrainer einprasselten, gehörte auch ein besonders schmerzhafter: Löw habe die Aufholjagd einfach geschehen lassen, hielt die Blamage nicht mit Umstellungen auf. Gegen Ghana nun zeigte er das Gegenteil: Als aus der 1:0-Führung ein 1:2 geworden war, griff er ein - und wurde sofort belohnt.

Schweinsteiger war gleich im Spiel, erzwang die Ecke, die Klose, mit ihm in Minute 69 eingewechselt, zum 2:2 nutzte. Beide "haben der Mannschaft nochmal einige frische Impulse gebracht und so neue Kräfte mobilisiert", lobte Löw seine Joker und damit auch ein wenig sich selbst. Sein WM-Kader bietet Möglichkeiten, und Löw kennt sie genau. Dass Klose mit seinem 15. WM-Tor zu Rekordhalter Ronaldo aufschloss und mit 36 Jahren und zwölf Tagen Rudi Völler als ältesten deutschen WM-Torschützen ablöste, war da nur Randaspekt. Dass er seinen Salto hinterher nicht stand, ebenso. "Das spielt keine Rolle", schmunzelte der Remis-Retter. "Man hat gesehen, dass ich aus der Übung bin."

3. Deutschland verhindert den Schlagabtausch nicht - nimmt ihn aber an

Die Schlussphase lief, die Ghanaer wollten schnell einwerfen, konnten aber nicht: Löw hatte nämlich den ins Aus gesegelten Ball einfach ins Spielfeld zurückgekickt. War er wütend? Oder wollte er einfach nur mitspielen bei diesem Spektakel? So oder so - verständlich wäre es gewesen. "Irgendwie beides", antwortete Löw später auf die Frage, ob der Schlagabtausch im zweiten Durchgang, den er unbedingt verhindern wollte, eher Spaß oder Hölle gewesen sei.

So einen Schlagabtausch haben wir nicht nötig.

Toni Kroos

Gut war, wie die deutsche Elf mit dem chaotischen Hin und Her umging. Schlecht dagegen, dass sie es überhaupt dazu kommen ließ. "So einen Schlagabtausch haben wir nicht nötig, das ist nicht unser Spiel", erklärte Toni Kroos, "die letzten 15 Minuten waren Harakiri." Ein Weltmeister, der das Spiel nicht beruhigen kann? Schwer vorstellbar. Und dennoch: Die Einstellung stimmte, Özil, Müller & Co. zeigten Biss in der Hitze von Fortaleza, gingen das "irrsinnige Tempo" (Löw) leidenschaftlich mit. Es kamen so Fähigkeiten zum Vorschein, die gegen Portugal in diesem Maße noch nicht gefragt waren. "Wenn wir müssen, können wir", sagte ARD-Experte Mehmet Scholl. Das 2:2 war auch ein Punkt der Moral.

4. Diese Viererkette hat Schwächen - Ghana zeigt, welche

Dieser Vorteil bei Standardsituationen! Dieses Bewusstsein für die Räume! Diese Sicherheit fürs Abwehrzentrum! Nach dem 4:0 gegen Portugal musste man sich fast fragen, warum vor Löw noch kein anderer Trainer auf die Idee gekommen war, eine Viererkette ausschließlich aus Innenverteidigern zu bilden. Die Antwort gab Ghana.

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Immer wieder attackierten die "Black Stars" über die Außenbahnen, bevorzugt über rechts, wo der flinke Christian Atsu auf den zögerlichen Benedikt Höwedes traf. Viel zu oft landeten so gefährliche Hereingaben im deutschen Strafraum. Portugal hatte diese Probleme nur selten offengelegt, doch schon die unterirdischen Iberer waren auf diese Weise zu Chancen gekommen. "Unser erstes Spiel war nicht so gut, wie es gemacht wurde", betont Mats Hummels. Und es könnten schon noch bessere Gegner auf Deutschland zukommen als die Ghanaer.

5. Das 2:2 könnte noch wertvoll werden - nicht nur für den Gruppensieg

Wenn Deutschland am Donnerstag (18 Uhr MESZ, LIVE! bei kicker.de) auf die USA trifft, ist es in der Tat ein "Endspiel", wie Kapitän Lahm sagt - allerdings eines der seltenen Spezies, bei denen schon ein Remis reicht: fürs Achtelfinale in jedem Fall, gar für den Gruppensieg, wenn sich auch die USA und Portugal heute Nacht (0 Uhr MESZ, LIVE! bei kicker.de) unentschieden trennen. "Die Ausgangslage hat sich für uns nicht entscheidend geändert", sagt Löw. Bei einer Niederlage gegen Ghana wäre das anders gewesen.

Doch dieses 2:2 könnte noch in ganz anderer Hinsicht weiterhelfen. Es zeigte nämlich in all seiner Intensität ganz praktisch, wovor im Vorfeld schon verbal ständig gewarnt worden war: Diese WM wird kein Spaziergang. Vielleicht ist es ganz gut, dass Deutschland diese Erfahrung schon so früh im Turnier machen durfte.

Die DFB-Elf gegen Ghana in der Einzelkritik