Der Geheimfavorit im WM-Check

Belgien: Wie ein Phönix aus der Asche

Belgische Spieler beim Torjubel

Außer Rand und Band: Belgien spielte eine mitreißende WM-Qualifikation. picture alliance

Die großen Zeiten des belgischen Fußballs liegen mehr als drei Jahrzehnte zurück. Bei der WM 1986 in Mexiko erreichte das Team um Torhüter Jean-Marie Pfaff und den genialen Spielmacher Enzo Scifo das Halbfinale. Sechs Jahre zuvor hatten die Belgier das EM-Finale in Rom gegen Deutschland mit 1:2 verloren. Es blieben für lange Zeit die letzten Erfolge der "Roten Teufel". Als Mit-Gastgeber Belgien bei der EURO 2000 in der Vorrunde ausschied, war der Tiefpunkt erreicht. Dieser löste ein Umdenken aus: Ganz ähnlich wie im Nachbarland Deutschland wurden vor allem im Jugendbereich die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gestellt. Nun werden die Früchte der Arbeit geerntet. Dabei können die Belgier auch aus ihrer multikulturellen Gesellschaft Kapital schlagen, zahlreiche Spieler verfügen über Migrationshintergrund. So darf Wilmots einen Kader sein Eigen nennen, der eine faszinierende Mischung aus Routiniers und herausragenden Talenten bietet.

Der Trainer

Marc Wilmots kam bei der belgischen "Wiederauferstehung" eine tragende Rolle zu. Dem früheren Schalker, der seit Mai 2012 als Nationaltrainer fungiert, gelang es, aus einem ehemals zerstrittenen Haufen eine verschworene Einheit zu formen. Seine Spieler sollen sich "zuhause fühlen, wie in einer Familie". Die Mischung macht's: Der einstige "Eurofighter", dessen Vertrag nach der WM ausläuft, lässt seinen jungen Schützlingen Freiräume, fordert jedoch auch absolute Disziplin ein. Wilmots sorgte zudem für verbesserte Strukturen beim belgischen Verband. "Die Stimmung hier war schlecht, wir haben nicht professionell gearbeitet", berichtete der 44-Jährige: "Jetzt sind wir Vollprofis."

Weltmeisterschaft - Vorrunde, 1. Spieltag
Weltmeisterschaft - Tabelle - Gruppe H
Pl. Verein Punkte
1
Belgien
3
2
Russland
1
Südkorea
1
Trainersteckbrief Wilmots

Wilmots Marc

Spielersteckbrief Kompany

Kompany Vincent

Spielersteckbrief Fellaini

Fellaini Marouane

Spielersteckbrief E. Hazard

Hazard Eden

Spielersteckbrief Benteke

Benteke Christian

Spielersteckbrief R. Lukaku

Lukaku Romelu

Spielersteckbrief Courtois

Courtois Thibaut

Spielersteckbrief De Bruyne

De Bruyne Kevin

Belgien - Vereinsdaten

Gründungsdatum

01.01.1895

Das Team

Wie hoch die Qualitätsdichte im belgischen Kader ist, zeigt sich schon auf der Torhüter-Position. Simon Mignolet wechselte im Sommer für über zehn Millionen Euro zum FC Liverpool, für den er konstant starke Leistungen zeigt. Für den Platz im Nationaltor reicht es derzeit trotzdem nicht, der ist für den von Chelsea and Atletico Madrid ausgeliehenen Thibaut Courtois reserviert. Der Hoffenheimer Koen Casteels darf sich Hoffnungen machen, als Nummer drei mit zur WM zu fahren.

In der Abwehr dürfte Daniel van Buyten (Bayern München) ziemlich sicher auf den WM-Zug aufspringen, auch Hannovers Sebastien Pocognoli rechnet sich Chancen aus. Uneingeschränkter Chef der belgischen Defensive ist der frühere Hamburger Vincent Kompany, der auch bei seinem Verein Manchester City ein absoluter Schlüsselspieler ist. Auch Jan Vertonghen (Tottenham) hat sich in der Premier League sofort etabliert, Thomas Vermaelen bringt noch mehr Erfahrung mit, war in der jüngeren Vergangenheit jedoch sehr verletzungsanfällig. Bei Champions-League-Teilnehmern sind Nicolas Lombaerts (Zenit St. Petersburg) und Tobi Alderweireld (Atletico Madrid) angestellt.

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Machte den Trip an den Zuckerhut mit seinen Toren in Zagreb perfekt: Romelu Lukaku (20). imago

Mittelfeld und Angriff erfüllen gehobene Ansprüche. Im Zentrum können Axel Witsel (Zenit), Marouane Fellaini (Manchester United), Moussa Dembelé (Tottenham) oder Steven Defour (FC Porto) agieren. Auch der Ex-Nürnberger Timmy Simons (FC Brügge) mischt mit. Aus der Offensivreihe sticht Chelseas Eden Hazard hervor, die vielleicht größte Perle in Belgiens schier unerschöpflichem Talente-Reservoir. Auch Spieler wie Kevin de Bruyne (Wolfsburg) und Nacer Chadli (Tottenham) sowie die beiden Flügelstürmer Kevin Mirallas (Everton) und Dries Mertens (SSC Neapel) ermöglichen es Wilmots, seinen Offensivstil aufs Feld zu bringen, den er meist in einem 4-2-3-1-System verpackt.

Um den Platz im Sturmzentrum streiten sich Romelu Lukaku (von Chelsea an Everton ausgeliehen) und Christian Benteke (Aston Villa). Da Letzterer nach starker Debüt-Saison in England momentan (auch aufgrund von Verletzungen) schwächelt, hat Lukaku hat derzeit wohl die Nase vorn.

Der Talente-Quell ist im Übrigen noch längst nicht versiegt: Thorgan Hazard (20), der kleine Bruder von Eden, der ebenfalls schon bei Chelsea unter Vertrag steht, ist bereits auf dem Sprung. Hinter dem 17-jährigen Zakaria Bakkali von der PSV Eindhoven sind längst alle englischen Spitzenklubs her. Und auch ManUniteds Shooting Star Adnan Januzaj (18) könnte bald für Belgien spielen.

Stimmen & Stimmung

"Belgien ist das heißeste Versprechen im europäischen Fußball. Die anderen haben Angst vor uns", sagte Ex-Bayern-Torhüter Jean-Marie Pfaff. Auch Wilmots betont, er wolle "nicht als Tourist nach Brasilien fliegen", hält aber auch fest: "Wir haben noch nichts erreicht." Dennoch: Der Hype ist - trotz zweier Testspiel-Dämpfer gegen Kolumbien (0:2) und Japan (2:3) - riesengroß. Auf dem Weg zum Quali-Spiel nach Zagreb wurde die Mannschaft am Flughafen von 3000 Menschen verabschiedet, die öffentlichen Trainingseinheiten sind in Belgien inzwischen ein Event. Das König-Baudouin-Stadion zu Brüssel war für beide November-Tests in wenigen Stunden ausverkauft. Die Nationalmannschaft, noch vor nicht allzu langer Zeit ein Ladenhüter, hat in Belgien eine ungeahnte Begeisterung ausgelöst, ihr ist es gelungen, ein sprachlich, kulturell und politisch tief gespaltenes Land hinter sich zu vereinen.

Die Qualifikation

Marc Wilmots

Da darf man schon mal feiern: Marc Wilmots fährt mit Belgien zur WM. imago

Am 11. Oktober 2013 war es so weit: Durch einen 2:1-Erfolg in Kroatien lösten die Belgier schon am vorletzten Spieltag das Ticket nach Brasilien und qualifizierten sich erstmals seit 2002 für eine WM-Endrunde. Lukaku sorgte mit seinen beiden Treffern für grenzenlosen Jubel nach Schlusspfiff. Die Wilmots-Truppe marschierte ohne Niederlage durch die Gruppe A, die sich klar mit neun Punkten Vorsprung vor Kroatien gewannen. Acht Siegen standen nur zwei Unentschieden gegenüber, eines davon zum Abschluss gegen Wales, als der Gruppensieg bereits in trockenen Tüchern war.

Die Aussichten

Genau ein Jahr lang blieben die Belgier bis zum 0:2 gegen Kolumbien (14.11.13) ungeschlagen, ihre Erfolgsserie katapultierte die Wilmots-Schützlinge in der Weltrangliste zwischenzeitlich bis auf Platz fünf. Bei der Auslosung waren die "Roten Teufel" daher gesetzt. In der Gruppe H mit Russland, Algerien und Südkorea ist Platz eins für Belgien drin. Schon im Achtelfinale könnte mit Deutschland oder Portugal jedoch ein echter Härtetest auf den Geheimfavoriten warten, dem eines natürlich fehlt: Turniererfahrung. So meinte Wilmots unlängst bereits: "Ich glaube, die Mannschaft kann zur WM 2018 ihr Maximum erreichen." Auch 2014 darf man sich auf die Belgier aber schon freuen, sie sind längst mehr als ein Außenseiter-Tipp.

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