Hohes Pressing in Brasilien nur schwer möglich

Deutscher Power-Fußball kein Erfolgsrezept

Gerard Houllier

"Die Bedingungen werden das Tempo bestimmen": Gerard Houllier. imago

"Ich glaube, dass die Bedingungen in Brasilien das Tempo bestimmen werden. Man wird nicht viel Pressing sehen", erklärte der ehemalige Trainer des FC Liverpool in seiner Funktion als Mitglied der Technical Study Group der FIFA am Rande des Confederation Cups in Rio de Janeiro. Der Franzose macht die klimatischen Bedingungen sowie die langen Reisezeiten zwischen den jeweiligen Spielorten dafür verantwortlich, dass Pressing nicht in der Form gespielt werden kann, wie es im modernen Fußball inzwischen üblich ist. "Die hohe Luftfeuchtigkeit sowie die Reisestrapazen werden den Teams viel Kraft rauben", meint Houllier. Eine ähnliche Position vertritt auch Cafu, der 1994 und 2002 mit Brasilien Weltmeister war. Der moderne Fußball werde massiv an Tempo verlieren, so der 43-Jährige, der "viele taktische Änderungen" erwartet.

Beim DFB dürfte man von den Aussagen nicht überrascht sein, so hatte sich Teammanager Oliver Bierhoff vor einigen Wochen bei seiner WM-Prognose ebenfalls schon skeptisch im Hinblick auf die Erfolgsaussichten europäischer Mannschaften geäußert. "Für Europäer ist es eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit", hatte er mit Blick auf den Titelgewinn erklärt und damit für viel Wirbel gesorgt. Houllier bestätige nun Bierhoff in dessen kritischer Haltung, wenngleich sich der Franzose weniger deutlich ausdrückte und lieber die Vorteile der Gastgeber hervorhob: "Wenn man in der Hitze oder im Regen spielt, muss man den Ball sicher in den Fuß spielen können. Deswegen ist Brasilien gefährlich, weil sie daran gewöhnt sind."

Brasilien ist so gefährlich, weil sie daran gewöhnt sind.

Gerard Houllier.

Als Schlüsselelement für den Titelgewinn sieht der 65 Jahre alte Fußballlehrer das schnelle Umschaltspiel an. Wer rasch und fehlerfrei von Abwehr auf Angriff und umgekehrt umschalten kann, der wird klar im Vorteil sein. Mit dieser Aussage befindet er sich auch auf einer Linie mit Bundestrainer Joachim Löw, der das Prinzip, nach Balleroberung mit Hochgeschwingigkeit in die noch ungeordnete gegneriche Abwehr einzudringen, schon lange predigt.

Erste Eindrücke vom Confed Cup bestätigen den Franzosen

Erste "Feldstudien" beim Confed Cup bestätigten Houlliers taktische Annahmen. Schon im Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Japan (3:0) war auffällig, dass die Teams nicht so hoch verteidigten, wie es die Bayern und Dortmund üblicherweise machen.

Der Auftritt von Welt- und Europameister Spanien gegen Uruguay (2:1) brachte die Erkenntnis, dass 90 Minuten Vollgas kaum drin sind. "Nach dem 2:0 waren die Spieler um Pausen bemüht", erklärte Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque nach dem Spiel und betonte gleich, dass die klimatischen Bedingungen an der Atlantikküste seinem Team "alles abverlangt" haben.