Sprintstar Heinrich Popow auf dem Weg nach London

"Der richtige Zeitpunkt, um Gold zu holen"

Heinrich Popow

Will in London hoch hinaus: Heinrich Popow. E.H.

kicker: Herr Popow, Sie waren unlängst im Trainingslager in Südafrika. Wie ist der Leistungsstand im Jahr der Paralympics in London?

Heinrich Popow: Ich fühle mich sehr wohl mit dem Verlauf meiner Vorbereitung und bin nach dem Trainingslager sehr zuversichtlich. Ich muss jetzt meinen Fitnesszustand konservieren und weiter an Feinheiten und der Schnelligkeit arbeiten. Wenn das gelingt, werde ich schon mit dem ersten Wettkampf ein Zeichen in Richtung London setzen.

kicker: Dreimal Bronze in Athen, einmal Silber in Peking – die logische Folge wäre Gold in London. Sehen Sie das auch so?

Popow: Unbedingt. Wenn ich hier bei einer Auktion sitzen würde, müsste es heißen: 3, 2, 1 – meins! Ich habe mich im Laufe der Jahre entwickelt, bin älter und entspannter geworden und weiß meine mentale Stärke besser einzusetzen. Körperlich sind wir alle fit, entscheidend ist der Kopf. Und in diesem Punkt bin ich den anderen mittlerweile voraus.

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kicker: Ist London schon der Höhepunkt Ihrer erfolgreichen Karriere?

Popow: Ob es der Höhepunkt meiner Karriere sein wird, darüber denke ich jetzt nicht nach. Es ist einfach der richtige Zeitpunkt, um Gold zu holen, und ich will nicht Zweiter werden. Ich bin nach Peking 2008 durch Höhen und Tiefen gegangen, habe mich dabei aber noch einmal weiterentwickelt. Die Paralympics kommen daher genau zur richtigen Zeit, aber ich werde auch danach meinen Siegeswillen behalten. Und ich bin dann sicher noch nicht zu alt, um 2016 in Rio einen drauf zu setzen.

Ich habe meine Chance erkannt und sie genutzt - das ist auch meine Botschaft an Kinder und Jugendliche mit Behinderungen.

Heinrich Popow

kicker: Bei den Weltmeisterschaften 2011 konnten Sie einen Doppelsieg im Weitsprung und über 100 Meter feiern. Wie sind die Chancen in London?

Popow: Es geht nur um die 100 Meter. Leider wurden im Weitsprung die Unter- und Oberschenkelamputierten zusammengelegt. Für mich ist das ein großes Ärgernis, denn um zu gewinnen, müsste ich eine Weite im Bereich der Nichtbehinderten springen. Das ist unmöglich.

kicker: Müsste diese Zusammenlegung dann nicht rückgängig gemacht werden?

Popow: Ich weiß nicht, in welche Richtung unser Weltverband IPC geht. Aber ich halte es nicht für sinnvoll, Wettbewerbe in dieser Form zusammenzulegen. In unserem Fall werden sogar wir Oberschenkelamputierten dafür bestraft, dass wir Top-Leistungen gebracht haben, während die anderen davon profitieren, weit unter ihren Möglichkeiten geblieben zu sein.

kicker: Wie wichtig sind die großen Sprintduelle für die Paralympics und welchen Effekt hat ein Superstar wie Oscar Pistorius?

Popow: Um es klar zu sagen: Der Name Oscar Pistorius ist super wichtig für uns Behindertensportler. Er macht natürlich seine eigene Show aus den Auftritten und findet so starken Anklang in den Medien. Doch der Pistorius-Hype bringt eine Riesenwelle in unseren Sport. Ich hoffe aber, dass die Blicke auch nach links und rechts gehen. Da gibt es zum Beispiel Rollstuhlathleten, die den Diskus aus dem Sitzen fast auf 60 Meter werfen.

kicker: Könnte eine Zusammenlegung von Paralympics und Olympia mehr mediale Aufmerksamkeit bringen?

Heinrich Popow

Startbereit: Heinrich Popow. E.H.

Popow: Nein. Man sollte die Paralympics in jedem Fall als eigenständige Veranstaltung weiterführen. Eine Eingliederung ins olympische Programm würde uns nur der Prime-Time berauben. Dann laufen um acht Uhr die Nichtbehinderten und für uns heißt es um zehn vor acht: schnell, schnell, schnell - wir wollen pünktlich mit der richtigen Show starten.

kicker: Ihren Kindheitstraum, Fußballprofi zu werden, mussten Sie früh ablegen. Nun arbeiten Sie als IT-Administrator für die Bayer-Elf und sind ein Spitzen-Leichtathlet.

Popow: Ich trainiere bei Bayer mit den nichtbehinderten Leichtathleten und arbeite für die Bundesliga-Kicker. Zudem habe ich durch meinen Sport die komplette Welt bereist. Ich kann nur sagen: Ich bin glücklich mit einem Bein, mir fehlt nichts. Ich habe meine Chance erkannt und sie genutzt - das ist auch meine Botschaft an Kinder und Jugendliche mit Behinderungen.

kicker: Seit drei Jahren gibt es den Schulwettbewerb "Jugend trainiert für Paralympics". Werden hier die paralympischen Stars von morgen geboren?

Popow: Das Tolle an dem Projekt ist, dass die Motivation zum Sport an sich und zum Leistungsport aufgebaut wird, weil man sich fair messen kann. Trotzdem befürworte ich eben jeden sportlichen Vergleich zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Man sollte parallel planen und dort, wo es sich anbietet, die Behinderten nicht komplett aus den gemeinsamen Wettbewerben rausnehmen. Was glauben Sie, wie es mich motiviert, im Training von einem Siebenkampf-Mädel bezwungen zu werden? Man sollte Sport gemeinsam treiben, sich untereinander messen und nicht aufgrund fehlender Gliedmaßen getrennt sein.

Interview: Gunnar Hassel