Int. Fußball

Massaker im Stadion: Über 70 Tote in Port Said - Zidan bestürzt

Ägypten: Al-Ahly-Profis denken an Rückzug

Massaker im Stadion: Über 70 Tote in Port Said - Zidan bestürzt

Ausschreitungen in Port Said

Randalierer laufen nach Abpfiff auf das Spielfeld in Port Said und lösen die Krawalle aus. Getty Images

Die Krawalle begannen, nachdem der heimische Klub Al-Masri den Erzrivalen Al-Ahly aus der Hauptstadt Kairo mit 3:1 bezwungen hatte. Zunächst sollen Al-Masri-Fans das Spielfeld gestürmt und mit Steinen, Feuerwerkskörpern sowie Flaschen geworfen haben. Dabei sollen auch Spieler und Sicherheitskräfte angegriffen worden sein.

Die Rowdies der Heimmannschaft sollen in der Überzahl gewesen sein und die Akteure und Fans Al-Ahlys eingekreist haben. Es entstand eine Panik, die Sicherheitskräfte reagierten angesichts der Gewalt teilweise hilflos. Neuesten Meldungen zufolge sollen 74 Menschen ums Leben gekommen sein.

Das bestätigte Hesham Sheiha, der Staatssekretär des Gesundheitsministeriums, am Mittwochabend und sprach "vom größten Unglück in der ägyptischen Fußball-Geschichte". Mehrere hundert Zuschauer sollen zudem verletzt worden sein. Die Verletzten werden in vier Krankenhäusern in der Hafenstadt behandelt, bei vielen ist der Zustand kritisch.

"Das ist kein Fußball, das ist Krieg und vor uns sterben Menschen."

Mohamed Aboutreika

"Das ist kein Fußball, das ist Krieg und vor uns sterben Menschen", sagte Al-Ahly-Spieler Mohamed Abo Treika und fügte geschockt an: "Das ist schrecklich, das werde ich nie vergessen." Hassan al-Isnawi, Leiter des Krankenhauses in Port Said, sagte gegenüber der Zeitung Al-Ahram, dass viele Zuschauer erdrückt worden seien. Andere erlagen ihren Stichwunden.

Al-Ahly-Coach José beschuldigt die Polizei

Auch einige Spieler wurden verletzt, obwohl sie von Polizisten geschützt und die Mannschaften schnell in die Kabinen in Sicherheit gebracht wurden.

Allerdings erhob Al-Ahlys portugiesischer Trainer Manuel José gegenüber portugiesischen Medien schwere Vorwürfe gegen die Polizei: "Die Schuld hat einzig und allein die Polizei. Es waren Dutzende im Stadion, aber die sind plötzlich alle verschwunden oder haben gar nichts unternommen", sagte der 65-Jährige empört kurz nach den Zwischenfällen im Telefon-Interview mit dem portugiesischen TV-Sender SIC.

Jagdszenen in Port Said: Spieler von Al-Ahly fliehen in Richtung Katakomben.

Jagdszenen in Port Said: Spieler von Al-Ahly fliehen in Richtung Katakomben. Getty Images

Al-Ahlys Co-Trainer Oscar Elizondo sprach von politisch gefärbter Gewalt. "Es gibt viel Hass", sagte er. Das Verhalten der Polizei bezeichnete er als Schande: "Es gab 3000 Polizisten und wohl niemand wurde verhaftet". Spieler und Trainer seien in "Militärfahrzeugen, die wie Kriegspanzer aussahen", aus dem Stadion gebracht worden. Laut dem Staatsfernsehen habe das ägyptischen Militär sogar zwei Flugzeuge nach Port Said geschickt, um Schwerverletzte in Spezialkliniken nach Kairo zu fliegen.

José führte weiter aus, man habe das Unheil kommen sehen, denn Fans des Heimteams hätten schon vor Spielbeginn das Feld gestürmt und so den Anpfiff um rund eine halbe Stunde verzögert. Auch in der Halbzeit und nach jedem Tor seien Zuschauer der Heimmannschaft aufs Feld gelaufen. Er selbst sei mit Tritten und Faustschlägen attackiert worden.

Blatter: "Schwarzer Tag" - Zidan tief betroffen

"Das ist ein schwarzer Tag für den Fußball. Ich bin sehr schockiert und traurig. Eine solch katastrophale Situation ist unvorstellbar und sollte nicht passieren. Meine Gedanken sind bei den Familien derer, die ihr Leben verloren haben", sagte FIFA-Präsident Joseph S. Blatter. "Wir müssen sicherstellen, dass so etwas nie mehr passiert." Blatter fordert schnelle Aufklärung, in einem Brief an den Präsidenten des ägyptischen Fußball-Verbandes (EFA) schrieb der Eidgenosse, dass er "wie am Morgen bereits besprochen, weitere Neuigkeiten die Hintergründe der Tat betreffend erwarte".

Auch der Mainzer Bundesliga-Profi Mohamed Zidan, der in diesem Winter von Borussia Dortmund nach Rheinhessen zurückkehrte, ist tief betroffen: "Die Nachrichten und die Bilder aus meiner Heimatstadt Port Said schockieren mich, sie machen mich sehr betroffen. Al-Masry ist mein Heimatverein, für den ich lange gespielt habe, auch in diesem Stadion", wird Zidan durch den FSV zitiert. Er "habe seit gestern sehr viel mit der Heimat telefoniert", so Zidan, dessen Familie und Freunde in Port Said nicht von dem Unglück betroffen seien.

Bereits im Vorfeld des Duells der beiden Rivalen kochten die Emotionen hoch. Vom "Treffen der Vergeltung" sprachen regionale Zeitungen vorab. José erwägt mittlerweile, das Land zu verlassen. Als Konsequenzen aus den Ereignissen fordert er eine Unterbrechung der Meisterschaft.

Der nationale Verband sagte bis auf weiteres alle Fußballspiele in Ägypten ab. Der regierende Militärrat hat inzwischen eine dreitägige Staatstrauer angeordnet, der Chef der Sicherheitskräfte in Port Said wurde entlassen. Dies berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Mena am Donnerstag.

Bei der Rückkehr der Al-Ahly-Spieler nach Kairo strahlte Feldmarschall Hussein Tantawi trotz des Massakers Zuversicht aus: "Dies wird Ägypten nicht kleinkriegen", sagte er auf einem Stützpunkt der Luftwaffe. "Solche Ereignisse passieren überall auf der Welt. Wir werden die Verantwortlichen nicht davonkommen lassen." Doch der Militärrat steht in der Kritik, in der Nacht kam es noch zu Protesten. Der Vorwurf: Die Sicherheitskräfte in Port Said hätten versagt.

Auch Zwischenfälle in Kairo

Das ägyptische Staatsfernsehen berichtete am Abend, dass es auch bei der Partie zwischen Al-Ismailiya und Zamalek zu Zwischenfällen gekommen ist. Die Begegnung wurde vom Schiedsrichter abgebrochen, nachdem die Vorfälle in Port Said bekannt wurden. Wütende Fans hätten aus Protest Feuer gelegt, die Sicherheitskräfte brachten die Situation aber schnell unter Kontrolle.

Ziehen sich die Al-Ahly-Profis zurück?

Die Spieler von Al-Ahly kündigten unterdessen an, dass sie sich aus dem Profisport zurückziehen wollen. "Es ist vorbei. Wir haben alle eine Entscheidung getroffen, dass wir nie mehr wieder Fußball spielen werden", sagte Torwart Scharif Ikrami dem privaten Fernsehsender ONTV. Die Spieler stehen offensichtlich noch unter Schock, nachdem Tote und Verletzte in ihre Umkleidekabine getragen worden seien. "Da sind Leute vor unseren Augen gestorben", sagte Ikrami, der selbst verletzt wurde. An Fußball sei jetzt überhaupt nicht mehr zu denken.

Donnerstag: Proteste in Kairo

Als Reaktion auf die Tragödie kam es am Donnerstag zu Protesten in Kairo. Als die Teilnehmer vom zentralen Tahrir-Platz zum Innenministerium ziehen wollten, wurden sie von den Sicherheitskräften daran gehindert. Es soll Dutzende Verletzte gegeben haben. Auch in anderen Städten Ägyptens soll es zu Demonstrationen gekommen sein.