Interview mit Union-Trainer Uwe Neuhaus

Neuhaus: "Ich bin hier noch nicht fertig"

Uwe Neuhaus

Der Wind an der "Alten Försterei" wird rauer: Union-Coach Uwe Neuhaus. picture alliance

kicker: Sie haben am Montag dieser Woche einen Laktattest angesetzt. Waren die Zweifel an der Fitness Ihres Teams so groß, Herr Neuhaus?

Uwe Neuhaus: Nein. Ich mache seit Jahren nicht nur zu Beginn der Vorbereitung einen Laktattest, sondern regelmäßig einen zweiten nach vier, fünf Spielen im August oder September. So können wir auf die Bedürfnisse des Einzelnen noch besser reagieren.

kicker: Wie waren die Ergebnisse?

Neuhaus: So gut wie noch nie.

kicker: Von den Resultaten kann man das nicht sagen. 0:4 gegen Fürth, 0:4 in Dresden, dazwischen ein 3:0 gegen Paderborn - ist Ihre Mannschaft für Sie im Moment eine Wundertüte?

Neuhaus: Ein bisschen schon. Gegen Fürth haben wir zumindest unser Offensivpotenzial gezeigt, ohne den Abschluss zu vergolden. Aber in Dresden sind alle Dämme gebrochen. Das darf so nie wieder passieren. Und es wird auch nie wieder passieren.

kicker: Was macht Sie so sicher?

Neuhaus: Der Charakter und die Qualität des Teams stimmen. Die Mannschaft hat mein Vertrauen.

In Dresden sind alle Dämme gebrochen. Das darf so nie wieder passieren. Und es wird auch nie wieder passieren.

Uwe Neuhaus

kicker: Warum aber zeigt die Mannschaft das so selten?

Neuhaus: Dafür gibt es sicher so einige Gründe. Wir haben nach dem Dresden-Spiel viele Gespräche geführt, da kam alles auf den Tisch.

kicker: Wie lautet Ihre Analyse?

Neuhaus: Wir sind ein bisschen zu viel Risiko gegangen und haben fast naiv gespielt. Am Ende gab es kein Aufbäumen mehr, wir sind auseinandergefallen.

kicker: Ihre Konsequenz?

Neuhaus: Wir müssen unsere Spielweise überdenken.

kicker: Konkret?

Neuhaus: Ein Ansatz ist, kollektiv tiefer zu stehen, nicht gleich ganz vorn Pressing zu spielen. Wir haben nicht die schnellsten Abwehrspieler. Je höher du stehst, umso größer wird das Risiko.

kicker: Dachten Sie, Ihr Team sei bereits weiter?

Neuhaus: Wir wollten zu früh zu viel. Aber nach vier Spieltagen bin ich nicht bereit, alles über den Haufen zu werfen.

kicker: Saisonziel ist ein einstelliger Tabellenplatz, in dieser Woche sagten Sie: "Platz 12 wäre kein Weltuntergang." Rudern Sie jetzt schon zurück?

Neuhaus: Nein, sicher nicht. Es ist zu früh, um Saisonziele zu korrigieren. Platz neun ist ja auch nicht so wahnsinnig weit weg.

kicker: Ist das Ziel realistisch?

Neuhaus: Absolut. Wir wollen nach den Plätzen zwölf und elf den nächsten Schritt gehen. Die Qualität dafür haben wir. Aber es muss vieles passen. Und durch die starken Aufsteiger Braunschweig und Dresden ist die 2. Liga noch kompakter, noch ausgeglichener als in den Vorjahren.

Nach dem Debakel von Dresden flogen aus der Berliner Fankurve Bierbecher und Feuerzeuge. Gibt’s die Wohlfühl-Oase Union nicht mehr?

Neuhaus: Das Klima ist rauer geworden. Es liegt an uns, das wieder zu ändern. In Dresden haben wir naiv und dumm gespielt - und nach dem 0:2 zu wenig Einsatz gezeigt. Aber klar ist auch: Gegenstände zu werfen, ist der falsche Weg.

kicker: Die "Neuhaus raus"-Rufe scheinen an Ihnen abzuprallen. Ist das Selbstschutz - oder haben Sie so ein dickes Fell?

Neuhaus: Es ist von beidem ein bisschen. Schön ist anders - ganz klar! Aber als Trainer stehe ich nun mal im Wind.

kicker: Zumal mit Christian Beeck das sportliche Korrektiv fehlt. Haben Sie ohne ihn mehr Arbeit?

Neuhaus: In der Sommerpause schon. In der Vergangenheit war Beeck der erste Ansprechpartner für die Spielerberater, diesmal ich. Zwischendurch wollte ich mein Handy am liebsten ins Meer werfen.

kicker: Sie betonen stets, Sie hätten mit Beeck professionell zusammengearbeitet: Warum war die Trennung dann nötig?

Neuhaus: Der Verein hat diesen Schritt hinreichend begründet. Union wollte mit der Verpflichtung von Nico Schäfer die kaufmännische Komponente stärken. Dass ich der Auslöser für die Beeck-Trennung war, ist einfach unwahr.

Christopher Quiring

In dieser Saison bislang der stabilste Unioner: Youngster Christopher Quiring. imago

kicker: Union hat mehr Geld in die Hand genommen als in den Jahren zuvor. Ist der Verein mutiger geworden?

Neuhaus: Der Klub hat wirtschaftlich schon schwierigere Zeiten durchgemacht. Er geht jetzt ein kalkulierbares Risiko ein. Und er wird nicht ins Bodenlose stürzen, sollten wir hinter den Zielen zurückbleiben. Die Zahlen, die speziell bei Silvio herumgeistern, sind außerdem frei erfunden. Wenn da von einem 1,5-Millionen-Paket aus Ablöse und Gehalt gesprochen wird, ist das einfach Unsinn.

kicker: Ausgerechnet Youngster Christopher Quiring ist derzeit stabilster Unioner. Sind die Etablierten zu sehr mit sich selbst beschäftigt?

Neuhaus: Das stimmt, Quiring spielt bisher am konstantesten. Alle anderen müssen einfach beständiger werden.

kicker: Innenverteidiger Christian Stuff ging mit sich selbst hart ins Gericht. Kriegt er gegen Bochum eine neue Chance?

Neuhaus: Ja, vermutlich schon. Durch Göhlerts Ausfall (Fistel im Steißbeinbereich - d. Red.) habe ich nicht mehr so sehr viele Optionen in der Innenverteidigung.

kicker: Pfertzel und Zoundi auf der Bank, Karl noch unbeständig, Silvio mit Anpassungsproblemen: Warum sind Ihre Neuzugänge noch nicht angekommen?

Neuhaus: Es wäre ein bisschen vermessen, von ihnen zu erwarten, dass sie die Mannschaft in die Spur bringen. Zoundi hatte in der Vorbereitung Malaria, er wird uns noch helfen. Pfertzel hat mir in den ersten Spielen zu viel Routine, zu viel Beamten-Fußball gebracht, da erwarte ich mehr. Aber er hat im Training eine gute Reaktion auf seine Herausnahme gezeigt. Silvio muss sich an die Intensität der 2. Liga gewöhnen. In der Schweiz hatte er vielleicht zehn schwere Spiele pro Jahr, in Deutschland sind es 34. Bei ihm müssen wir die Trainingsbelastung richtig dosieren.

kicker: Ist Markus Karl für seine zentrale Rolle zu ruhig?

Neuhaus: Er muss lauter werden. Er hat in Ingolstadt auf der Doppel-Sechs gespielt, hier muss er mit der Raute klarkommen. Er kann sich offensiv nicht so sehr einschalten. Die Umstellung braucht Zeit.

Pfertzel hat mir in den ersten Spielen zu viel Beamten-Fußball gebracht.

Uwe Neuhaus

kicker: Holen Sie bis Ende August noch einen Mattuschka-Back-up?

Neuhaus: Wir halten die Augen offen. Aber da Göhlert länger ausfällt, ist auch die Personaldecke in der Innenverteidigung recht dünn. Es könnte sein, dass wir da nachlegen.

kicker: Höttecke und Glinker wirken seit Monaten nicht frei. Haben Sie ein Torwart-Problem?

Neuhaus: Sie haben ein spezielles Verhältnis, das ich so von meinen früheren Stationen nicht kenne. Durch ihre Nichtachtung des anderen schaden sie sich selbst, da gibt es kein Abklatschen, keinen Klaps, nichts. Beide wissen, dass sie gegen Fürth und in Essen gepatzt haben. Trotzdem hat Höttecke in den vergangenen Monaten seine Sache nicht schlecht gemacht.

kicker: Ist nicht schlecht gut genug?

Neuhaus: Ich bin für Kontinuität im Tor. Aber dazu müssen die Leistungen entsprechend sein.

kicker: Ihr Vertrag läuft 2012 aus. Gab es schon Gespräche?

Neuhaus: Nein. Den Zeitpunkt gibt der Verein vor. Wir sind eigentlich meistens im November oder Dezember zum Abschluss gekommen.

kicker: Sie wollen als Trainer in die Bundesliga. Geht das mit Union?

Neuhaus: Das ist mein Ziel, dazu stehe ich. Und mittel- bis langfristig ist das möglich. Mein Empfinden ist: Ich bin hier noch nicht fertig.

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