Die Krise beim FC Liverpool

Chaos, Pest und Cholera

Fans des FC Liverpool protestieren gegen die Klub-Besitzer George Gillett und Tom Hicks

Ihr Wunschtag rückt näher: Fans des FC Liverpool protestieren gegen die Klub-Besitzer George Gillett und Tom Hicks. imago

Sportliche Talfahrt, finanzielles Chaos - die Krise beim FC Liverpool ist vielschichtig, ist nicht ganz neu und ist, da sind sich die Fans sicher, allein durch zwei Personen so dramatisch geworden: Tom Hicks und George Gillett, die Besitzer des Klubs, sind die großen Sündenböcke. Fast wöchentlich wird an der Anfield Road protestiert. Seit das US-Duo im Februar 2007 die Reds übernahm, scheint sich vor allem die finanzielle Lage Monat für Monat zuzuspitzen, und zwar so weit, dass der FC Liverpool nun vor dem Scheideweg steht.

Fakt ist: Hicks und Gillett haben Schulden in Höhe von rund 280 Millionen Euro angehäuft, die Royal Bank of Scotland (RBS) pocht auf Rückzahlung des Kredits und sucht seit einem halben Jahr vergeblich nach einem Käufer. Zu Verhandlungen kam es schon, doch die beiden Klub-Besitzer machten alle Hoffnungen auf eine Lösung des schwelenden Problems mit horrenden Forderungen zunichte.

Premier League - Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
FC Chelsea
18
2
Manchester City
14
3
Manchester United
13
Trainersteckbrief Hodgson

Hodgson Roy

FC Liverpool - Vereinsdaten

Gründungsdatum

15.03.1892

Vereinsfarben

Rot-Weiß

FC Liverpool - Die letzten Spiele
KRC Genk (A)
0
:
2
ManUnited (A)
1
:
1

Das Worst-Case-Szenario der Fans: Die "Yanks" bleiben doch

Viele Optionen bleiben nicht mehr. Und das Schlimme für die Liverpool-Fans: Es ist wie die berühmte Entscheidung zwischen Pest und Cholera, nur dass zwei Übel nicht ausreichen, um das Dilemma zu beschreiben. Die wahrscheinlichste Möglichkeit bleibt, dass die RBS ab 15. Oktober zumindest vorläufig den Klub übernimmt; und weil die Bank inzwischen zu 84 Prozent in staatlichem Besitz ist, heißt das, jeder Brite, und sei er auch Fan des Erzrivalen Manchester United, wäre plötzlich Teilhaber des FC Liverpool.

Fast unmöglich scheint, dass bis zur Deadline noch ein Käufer gefunden wird, der bereit ist, die Forderungen von Hicks und Gillett zu erfüllen, obwohl der Verein nach der Übernahme durch die RBS deutlich billiger zu haben wäre. Das würden die Fans schon deshalb ablehnen, weil sie den "Yanks", wie sie die beiden Amerikaner abfällig nennen, keinen Pence Profit für ihre Misswirtschaft gönnen.

Das ist wahrscheinlich eine der härtesten Niederlagen, die ich einstecken musste, seit ich hier bin.

Dirk Kuijt, Liverpool-Profi seit 2006, nach dem 1:2 gegen Blackpool

Nicht völlig ausgeschlossen ist, dass Hicks und Gillett bis zum 15. Oktober noch das nötige Kapital auftreiben und doch an der Spitze des Traditionsvereins verharren - es wäre wohl das Worst-Case-Szenario, nicht nur für die Gruppe "Spirit of Shankly", die die jüngsten Demonstrationen organisierte. Deren Sprecher James McKenna drohte: "Wir werden bis zum jüngsten Tag protestieren." Selbst Trainer Roy Hodgson meinte, man könne die Fans für die Proteste "nicht kritisieren": "Niemand im Klub will etwas anderes als eine Lösung der Eigentumsfrage. Die Fans wollen sehen, dass der Klub Fortschritte macht."

Doch auch wenn der FC Liverpool wie erwartet in die Hände der RBS übergeht - die dunklen Wolken über der Merseyside würde dies wahrlich nicht auf einen Schlag vertreiben. Denn alles bliebe davon abhängig, ob sich ohne Hicks und Gillett ein Käufer findet. Wenn nicht, und auch diese Angst geistert schon durch Liverpool, heißt der letzte Ausweg Insolvenz. Und das hätte laut Premier-League-Statuten den Abzug von neun Punkten zur Folge.

Auch Hodgsons Stuhl beginnt zu wackeln: Die Dalglish-Rufe werden lauter

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Kaum etwas macht das Ausmaß der aktuellen sportlichen Krise deutlicher, als die Vorstellung eines solchen Punktabzugs in Kombination mit der aktuellen Tabelle. Denn der schwächste Saisonstart seit 1953/54 ist inzwischen perfekt, mit sechs Zählern kleben die Reds auf Rang 18. Abstiegsplatz! Das hatte es zuletzt 1984 gegeben. Damals noch aktiv: Kenny Dalglish, ein Name, der heute laut wie selten durch die Anfield Road hallt. Nicht wenige Fans würden die Liverpool-Legende gerne auf der Trainerbank sitzen sehen.

Dort nimmt derzeit (noch) Roy Hodgson Platz, der erst vor der Saison nach überaus erfolgreichen Jahren beim FC Fulham als Nachfolger des ungeliebten Rafael Benitez an den Mersey gewechselt war. Und jetzt sagt: "Es sieht wirklich düster aus." Zumal seine Elf derzeit immer, wenn der Tiefpunkt erreicht zu sein scheint, noch eine Stufe auf der Peinlichkeitsstufe klettert. Der ebenso blamable wie verdiente League-Cup-Heimpleite gegen Viertligist Northampton Town (2:4 i.E.) folgten zwei glückliche Unentschieden - und am Samstag ein erschreckendes 1:2 in Anfield gegen Sensationsaufsteiger Blackpool.

Carragher, Gerrard, Torres, Reina und Konchesky (v.l.n.r.)

Gestern Stützen, heute ratlos: Carragher, Gerrard, Torres, Reina & Co. imago

"Das ist wahrscheinlich eine der härtesten Niederlagen, die ich einstecken musste, seit ich hier bin. Es tut mir sehr leid für die Fans", sagte anschließend Dirk Kuijt, der mit den Reds vor eineinhalb Jahren noch knapp an der ersten Meisterschaft seit 1990 vorbeigeschrammt war. Seitdem wurden wichtige Spieler teilweise gezwungenermaßen verkauft (Xabi Alonso, Mascherano), zahlreiche Verletzungen (Torres!) stoppten nicht nur die Schlüsselspieler immer wieder. Und nicht zuletzt wuchs seitdem das interne Chaos - auch das dürfte der Mannschaft zugesetzt haben, sie ruft ihr Potenzial nicht mehr ab. Demnach wäre es keine Überraschung, wenn auch Hodgson demnächst einmal durchatmet. Frühestens am 15. Oktober.