Freiburg: Interview mit Robin Dutt

"Ich verspüre null Arbeitsplatzdruck"

SC Freiburg: Robin Dutt

Abstiegskämpfer: Freiburgs Trainer Robin Dutt sucht nach Auswegen aus der Krise. picture alliance

kicker: Freiburg ist seit acht Spielen sieglos und holte in der Rückrunde nur einen Punkt. Wie prekär ist die Lage momentan, Herr Dutt?

Robin Dutt: Es ist eine Situation, die einen gewissen Druck mit sich bringt. Und es nutzt nichts, diesen zu ignorieren. Dafür dauert unsere Durststrecke schon zu lange.

kicker: Ist das Heimspiel gegen Hertha das erste Endspiel?

Dutt: Schlüsselspiel wäre der bessere Begriff. Es sind zwei Teams mit ähnlichen Voraussetzungen: Beide müssen unbedingt gewinnen.

kicker: Bereiten Sie die Mannschaft anders auf dieses Spiel vor?

Dutt: Ja. Ich habe zwei Tage lang mit allen 26 Spielern Einzelgespräche geführt. Ich wollte jedem aufzeigen, was wir von ihm erwarten, was gut, was zu verbessern ist, und wie er mit der Situation umgehen muss.

kicker: Weil Ihre Mannschaft so unerfahren im Abstiegskampf ist?

Dutt: Wir haben viele Jugend- und Amateurspieler, die es gewohnt sind, vorne mitzuspielen. Für viele ist die jetzige Situation komplett neu: in der 1. Liga, gegen stärkere Gegner, mit dieser Medienpräsenz. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Spieler darauf vorzubereiten.

kicker: Wie geht das konkret?

Dutt: Man muss die allgemeine Situation des Vereins runterbrechen auf jeden einzelnen und ihm sagen, was seine Aufgabe ist. Und wenn er die sieht, losgelöst von der Tabelle, nimmt das schon Druck weg.

kicker: Wie verunsichert ist die Elf?

Dutt: Es ist nicht so, dass hier alle am Boden zerstört sind. Trotz allem ist es eine ungewohnte Situation.

kicker: Die Mannschaft nutzte mehrmals die Vorlagen der Konkurrenz nicht. Gehen Sie nun intern mit ihr härter ins Gericht?

Dutt: Grundlegend sprechen wir die Fehler intern in aller Deutlichkeit an. Aber es gibt keinen Grund, die Mannschaft noch härter anzufassen, weil sie sehr diszipliniert ist und sich nie hat hängen lassen.

Öffentliche Kritik hilft nie, sondern zerstört nur das Vertrauensverhältnis.

Robin Dutt

kicker: Wieso redeten Sie öffentlich die Situation zuletzt so schön?

Dutt: Ich muss es in Kauf nehmen, dass es diejenigen, die es nicht differenziert betrachten, als Schönrednerei bezeichnen. Jeder, der ein Team, eine Abteilung oder eine Firma führt und etwas von Psychologie versteht, weiß, dass ein Trainer nie gegenüber Dritten seine Mannschaft kritisieren darf. Öffentliche Kritik hilft nie, sondern zerstört nur das Vertrauensverhältnis.

kicker: Inwiefern?

Dutt: Wenn ich eine Mannschaft hart kritisieren möchte, muss ich es intern tun. Nur dann weiß sie: Ich meine es ehrlich. Haue ich sie öffentlich aber in die Pfanne, sieht es so aus, als wolle ich mich von ihr distanzieren und mich aus der Verantwortung nehmen. Aber ich bin Teil der Mannschaft. Alle Fehler, die sie begeht, trage ich mit. Manchmal wünscht man sich, dass ein Trainer sagt, was Sache ist. Aber das hilft keinem. Ich bestätige höchstens die öffentliche Meinung. Nur ist das nicht meine Aufgabe. Ich muss in der Lage sein, Kritik an mir von der Öffentlichkeit auszuhalten.

kicker: War das 0:6 gegen Bremen der Knackpunkt der Saison?

Dutt: Die Anzahl von 30 Gegentoren bis zu diesem Zeitpunkt war nicht mehr hinnehmbar. Wir mussten defensiv stabiler werden. Das ging zu Lasten der Offensive. Wir versuchen jetzt, die spielerische Komponente mit der Defensive zu verknüpfen. Das sind harte Schritte. Wir haben Glück, dass drei Teams noch weniger Punkte haben.

kicker: Ihre Mannschaft schoss in den letzten sieben Spielen zwei Tore. Wie lösen Sie das Problem?

Dutt: Unsere Analyse ergab, dass wir bis zum letzten Pass im Ligavergleich sogar sehr, sehr gut sind. Allerdings ist dieser letzte Pass qualitativ einfach noch nicht gut genug. Die Flanken bleiben am ersten Mann hängen, der Schnittstellenpass geht zu weit, der Pass im Konterspiel gerät etwas zu kurz.

kicker: Freiburg kam die Spielstärke abhanden. Sind im Abstiegskampf nun andere Tugenden gefragt?

Dutt: Nein, auf die spielerische Komponente müssen wir Wert legen. Wir dürfen unseren Stil nicht ändern.

kicker: Wie lautet Ihre Erklärung für die eklatant schlechte Heimbilanz?

Dutt: Erst wenn wir gegen Berlin, Bochum oder Hannover verloren haben, kann man von einem Heimkomplex reden. Bisher ist meine Erklärung, dass wir gegen die Topteams verloren haben, auswärts wie zu Hause. Und gegen die anderen werden wir hoffentlich auswärts und in Heimspielen punkten.

kicker: Aber dürfte es nicht schwierig werden gegen die Teams von unten, weil die sich hinten reinstellen?

Dutt: Eines ist doch klar: Wenn wir gegen diese Mannschaften nicht punkten, steigen wir sang- und klanglos ab. Ich glaube nicht, dass es sich Berlin leisten kann, zu mauern. Und selbst wenn, sind wir eine der Mannschaften, die solche Riegel spielerisch knacken kann.

kicker: Das auffälligste des Vierkampfes ist, dass drei Klubs ihren Trainer entließen, Freiburg nicht...

Dutt: ... deswegen werden wir auch drinblieben.

kicker: Spüren Sie in Freiburg überhaupt Druck?

Dutt: Ich spüre Tabellenplatzdruck, aber null Arbeitsplatzdruck. Dieses Gefühl geben mir die Verantwortlichen hier täglich.

kicker: Ein unschätzbares Privileg?

Dutt: Ja, das ist eine absolute Ausnahmestellung, mit der der Verein sehr lange sehr gut gefahren ist. Das ist hier Überzeugung und Philosophie. Die Verantwortung bei mir ist dafür umso höher. Wenn ich so ein Privileg besitze, muss ich doppelt Gas geben.

Interview: Michael Ebert, Uwe Röser