St. Pauli: Wird die Rekordserie weiter ausgebaut?

Die Torfabrik vom Kiez

Gewohntes Bild: Der FC St. Pauli jubelt, der Gegner schaut bedröppelt drein.

Gewohntes Bild: Der FC St. Pauli jubelt, der Gegner schaut bedröppelt drein. picture alliance

Für eine echte Treffergarantie steht der FC St. Pauli schon seit längerer Zeit. Seit 49 Spielen, seit dem 0:0 gegen den TSV München 1860 am 10. März 2008, gab es bei jedem Auftritt der Braun-Weißen mindestens einen Treffer zu beklatschen. Eine Rekordserie im deutschen Profifußball. Allein in der vergangenen Saison fielen in den 34 Partien der Hamburger 111 Tore. Mehr als bei allen anderen Klubs der 2. Liga, dafür aber auch 59 auf der eigenen Seite. Ein Ranking, das St. Pauli in dieser Saison nicht mehr anführt - trotz der an den ersten vier Spieltagen geschossenen 13 Tore.

Das Verhältnis hat sich verändert. Der nach vier Spieltagen größten Ausbeute aller 56 Profiklubs stehen lediglich noch drei Gegentreffer gegenüber. Neben spektakulärem Offensivfußball weist die Mannschaft eine bislang nicht gekannte defensive Stabilität nach. Offensiv-Fanatiker Holger Stanislawski hat seinen "Hurra-Fußball" erfolgreich modifiziert. Und so besaß für den 39-Jährigen nach dem 4:0-Triumph von Karlsruhe die Null einen höheren Wert als die Vier: "Ich freue mich darüber, dass wir im gesamten Spiel nur zwei echte Chancen weggegeben haben."

Ein Lob für die Abwehrarbeit der gesamten Mannschaft, dessen Begründung vielleicht aber auch eben darin liegt, dass das Spiel nach vorn kaum noch steigerungsfähig zu sein scheint. St. Pauli kombiniert schnell, präzise und im Kollektiv. Die offensive Dreierreihe mit den technisch hoch veranlagten und brandgefährlichen Florian Bruns (2 Tore/2 Vorlagen), Charles Takyi (1/2) und Deniz Naki (1/3) harmoniert prächtig und wird nicht nur aus dem Rückraum wechselweise von Matthias Lehmann und Fabian Boll unterstützt.

FC St. Pauli: Tore mit Methode

Die Außenverteidiger Davidson Drobo-Ampem und vor allem Carsten Rothenbach sind auf den Flanken Teil fast jeden durchdachten Spielzugs, der bei St. Pauli, ähnlich wie im American Football, in einem Playbook dokumentiert ist. Tore mit Methode, die Automatismen greifen trotz vier Neuzugängen in der Startelf. Bei Ballbesitz wird ausgeschwärmt: Sturmangriff mit allen Mannschaftsteilen.

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Dass die Torfabrik bislang neun ihrer 13 veredelten Exponate auswärts produzierte, erscheint ungewöhnlich, ist aber erklärbar und den verbesserten Arbeitsbedingungen zuzuschreiben. Unfreiwillig folgen die Hamburger einem Trend aus der Wirtschaft und haben ihre Produktion ins "Ausland" verlagert.

"Wenn wir gegen Mannschaften spielen, die nicht nur hinten drin stehen, ergeben sich vermehrt Räume. Das kommt unserem Spiel natürlich entgegen", sagt Angreifer Marius Ebbers, der sich wie Stellvertreter Rouwen Hennings (2 Tore/ 1 Vorlage) in hervorragender physischer Verfassung präsentiert und seine Kaltschnäuzigkeit (3/1) wiedergefunden zu haben scheint. "Wir sind effektiver geworden", hat auch Stanislawski erkannt. Und äußerst schwer ausrechenbar. Gleich sieben Spieler trugen sich an den ersten vier Spieltagen in die Torschützenliste ein. Ein weiterer Top-Wert der Liga.

Lutz Wöckener