St. Pauli: Stanislawskis offensive Spielkultur

Die Attraktion auf dem Kiez

2. Bundesliga: "Wir haben unglaublich großes Potenzial": St. Paulis Neuzugang Deniz Naki (re.) ist begeistert.

"Wir haben unglaublich großes Potenzial": St. Paulis Neuzugang Deniz Naki (re.) ist begeistert. imago

Der erste Eindruck kam einem Kulturschock gleich. Wenngleich einem positiven. "Hier herrscht eine ganz andere Qualität als in Ahlen. Hier kann man ganz anders Fußball spielen. Kombinationen mit ein, zwei Ballkontakten, schnell, direkt. Wir haben unglaublich großes Potenzial in der Offensive", sprudelt es aus Deniz Naki nach wenigen Tagen beim FC St. Pauli heraus. Der technisch versierte Neuzugang von Bayer Leverkusen, in der Rückrunde der vergangenen Saison an Rot-Weiss Ahlen (Elf Spiele, vier Tore, kicker-Notenschnitt: 2,88) verliehen und nun mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet, fühlt sich in Hamburg auf Anhieb verstanden - vor allem auf dem Platz.


Der FC St. Pauli, in vielen Köpfen immer noch als Sinnbild für Kampf, Leidenschaft und nimmermüdes Aufbäumen fest verankert, hat die Spielkultur entdeckt. Seit dem Amtsantritt von Trainer Holger Stanislawski im November 2006 wird Fußball zumindest am heimischen Millerntor immer häufiger gespielt statt gekämpft. Eine Entwicklung, deren Fortsetzung nach den Abgängen von Filip Trojan und Alexander Ludwig in diesem Sommer zunächst fraglich schien, nun aber eine neue Qualitätsstufe erreichen soll. Der FC, einen Steinwurf von Heiligengeistfeld und Reeperbahn beheimatet, als neue Attraktion auf dem Kiez.

Mit dem nach einem Jahr bei der SpVgg Greuther Fürth zurückgekehrten Charles Takyi (24), Max Kruse (21, Werder Bremen II), Matthias Lehmann (26, Alemannia Aachen) und eben Naki (20) haben die Verantwortlichen um Sportchef Helmut Schulte das Profil der Mannschaft weiter geschärft: jung, deutsch, offensivstark und (fußballerisch) attraktiv.


"Ich gewinne auch in der kommenden Saison lieber mit 5:4 als 1:0. Ich bleibe meiner Philosophie treu", sagt Stanislawski, der sich in seiner aktiven Zeit bei St. Pauli (1993-2004) eher als kompromissloser Verteidiger einen Namen gemacht hatte. "Wir sind Dienstleister in Sachen Fußball und wollen den Zuschauern etwas bieten."

In der vergangenen Serie fielen in den 34 Partien der Hamburger 111 Tore, der Entertainment-Faktor war nirgendwo in der Liga höher. Dass die Spielweise mehrheitlich vom gegnerischen Anhang mit Applaus bedacht wurde, war allerdings nicht eingeplant. 59 Gegentore dokumentieren, dass es neben dem Feiern von neuen Fußball-Festen in dieser Saison vor allem darum geht, eine gesunde Balance zwischen Offensive und Defensive zu finden. Die Freiheiten, die Stanislawski seinen Technikern um Spielmacher Takyi im 4-1-4-1 oder 4-2-3-1-System bei Ballbesitz bewusst lässt, bedingen in der Defensive strenger taktischer Disziplin.

Immerhin: Im ersten echten Test gegen den schottischen Europa-League-Teilnehmer Heart of Midlothian (2:0) gelang die Symbiose. Der Lernprozess hat eingesetzt und soll im heute beginnenden Trainingslager in Pichl (Österreich) weiter forciert werden. Die Proben laufen noch vier Wochen, ehe für Naki und Co. zur Premierenvorstellung gegen Ahlen der Vorhang aufgeht.

Lutz Wöckener