Bundesliga

"50+1-Regel": Entscheidung vertagt

Neuer Kompromiss-Vorschlag von Martin Kind

"50+1-Regel": Entscheidung vertagt

Hier wurde die Zukunft des deutschen Fußballs verhandelt: Das Hotel Frankfurter Hof.

Hier wurde die Zukunft des deutschen Fußballs verhandelt: Das Hotel Frankfurter Hof. picture-alliance

Unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Steiner beriet das Schiedsgericht im 5-Sterne-Hotel "Frankfurter Hof" darüber, ob in Deutschland Bundesligisten durch einen Investor mehrheitlich übernommen werden dürfen. Martin Kind, Vorstandschef von Hannover 96, kämpft gegen die Abschaffung der Regel, die seines Erachtens gegen EU-Recht verstößt. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) ist dagegen. Ligapräsident Reinhard Rauball rechnet mit einer Entscheidung in den kommenden Wochen, "das kann aber auch Monate dauern."

Hannovers Präsident droht mit dem Gang vor den Europäischen Gerichtshof (EuGH), wenn "50+1" in der aktuellen Form bestehen bleibt. Rechtsexperten sind überzeugt, dass der EuGH "50+1" kippen würde. Dann wären dem Fußball Spielräume genommen, die momentan über einen Kompromiss noch möglich sind. "50+1" hängt wie das "Bosman-Urteil" des EuGH vom 15. Dezember 1995, das Entschädigungen beim Transfer eines Spielers nach Vertragsablauf verboten hat, wie ein Damoklesschwert über dem Fußball. Beim "Fall Bosman" hatte die UEFA die Zeichen nicht erkannt und verlor vor dem EuGH.

Frage der Woche

Wird "50+1" gekippt, sieht Ligapräsident Dr. Reinhard Rauball die Liga "in ihren Grundfesten erschüttert". Er spricht von Wettbewerbsverzerrung und sagte in der "Welt" recht populistisch: "Solchen Zirkus wollen wir nicht, und wir wollen auch keine Profilneurotiker, die sich mit ihrem Geld in der Bundesliga ein Spielzeug zulegen." Martin Kind, der seit 1997 als Präsident von Hannover 96 den früheren Skandalverein in die Seriosität geführt hat, strebt (noch) einen Kompromiss an: "Es ist mein Wunsch, dass wir ein vertretbares Konsensmodell gemeinsam entwickeln."

Sein neuester Kompromissvorschlag hat gute Chancen auf Verwirklichung. Demnach will Kind die 1999 vom DFB geschaffene "Lex Bayer" modizifizieren. Damals wurden Investoren dann eine mehrheitliche Beteiligung an den Bundesligisten zugestanden, wenn das Unternehmen vor dem Stichtag 1. Januar 1999 bereits 20 Jahre im Klub aktiv war. Seither arbeitet die Fußball GmbH von Bayer Leverkusen als hundertprozentige Tochter der Bayer AG. Auch der VfL Wolfsburg unterliegt nicht mehr "50+1", und bei der TSG Hoffenheim wird das Kapital der Betreibergesellschaft zu 96 Prozent von Dietmar Hopp gestellt, auch wenn dessen Stimmrecht auf 49 Prozent beschränkt ist. Hopp meint, dass "50+1" vor dem EuGH keinen Bestand haben würde. Die "Lex Bayer" war der "Sündenfall", auf den sich die Gegner von "50+1" berufen.

Kind will nun den Stichtag 1. Januar 1999 streichen lassen. Damit kämen dann alle Klubs nach 20 Jahren in den Genuss der Regelung. Hannover müsste noch sechs Jahre warten, um die Regelung in Anspruch zu nehmen. Denn die von Kind akquirierten Unternehmen der Region Hannover sind erst seit 1997 im Verein aktiv, sie könnten damit frühestens 2017 eine Mehrheitsbeteiligung am Verein anstreben. "Sollte dem Antrag nicht stattgegeben werden, dann sind wir aber natürlich weiter bereit, durch alle Instanzen zu gehen", sagte Kind, dessen neuer Kompromissvorschlag anscheinend auch beim Ständigen Schiedsgericht Anklang fand.

Das Ständige Schiedsgericht wird erfahrungsgemäß den Parteien eine außergerichtliche Einigung empfehlen. Diese müsste über eine Mitgliederversammlung der 36 Klubs erfolgen. Martin Kind scheint beste Chancen zu haben, sein Modell im zweiten Anlauf durchzubringen.