Bundesliga

5000 Bundesliga-Elfmeter: Trends und Absurditäten

Wie oft wird flach geschossen? Wie oft Hand gepfiffen?

5000 Bundesliga-Elfmeter: Trends, Absurditäten - und zwei aktuelle Serien

Zwei Elfmeter, die in Erinnerung bleiben: Jan Rosenthal wird gegen Edin Dzeko zum Torwart (li.), Michael Kutzop verschießt gegen Jean-Marie Pfaff (re.).

Zwei Elfmeter, die in Erinnerung bleiben: Jan Rosenthal wird gegen Edin Dzeko zum Torwart (li.), Michael Kutzop verschießt gegen Jean-Marie Pfaff (re.). imago images (2)

Es ist das ultimative Duell im Fußball. High Noon am Samstagnachmittag. So viel sich seit Einführung der Bundesliga geändert haben mag im Fußball, so unangetastet puristisch bleibt der ewige Zweikampf Schütze gegen Torwart - und der kurze Moment, in denen die Fans die Luft anhalten. 

4994 Mal wurde das Eins-gegen-eins ohne Körperkontakt bislang in der Bundesliga ausgetragen, am Wochenende könnte die 5000er-Schallmauer fallen - gut 58 Jahre, nachdem Hans-Jürgen Neumann vom 1. FC Kaiserslautern am 1. Bundesliga-Spieltag gegen Eintracht Frankfurt zum ersten Strafstoß antrat und verwandelte. Im Gedächtnis geblieben ist der Schuss trotz der historischen Bedeutung wohl nur den Wenigsten. Obwohl - oder vielleicht gerade weil - nur zwei Minuten später der zweite Strafstoß der Liga-Geschichte ausgeführt wurde. Und zwar im selben Spiel. Auch Frankfurts Lothar Schämer traf, Endstand 1:1.

Elfmeter, die Geschichte schrieben

Während viele Duelle auf dem langen Weg von der 1 bis zur 5000 aufgrund der Einfachheit der Situation schnell aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, haben einige Geschichte geschrieben. Sie haben Meisterschaften entschieden, wie Michael Kutzops einziger, aber umso tragischerer Fehlschuss 1986 oder Arjen Robbens Rückgabe zu Roman Weidenfeller 2012.

Sie waren Wendepunkte für ganze Vereine wie Francis Kioyos Fehlschuss zum 1860-Abstieg 2004, stellten Rekorde ein wie Robert Lewandowskis 40. Tor 2020/21 - und sie sorgten für Aufregung, wenn sie erst gar nicht gepfiffen wurden wie beim Foul des Rostockers Stefan Böger an Frankfurts Ralf Weber 1992 oder die Hand-Einlage von Schalkes Oliver Held 1998.

Francis Kioyo

Ein Fehlschuss, der den Niedergang von 1860 München einleitete: Francis Kioyo fällt nach seinem verschossenen Elfmeter gegen Hertha BSC zu Boden.

Einige von ihnen waren auch hauptsächlich eines: total ungewöhnlich. Mal wegen der Vorkommnisse davor - etwa Andreas Möllers "Schutzschwalbe" gegen Karlsruhe 1995 -, mal wegen der Vorkommnisse danach, etwa Jörg Butts verspätete Rückkehr in den eigenen Strafraum 2004, von der Schalkes Mike Hanke profitierte. Manchmal aber auch, weil einer im Tor stand, der da eigentlich gar nicht hingehörte.

Der Trend geht hin zum flachen Schuss

Insgesamt vier Feldspieler sahen sich als Not-Torwart schon einem Strafstoß entgegen. Gleich zwei von ihnen - Kaiserslauterns Michael Schjönberg 2000 und Hannovers Jan Rosenthal 2008 - gelang das Kunststück, zu parieren. Macht eine Abwehrquote in der zugegebenermaßen mickrigen Stichprobe von 50 Prozent. Zum Vergleich: Von allen bislang 4994 Elfmetern wurden nur 917 gehalten, macht eine Quote von 18,4 Prozent. 74,8 Prozent der Versuche fanden den Weg hinter die Linie, 6,8 Prozent landeten an Pfosten, Latte, über oder neben dem Tor.

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Um zumindest zwei dieser Misserfolgsfaktoren auszuschalten, hat sich zuletzt wieder ein Trend hin zu flachen Elfmetern entwickelt. In der abgelaufenen Spielzeit schlugen über 87 Prozent der verwandelten Elfmeter in der unteren Torhälfte ein - so viele wie noch nie seit Beginn der Datenaufzeichnung 2004. Damals waren es "nur" knapp 69 Prozent. Einige Spieler stemmten sich hingegen gegen diesen Trend: Alexander Frei (6/8), Diego (7/11) und Sejad Salihovic (18/29) verwandelten mehr als die Hälfte ihrer Elfmeter hoch.

Wo Butt gleichauf mit Lewandowski liegt

Im Fall Salihovic war die Herangehensweise nicht ganz risikofrei. Der Bosnier ist einer von fünf Spielern der Bundesliga-Geschichte, die zwei Elfmeter über das Tor setzten - häufiger schoss niemand drüber. Aber: Den wohl wichtigsten Strafstoß seiner Bundesliga-Karriere zimmerte Salihovic unter die Latte. Mit seinem Treffer am letzten Spieltag 2013 in Dortmund rettete er die TSG Hoffenheim in die Relegation. Im Tor damals: Kevin Großkreutz.

Elfmeter wie diese bleiben im Gedächtnis, weil die ureigene Aufteilung Torwart-Schütze, die das Konzept Strafstoß innehat, ad absurdum geführt wird. Ebenso wie beim Phänomen des Torwarts als Schützen - ein in der Bundesliga-Geschichte deutlich weiter verbreitetes Phänomen. Vor allem dank Jörg Butt. Insgesamt 31-mal trat der Schlussmann zum Strafstoß an, nur zwölf Spieler häufiger. Gemeinsam mit Robert Lewandowski teilt er sich außerdem den Rekord für die meisten Treffer in Serie - 17 an der Zahl.

Zweimal in einem Spiel verschossen? Fehlanzeige

Eine bemerkenswerte Serie in deutlich kürzerer Zeit stellten Michael Nushöhr vom VfB Stuttgart und Waldhof Mannheims Fritz Walter auf. Die beiden Spieler sind die einzigen Bundesliga-Akteure, die in einem Spiel gleich zu drei Elfmetern antraten: Während Nushöhr alle drei Versuche verwandelte, scheiterte Walter beim zweiten Schuss an Kaiserslauterns Torhüter Gerry Ehrmann.

Weil danach aber sein Mannschaftskollege Jörg Neun verschoss, durfte Walter zum sage und schreibe vierten Elfmeter seines Teams in diesem Spiel zum Punkt - und ist damit einer von acht Bundesliga-Spielern, die nach einem verschossenen Elfmeter im selben Spiel noch einmal antraten. Bemerkenswert: Ein zweites Mal vergeben hat kein einziger. Somit gibt es in der langen Geschichte der Bundesliga keinen Spieler, der in einem Spiel zwei Elfmeter verschossen hat.

Immer mehr Handelfmeter - und zwei aktuelle Serien

Zurück in die Gegenwart -und einem aktuellen Trend: Der Anteil der Handelfmeter hat - sicher auch durch diverse Regeländerungen - deutlich zugenommen. Während auf die gesamte Bundesliga-Historie gesehen 14,2 Prozent der Strafstöße aufgrund eines Handspiels verhängt wurden, waren es seit 2018 stets weit über 23 Prozent. Zwei der letzten drei Spielzeiten liegen unter den Top vier der Handelfmeter-reichsten Saisons seit 1963. Und: In der aktuellen Saison liegt die Quote aktuell bei stolzen 29,6 Prozent. Bleibt es dabei, wäre das der zweithöchste Wert der Geschichte.

Apropos aktuelle Saison. In den kommenden Tagen oder Wochen könnte neben dem 5000. Strafstoß noch ein zweites großes Jubiläum hinzukommen - unter Umständen sogar bei ein und demselben Elfmeter. Bislang traten 997 verschiedene Spieler vom Punkt an, die 1000er-Marke steht also unmittelbar bevor. 

Und auch Rekorde werden selbst nach 58 Jahren aktuell noch vom Punkt aus aufgestellt. So hat Mainz 05 alle 32 seit 2013 verhängten Elfmeter verwandelt - mit weitem Abstand Bestmarke. Und ein weiterer - eher trauriger - Rekord steht ebenfalls bevor. Mit 23 nicht gehaltenen Strafstößen in Folge liegt Hertha-Keeper Alexander Schwolow derzeit an der Spitze gleichauf mit Michael Rensing. Er dürfte hoffen, dass der Gegner beim nächsten Elfmeter nicht Mainz 05 heißt.

mib