DFB-Kapitän im Interview mit der "FAZ"

Ballacks Klartext im Wortlaut

Michael Ballack

Michael Ballack geht auf Konfrontationskurs. imago

Michael Ballack wurde in der vergangenen Woche an beiden Füßen operiert. Ballack wurde daraufhin gefragt, ob es ihn verwundere, dass sich Bundestrainer Joachim Löw nach der Operation nicht bei ihm über seinen Gesundheitszustand erkundigt habe.

Das überrascht mich schon, weil es in der Vergangenheit bisher immer anders war.

Ballack äußerte sich zu dem im Vorfeld des Russland-Spiels im DFB-Team ausgerufenen Konkurrenzkampf, dem sich alle Spieler laut Löw zu unterwefen hätten.

Ich finde es grundsätzlich gut, einen Konkurrenzkampf auszurufen. Aber das ist nichts Besonderes, sondern eine Normalität für jeden von uns. Im Umkehrschluss frage ich mich natürlich, ob es in der Vergangenheit in der Nationalelf wohl Fälle gab, bei denen das Leistungsprinzip nicht angewendet worden ist.

Hinsichtlich des Konkurrenzkampfes in der Nationalmannschaft bezog Ballack im Interview sehr klar Stellung zur Umgangsweise mit Torsten Frings, den Bundestrainer Löw im Spiel gegen Russland und gegen Wales nicht in der Startformation berücksichtigte.

Er war und ist Stammspieler, einer, der im Verein regelmäßig auf hohem Niveau spielt und dies vor allem auch in der Champions League zeigt. Bei der EM hatte er einen Rippenbruch und hat sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Ich kenne den Torsten seit den "U21"-Junioren gut, weiß wie er denkt und hoffe, er wird nicht zu einer Entscheidung verleitet, die Torsten und viele andere später bereuen werden.

Konkret wurde Michael Ballack gefragt, ob er glaube, dass Bundestrainer Joachim Löw Torsten Frings schon abgeschrieben habe.

Wenn man einen nicht mehr will, sollte man das ehrlich ansprechen. Respekt und Loyalität ist doch das Wenigste, was man als verdienter Nationalspieler erwarten kann. Ich denke da auch an den einen oder anderen Fall aus der Vergangenheit - zum Beispiel Oliver Kahn. Es war ein Konkurrenzkampf mit Jens Lehmann ausgegeben worden, den er in meinen Augen nie gewinnen konnte. Ich hoffe, dass ich mit meiner Vermutung in der Personalie Torsten Frings Unrecht habe.

Auch in der Personalie Kevin Kuranyi bezieht der Kapitän des Vize-Europameisters klar Stellung. Der Schalker Stürmer wurde für das Russland-Spiel nicht in den 18-Mann-Kader berufen und sah sich das Spiel von der Tribüne aus an. In der Halbzeitpause der Partie verschwand er dann aus dem Dortmunder Stadion und kehrte nicht zum vereinbarten Treffpunkt bzw. ins Mannschaftshotel der DFB-Auswahl zurück.

Seine Reaktion mit dem Verschwinden aus dem Stadion war natürlich nicht akzeptabel. Aber ich kann Kevins Frust gut verstehen. Er sah doch, dass es für ihn schwer wird, obwohl er Jahr für Jahr Champions League spielt und seit Jahren Stammspieler bei einem Bundesliga-Spitzenklub ist. Er hat in wichtigen Spielen für den Klub und für die Nationalmannschaft bewiesen, dass er Tore machen kann. Das alles sind doch wichtige Kriterien für die Nationalmannschaft. Wo kommen wir denn hin, wenn das nicht mehr zählt?

Die Worte Michael Ballacks bezüglich der Nationalelf kommen als sehr ernstgemeinte Warnungen daher. Der Kapitän sieht die DFB-Auswahl trotz der jüngsten Erfolge bei der EURO an einem Scheideweg stehen, wobei er sich vor allem um die bis dato gewachsene Hierarchie Sorgen macht.

Das Team hat eine Reife, vor allem auch deswegen, weil eine gute, intakte Hierarchie vorhanden war. Wir haben richtig starke, unverzichtbare Leute wie Philipp Lahm oder Per Mertesacker, die sich zu stabilen Größen entwickelt haben. Ich war bei der EM 2000 als junger Spieler dabei und konnte beobachten, wie eine Mannschaft mit guten Fußballern nicht funktionierte, weil die Hierarchie nicht stimmte. Man sollte vorsichtig sein, Spieler in eine Position zu drängen. Ich will mit dieser Mannschaft Weltmeister werden. Und das ist möglich.

Ballack äußerte sich auch zu der Kritik hinsichtlich seiner Führungsrolle. Im kicker äußerte sich jüngst Olaf Thon, der Weltmeister von 1990, sehr kritisch über Ballacks Auftreten als Kapitän ("Schweinsteiger der wahre Kapitän"). Thon zweifelt dabei an, ob ein Stammspieler Ballack der Nationalmansnchaft noch weiterhelfen könne.

Ich halte es für eine Frechheit. Ich weiß überhaupt nicht, ob Olaf Thon in den vergangenen drei Wochen geschweige denn in den letzten zwei Jahren überhaupt ein Spiel von mir gesehen hat bei Chelsea. Olaf Thon stellt Behauptungen auf, die gar nicht stimmen. Aber das ist genau der Trend, den ich seit einigen Wochen beobachte. Dass versucht wird, einigen Spielern im Team ans Bein zu pinkeln, und einige auf diesen Zug aufspringen wollen. Ich warte fast stündlich auf den Beitrag von Lothar Matthäus und seinen Lohnschreibern.