Potsdam: Interview mit Bernd Schröder

"Zu viele Pseudostars"

Bernd Schröder

Ein Mann klarer Worte: Turbine-Trainer Bernd Schröder. imago

kicker: Erwarten Sie die gewohnt hitzige Partie, Herr Schröder?

Bernd Schröder (65): Es wird ein Spiel auf Biegen und Brechen. Beim letzten Duell im November hat sich unser Erzrivale nicht gut verhalten. Mit dem Wintereinbruch konnte damals keiner rechnen. Platzkommission und Schiedsrichter entschieden, dass gespielt wird. Wir in Potsdam hatten keinen Einfluss darauf. Die Frankfurter Aussagen nach dem 1:1 ließen anderes vermuten, es wurde vom "Skandal" gesprochen. Das hat verbrannte Erde hinterlassen.

kicker: Fünf Punkte Rückstand zum Tabellenführer 1.FFC in der Liga – der Pokal ist Potsdams einzig realistische Titelchance.

Schröder: Richtig. Wir wollten immer ins Finale. Wenn es nicht klappt, haben wir ein Problem. Doch dem 1.FFC würde es nach neun Endspielen in Folge mehr wehtun, wenn er scheitert. Ich hoffe, dass es am Sonntag sportlich zugeht. Trotzdem: Wir werden niemals ein freundschaftliches Verhältnis pflegen, weil einfach die handelnden Personen nicht zusammenpassen.

kicker: Setzen Sie auch in Zukunft auf Ihre "jungen Wilden"?

Schröder: Ja, das ist eine Philosophiefrage. Frankfurt will Einzelstars, wir bauen im Wesentlichen auf unsere Jugend. Unsere Nationalspielerinnen stammen meist aus dem eigenen Nachwuchs. Frankfurt holt sich seine Leute irgendwo her, wenn die schon einen Marktwert haben. Ich mag diese Pseudostars gar nicht. Da laufen viel zu viele im Frauenfußball rum. Aber es gibt schon noch ein paar wenige Persönlichkeiten in der Liga, an denen wir interessiert sind – aber nicht um jeden Preis.

kicker: Wer könnte das sein?

Schröder: Es gibt zwei, die auch vom Charakter her gut reinpassen, aber die bei einem befreundeten Verein spielen und die wir deshalb auch nicht abwerben und die ich deshalb auch nicht namentlich nenne.

kicker: Potsdam musste viele Abgänge – unter anderem Ariane Hingst, Conny Pohlers, Britta Carlson oder Navina Omilade – verkraften, hat sich aber nach einer schwächeren Saison wieder gefangen. Woran liegt das?

Schröder: Wir haben immer noch drei Nationalspielerinnen und sechs U-19-Europameisterinnen in unseren Reihen. Das Geheimnis ist aber auch, dass wir einen hervorragenden Unterbau haben, mit einer guten Zweiten Bundesligamannschaft und einem hervorragenden Nachwuchsbereich mit U 15 und U 17 durch unsere Elite-Schule. Da kommt immer wieder etwas nach, da können wir uns immer wieder bedienen. So fällt es uns vielleicht nach Abgängen leichter als anderen Klubs, nicht im Niveau abzusinken.

2011 könnte mein letztes Jahr als Trainer sein.

Bernd Schröder

kicker: Ab dem neuen Jahr müssen Sie auf Nationaltorfrau Nadine Angerer verzichten, die nach Schweden wechselt. Wie schwer wiegt das?

Schröder: Das ist sportlich aber auch menschlich ein herber Verlust, der Abschied fällt auch Nadine nicht leicht. Unsere erst 17-jährige Torfrau Desirée Schumann, die eine große Zukunft vor sich hat, kann sie natürlich nicht adhoc ersetzen.

kicker: Warum läuft der Wechsel von Angerer so geräuschlos ab?

Schröder: Das ist eine Sache, mit der wir umgehen können. Das lief schon bei Ariane Hingst so. Beides sind Vertrauenspersonen des Trainers, bei uns gilt auch das gesprochene Wort etwas. Andere, die den Verein verlassen haben, waren nicht ehrlich zu uns. Die haben uns noch Wochen vorher gesagt, dass sie den Klub nicht verlassen und sind dann gegangen. Das tut weh. Wenn jemand rechtzeitig sagt, dass er den Verein wechselt, kann man damit auch umgehen. Es ist aber auch noch mal ein Unterschied, ob ich ins Ausland gehe oder in der Bundesliga bleibe. Wenn mir Conny Pohlers sagt: Sie würde sich eher die Füße abhacken, als nach Frankfurt zu gehen – und ein dreiviertel Jahr später zum 1.FFC will, dann ist das etwas, was wir nicht gerne sehen. Da muss man eben von Anfang an offen sein. Nadine hat bei uns noch einen Vertrag bis 30. Juni und darf nur wechseln, wenn wir einverstanden sind – und das sind wir.

kicker: Aber es wäre schon etwas anderes gewesen, wenn Angerer nach Frankfurt gegangen wäre?

Schröder: Ja, das hätte die Situation schon verändert.

kicker: Wird Angerer am Sonntag beim Pokalschlager gegen Frankfurt spielen?

Schröder: Das haben wir noch nicht entschieden. Nadine war jetzt mehrere Wochen außer Gefecht, da kann man nicht davon ausgehen, dass sie im Tor steht. Man muss jetzt auch aufpassen, dass wir unsere junge Torfrau Schumann, die wirklich in den letzten Spielen hervorragende Leistungen gebracht hat, nicht verprellen. Das kann auch nach hinten losgehen. Wir tun Nadine auch keinen Gefallen, wenn wir sie jetzt ins Feuer reinschmeißen und sie dann einen Fehler macht. Das wäre kein schöner Abschied. Aber sie wird auf der Bank sitzen, sie steht im Kader.

kicker: Sind Sie denn mit dem Saisonverlauf von Turbine zufrieden?

Schröder: Wenn wir das letzte Liga-Spiel am Sonntag gegen Bayern München nicht verloren hätten, wäre die Saison eigentlich optimal, denn bisher kassierten wir nur eine Niederlage. Aber mit einer so jungen Mannschaft ist die Stabilität noch nicht so durchgängig vorhanden, wir hatten zum Teil einen Altersschnitt von gut 19 Jahren auf dem Platz. Ohne das 1:2 vom Sonntag wären wir sogar im Rennen um die Meisterschaft mit dabei gewesen. Das hätte sicher keiner erwartet. Das ist eine sehr zukunftsträchtige Mannschaft.

"Den WM-Titel 2007 hatte ich nicht erwartet"

kicker: Ein Aushängeschild bei Potsdam ist Anja Mittag, die wieder zu alter Form zurückfindet.

Schröder: Sie hat ihr privates Umfeld auch wieder besser in den Griff bekommen, die Wurzeln sind wieder verfestigt. Sie hat die Verantwortung übernommen, weiß, dass sie bei Turbine eine absolute Führungsspielerin ist. Sie hat die Gunst der Stunde erkannt, sich als Persönlichkeit zu entwickeln. Sie ist auf dem Platz wieder auf dem Weg nach oben.

kicker: Mittags Vertrag läuft bis Sommer 2008, können Sie die Nationalspielerin halten?

Schröder: Wir sind guter Dinge, dass sie bis 2011 unterschreibt. Wenn ich will, kann ich alle Spielerinnen halten. Wir haben eine super Mannschaft, wissen wohin wir uns sportlich hinbewegen können und wir dürfen uns finanziell auch ein bisschen aus dem Fenster lehnen. Aber man sollte das nicht überstrapazieren. Und die Leistung muss natürlich auch stimmen.

kicker: WM-Titel 2007 - hat sich da aus Ihrer Sicht schon etwas in den normalen Frauenfußball-Alltag übertragen?

Schröder: Nein. Duisburg, Frankfurt und Potsdam – wir haben sowieso schon hohe Zuschauerzahlen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass bei den anderen Vereinen jetzt mehr Leute kommen. Da wird sich wohl nicht viel ändern. Da sind aber auch die anderen Klubs gefordert. Die Nachhaltigkeit des Titels ist zumindest bei den Zuschauerzahlen nicht gegeben. Ich habe das aber auch nicht erwartet.

kicker: Aber der DFB gibt doch ordentlich Gas in Sachen Frauenfußball!

Schröder: Absolut. Vor allem durch den Präsidenten Dr. Theo Zwanziger, der fast aufpassen muss, dass sich das mit dem Frauenfußball nicht überdimensioniert und dass andere Bereiche nicht liegen bleiben, aber das wird nicht passieren. Der DFB hat erkannt, dass wir schon jetzt weit über die WM 2011 schauen müssen, was die Strukturen und Vereine betrifft. Wir können uns jetzt nicht zurücklehnen und sagen: Wir haben die WM, das läuft jetzt von alleine. Der DFB macht viel, aber die Vereine müssen auch ihren eigenen Beitrag leisten.

kicker: Sie übten weit vor der WM Kritik am Nationalteam; hat Sie der Titel erstaunt?

Schröder: Die Mannschaft in China hat zusammengepasst und überzeugt. Aber zu erwarten war das nicht. Wer im Vorfeld gesagt hätte, wir packen das, der hat keine Ahnung vom Fußball. Nachdem was im Vorfeld passiert ist – ich nenne nur den Algarve-Cup -, konnte man nicht davon ausgehen, dass wir so spielen. Ich jedenfalls habe diesen Titel nicht erwartet. Aber man muss dann nach so einem Triumph auch mal die Arbeit der Vereine loben. Das ist ja bei den Männern nicht anders, das wird ja kaum gesehen. Siehe Herrn Bierhoff. Ich habe das Bundestrainerin Silvia Neid schon ein paar Mal gesagt, dass sie auch mal die Spitzenvereine hervorheben muss. Der Verein ist die Henne, aber dass das Ei natürlich ordentlich beim DFB bearbeitet wurde, ist auch klar.

kicker: Am Sonntag gibt auch Steffi Jones ihr Abschiedsspiel. Ist die Frankfurterin eine gute Wahl als WM-OK-Präsidentin?

Schröder: Ja, sie verkörpert alles, was man für eine Persönlichkeit im Frauenfußball braucht. Sie hat über Jahre in Spitzenmannschaften gespielt und Titel gesammelt. Steffi Jones weiß, wovon sie spricht. Für mich ist das die ideale Besetzung, ich wüsste keine andere - so viele Persönlichkeiten im Frauenfußball haben wir nicht.

kicker: Sind Sie zur WM 2011 in Deutschland noch Trainer in Potsdam?

Schröder: Ich habe mir ein Limit gesetzt, 2011 könnte mein letztes Jahr sein.

Interview: Jana Wiske