Die Debatte um eine Reform der EM-Qualifikation

Goliath ohne David?

Andorras Abwehrspieler zeigten sich beim 0:5 gegen Englands Peter Crouch (M.) machtlos.

Andorras Abwehrspieler zeigten sich beim 0:5 gegen Englands Peter Crouch (M.) machtlos. dpa

Arsene Wenger war wohl der einzige Mann Englands, der sich beim 5:0 gegen Andorra "not amused" zeigte. "80 Prozent der Qualifikations-Spiele am Wochenende waren uninteressant - und diese Zahl ist noch optimistisch. Das führt zum Kollaps der Qualität, so zerstören wir das Interesse der Zuschauer", wetterte der Franzose. Besonders die sogenannten Fußball-Zwerge wie Andorra, Liechtenstein, San Marino oder Neu-Staaten aus dem Zusammenbruch des Ostblock würden den Terminkalender mit sinnlosen Terminen füllen.

Natürlich reflektierte Wenger vorrangig in seiner Funktion als Arsenal-Trainer, der zahlreiche Internationale zu diesen meist ungleichen Duellen abstellen muss. Weite Reisen, Verletzungsgefahr - das sieht Werders Sportdirektor Klaus Allofs ähnlich: "Natürlich sind wir nicht glücklich, dass unsere Spieler so oft weg sind. Doch die großen Qualifikationsgruppen lassen uns keinen Spielraum. Alle würden es anders machen, wenn sie es könnten."

Allofs weiß aber auch, dass einem Verband wie San Marino die Gelder aus den TV-Rechten gegen Deutschland große Möglichkeiten eröffnen. "Das ist unbezahlbar. Sie bedeuten auch wichtige Finanzspritzen für die Jugendarbeit", sagt San Marinos Trainer Giampaolo Mazza. DFB-Trainer Joachim Löw erklärte, dass San Marino jede Berechtigung habe, an der Qualifikation teilzunehmen. Außerdem sei man für jedes Pflichtspiel dankbar, ergänzte Team-Manager Oliver Bierhoff.

Ralf Loose, fünf Jahre Coach von Liechtenstein, wehrt sich entschieden gegen Wenger. "Die Partien gegen die Großen sind überlebenswichtig. Wir professionalisierten damals damit den Nachwuchsbereich. Die Sicht des Herrn Wenger ist sehr egoistisch, gerade als Trainer eines Topklubs muss man den Fußball als Ganzes betrachten."

Das Ganze existiert offensichtlich aber auf zwei Ebenen: sportlich besitzen die ungleichen Vergleiche oft wenig Aufschlussreiches. Der soziale Auftrag darf aber nicht unterschätzt werden. Denn die Auftritte gegen die Stars werden gerade in kleineren Ländern zu Feiertagen - sei es für Spieler oder Einwohner. "Vor 40000 in Spanien oder Schweden - wenigstens für 90 Minuten träumst du, im großen Geschäft zu sein", schwärmt San Marinos Torhüter Gasperoni.

Eine mögliche Lösung? Berti Vogts denkt an eine Vor-Qualifikation. Die großen Verbände sollten nebenher einen Fonds gründen, aus denen die kleinen Verbände dann Geld erhalten. Das könnte aus den Einnahmen von Klassikern wie Deutschland gegen England stammen, die an den Terminen stattfänden, an denen die Kleinen ihre Vor-Qualifikation austragen.

Es könnte dazu eine eigene europäische Rangliste erstellt werden, die ersten 30 oder 40 müssten an der Vor-Quali nicht teilnehmen. Zwei bis vier Teams der Vor-Ausscheidung sollten weiterkommen. Vogts: "Die kleinen Nationen gewinnen dann auch mal ein Spiel und haben Erfolgserlebnisse." Allofs hält dieses Prozedere ebenfalls für sinnvoll. Viel Interesse würde es wohl nicht wecken. San Marinos bislang einzigen Sieg (1:0 gegen Liechtenstein) wollten gerade einmal 700 Zuschauer sehen. "Da würde der Geldgraben noch größer", fürchtet Liechtensteins aktueller Trainer, Martin Andermatt. Jeder Verband habe die gleichen Pflichten, deshalb auch die gleichen Rechte. "Außerdem hat Herr Wenger auch mal kleinere Mannschaften trainiert."

Oliver Birkner