Nationalelf

"So können wir nicht spielen"

kicker-Interview der Woche: Michael Ballack

"So können wir nicht spielen"

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"Hier geht' s lang." Kapitän Michael Ballack gibt die Richtung vor. imago

kicker: Herr Ballack, 2:2 und eine bedenkliche Vorstellung gegen Japan. Hätte der Kapitän gedacht, dass die Nationalelf noch so weit von WM-Form entfernt ist?

Michael Ballack (29): Halt, halt, nicht so skeptisch. Man hat gesehen, dass wir schwere Beine hatten, dass wir nach dem harten Trainingslager in einem Loch sind. Das ist völlig normal. Und wie die Mannschaft nach dem 0:2 zurückgekommen ist, belegt doch, welche Moral in unserem Team steckt.

kicker: Das waren die positiven Erkenntnisse. Was hat der Test an negativen Erfahrungen beschert?

Ballack: Dass wir die Schwächen in der Defensive, die wir nun schon seit zwei Jahren mit uns herumschleppen, wieder nicht abstellen konnten. Wir hatten Glück, dass wir nicht noch mehr Gegentore kassierten. Da können wir uns auch bei Jens (Lehmann, die Red.) bedanken, der das, was haltbar war, gehalten hat – und sogar mehr als das.

kicker: Wie will man die Abwehrprobleme bis zur WM in den Griff bekommen?

Ballack: Das ist nicht allein eine Frage der Abwehr, das ist vor allem auch eine Frage der Ausrichtung. Wir hatten ja diesmal was Neues probiert, aber das hat auch nicht funktioniert.

kicker: Sie meinen die System­ Umstellung mit Torsten Frings und Tim Borowski in der zentralen Defensive, mit Ihnen auf der rechten Mittelfeld- Seite und mit Bernd Schneider in der Viererkette.

Ballack: Ja, das ist meines Erachtens nicht aufgegangen. Wir hatten eine viel zu offensive Ausrichtung und viel zu viele Chancen zugelassen. So können wir nicht spielen, das ist viel zu offensiv.

kicker: War dieses Experiment nötig?

Ballack: Wichtig ist, dass wir die Experimente jetzt beenden.

Neue Rolle: Ballack als Beckham?

kicker: Das heißt?

Ballack: Ich denke, gegen Kolumbien werden wir die Formation stellen, die auch bei der WM anfangen soll.

"Ich muss erst noch den Rhythmus finden."

Wir müssen uns einspielen, es ist unser letzter Test vor dem Turnier.

kicker: Sie wirkten nach Ihrer Knöchelverletzung nicht fit. War es richtig, schon wieder zu spielen?

Ballack: Ich wollte das unbedingt. Für mich war es nach den fünf Tagen Pause wichtig, dass ich in den Rhythmus komme. Wenn ich noch zwei, drei Tage hätte kürzer treten müssen, wäre das für mich nicht gut gewesen.

kicker: Schaffen Sie es, den Rückstand bis zur WM aufzuholen?

Ballack: Wichtig war für mich in erster Linie, dass das Sprunggelenk gehalten hat. Mir war klar, dass noch etwas die Spritzigkeit fehlt. Wie gesagt: Ich muss erst noch den Rhythmus finden, das geht nur über Spiele.

kicker: Noch einmal: Reicht die Zeit?

Ballack: Ich denke schon. Das Loch ist normal nach dem harten Training. Ich denke, wir werden nach dem Kolumbien- Spiel körperlich einen Sprung nach vorn machen, auch ich.

kicker: Welche Bedeutung hat die Generalprobe in Mönchengladbach, außer dass man sich endlich einspielen sollte?

Ballack: Zunächst einmal werden wir, wie eingangs gesagt, eine andere, nicht so offensive Ausrichtung haben. Dann müssen wir es schaffen, Druck auf den Gegner aufzubauen, das Tempo hochhalten. Da müssen wir jetzt durch, schwere Beine hin oder her. Das ist unser Spiel, das ist uns gegen die Japaner nicht gelungen.

kicker: Ein weiterer Rückschlag würde die WM-Vorfreude der Fans weiter eintrüben.

Ballack: Deshalb ist es sehr, sehr wichtig, dass wir das letzte Spiel mit einem positiven Ergebnis abschließen: Für die Fans und auch für uns. Es wäre nicht gut für die Mannschaft, wenn sie mit einem Negativ-Erlebnis das Trainingslager abschließen und in die WM gehen müsste.

kicker: Ihre Kollegen haben einhellig die bisherige WM-Vorbereitung gelobt. Das Training sei abwechslungsreich, der Teamgeist hervorragend. Was sagen Sie?

Ballack: Es stimmt, wir haben die Tage in Sardinien und Genf optimal genutzt. Aber wichtig sind immer die Spiele. Daran orientiert man sich, Training hin oder her. Und da haben wir gesehen, dass wir noch viel aufzuarbeiten haben. Mit dem 2:2 können wir diesmal noch leben, am Freitag müssen wir es besser machen.

kicker: Waren Sie überrascht von der Spielstärke Japans?

Ballack: Ein bisschen schon, sie waren flink, ball- und passsicher, haben schnell nach vorn gespielt.

kicker: Eine Schwäche hieß Jens Nowotny, der beim Comeback nach seiner Einwechslung an beiden Gegentoren beteiligt war.

Ballack: Es ist nicht in Ordnung, dies an einer Person festzumachen. Beim ersten Tor stimmte die Grundordnung nicht. Am zweiten Gegentor war ich auch beteiligt. Da hat sich Jens vielleicht auf mich verlassen, dass ich den Zweikampf gegen Takahara gewinne. Da kann man ihm aber keinen Vorwurf machen.

Interview: Oliver Hartmann