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30 Jahre Furiani: Tragödie vor Spiel SC Bastia vs. Marseille

Pokal-Halbfinale hallt bis heute nach

30 Jahre Furiani: Wie "Größenwahn" auf Korsika zu einer Tragödie führte

Das Stadion des SC Bastia lag am 5. Mai 1992 in Trümmern.

Das Stadion des SC Bastia lag am 5. Mai 1992 in Trümmern. Sygma via Getty Images

Ärger, häufig auch Wut, vor allem aber Trauer: In Josepha Guidicelli kommen mehrere Gefühle hoch, wenn sie auf die Stadionkatastrophe von Furiani zu sprechen kommt. Die junge Frau, braune Haare, zierliche Statur, gibt zur Zeit vermehrt Interviews. Sie möchte die Menschen auf Korsika, die Fußballwelt und "vor allem die Politik" sensibilisieren, sagt sie. Sensibilisieren für die Folgen eines Ereignisses, das sie und die Menschen, mit denen sie für Gerechtigkeit kämpft, seit 30 Jahren begleitet.

Rückblick: Das Pokal-Halbfinale gegen Marseille sollte zum Highlight werden

Es ist ein besonderer Tag für Didier Grassi. Der damals 28-Jährige geht an diesem 5. Mai 1992 den Weg, den er schon oft genommen hat. Die Zufahrtsstraße zum Stadion entlang, dann hoch auf die Tribüne. Eine Tribüne, die vor einem Monat noch nicht einmal stand. Die Sonne brennt vom Himmel, das Stade Armand Cesari ist noch leer - bis auf eine Handvoll Fans, die ihre Banner schon jetzt in der Südkurve aufhängen. Grassi ist heute ein paar Stunden vor dem Anpfiff auf seinem Stammplatz im Stadion seines Heimatvereines Bastia, den die Korsen aber Furiani nennen, wie den Stadtteil, in dem die Spielstätte steht. Er kommentiert das Spiel für einen lokalen Radiosender, und auch für ihn, der seit 22 Jahren ins Stadion zum SC geht, ist es ein Festtag.

Denn an jenem Dienstag trifft Bastia auf Olympique Marseille, Halbfinale, Coupe de France. Marseille, mit Stars wie dem heutigen französischen Nationaltrainer Didier Deschamps und dem einstigen Bayern-Stürmer Jean-Pierre Papin, ist generell und nicht nur wegen der beiden zuletzt kurz hintereinander errungenen Meisterschaften der attraktivste Gegner für die meisten Klubs der Ligue 1. Das gilt auch und im Besonderen für Zweitligist Bastia. Doch das Spiel wird nicht einmal angepfiffen.

Er erinnere sich noch ganz genau an den Tag, sagt Grassi. "Jede Minute." Zumindest bis zur Katastrophe. Die Ankunft im Stadion, die Sonne, die Banner, die Fans. Und dann ist da "dieses schwarze Loch", wie der Korse es nennt. Die Leichtbautribüne, die zuvor in gerade einmal einer Woche in einer Nacht-und-Nebel-Aktion erbaut worden war, bricht zehn Minuten vor Spielbeginn in sich zusammen. Es ist eine der größten Stadionkatastrophen Frankreichs, die sich an jenem Tag ereignet, 18 Menschen kommen um, über 2000 verletzen sich schwer. So auch Didier Grassi. Und doch hat der damalige Kommentator keinerlei Erinnerungen an die zwei Stunden, die sein komplettes Leben verändern.

Binnen einer Woche wurde ohne Beschluss die Kapazität deutlich erhöht

Was genau ist passiert? Die Tribüne ist unter der Last der über 9000 Zuschauer eingeknickt, Beton und Stahl begraben einige von ihnen unter sich. In Videos hört man Schreie, die verzerrte Stimme aus einem Lautsprecher versucht, Ruhe in die panische Menge Überlebender zu bringen, die aus dem verbogenen Gewirr aus Stahlträgern auf die Straße drängt. Hubschrauber, Krankenwägen, Feuerwehrautos - überall werden Verletzte behandelt, Trümmer verschoben, Tote geborgen.

Der Grund für die Katastrophe? "Größenwahn", sagt Grassi. Er vergleicht die damalige Gier nach einem größeren Profit mit der Maßlosigkeit heutiger Tage, in denen der Fußball sich von den Fans immer weiter entferne. Damals sollten von ebenjenen Fans aber noch viel mehr die Möglichkeit haben, das Spiel des Jahres gegen Marseille zu sehen. Denn immerhin liegt die 900.000-Einwohner-Stadt direkt an der Küste, Korsika ist nur um die 500 Kilometer weit weg - viele Korsen leben deshalb in Marseille. Das SC-Präsidium beschloss also, die 750 Plätze fassende "Tribune Claude Papi" abzureißen und in nur einer Woche und ohne behördliche Genehmigung eine 9000-Mann-Tribüne zu errichten. Die einfache Rechnung: Mehr Plätze, mehr Fans, mehr Einnahmen. Der Plan ging nur scheinbar auf. Denn nur eine Woche später, stand sie, die neue Tribüne - ohne befestigten Boden darunter oder tragende Statik.

Das Ergebnis: Einnahmen um die 450.000 Euro - und eine Katastrophe

Am Telefon klingt Grassi gefasst, wenn er darüber spricht. Er erzählt, wie er zu sich kommt, auf einer Trage mit mehreren Knochenbrüchen und gerissenen Kreuzbändern liegend, auf dem Weg in ein Flugzeug, das ihn nach Marseille bringen soll. Dort wird er mit den anderen Opfern versorgt. Heute hat der mittlerweile 58-Jährige mehrere Operationen hinter sich, die letzte fand 2018 statt. Eine neue Narbe, ein neues Hüftgelenk und die Hoffnung auf ein neues Leben. Ohne Operationen. "Eigentlich bin ich dankbar", sagt Grassi, "dass ich überhaupt noch lebe." Denn viele seiner Bekannten von damals haben dieses Glück nicht.

Rettungsaktion: Ordner tragen einem verletzten Zuschauer aus den Trümmern.

Rettungsaktion: Ordner tragen einen verletzten Zuschauer aus den Trümmern. AFP via Getty Images

Vier seiner Freunde sterben. Als das Spiel noch nicht begonnen hat, stehen sie noch neben ihm, reden, scherzen, freuen sich auf ein spannendes Halbfinale. Es hat lange gedauert, bis Grassi darüber reden konnte. Ihn plagte das sogenannte "Überlebensschuld-Syndrom", ein Trauma, das Überlebende glauben lässt, sie hätten es nicht verdient, eine todbringende Situation zu überstehen. "Ich dachte mir immer wieder: Warum darf ich leben und die anderen nicht?", sagt Grassi. Er ging in Therapie, um das Trauma zu verarbeiten, hat aber heute noch sogenannte Trigger - also Auslöser, die ihn immer wieder in ihn die Dinge fühlen lassen, die er auch am 5. Mai vor 30 Jahren fühlte. "In solchen Situationen bin ich reizbarer", sagt er.

Frankreich verhält sich am "Tag zum Gedenken" lange Zeit wenig kooperativ

Josepha Guidicelli hat keine Erinnerung an diesen Tag. Sie ist heute 34 Jahre alt. Und dennoch wird er sie wohl für immer verfolgen. Obwohl die Korsin nur aus Erzählungen weiß, was sich damals in Bastia ereignet hat, bestimmt der 5. Mai ihr Leben seit sie vier Jahre alt ist. Denn an diesem Tag hat sie ihren Vater verloren. Er war einer der 18 Menschen, die in Furiani gestorben sind und Guidicelli kämpft jeden Tag dafür, dass die Opfer der Katastrophe Gerechtigkeit erfahren. Sie ist Teil des "Collectif des victimes de la catastrophe du 5. Mai 1992" - einer Organisation, die sich für die Überlebenden und Hinterbliebenen einsetzt.

"Für Furiani: Keine Spiele am 5. Mai" heißt es auf diesem Spruchband.

"Für Furiani: Keine Spiele am 5. Mai" heißt es auf diesem Spruchband. AFP via Getty Images

Das für sie wichtigste Ziel hat die Korsin bereits erreicht: Durch eine Abstimmung im Senat hat das Parlament im Oktober vergangenen Jahres den Gesetzesvorschlag ihres Verbandes angenommen, am 5. Mai werden also keine Profispiele mehr ausgetragen. Ein Meilenstein. "Das ist ein Tag zum Gedenken", sagt sie, "gegen das Vergessen." Und den gelte es in gebührender Weise zu begehen - ohne Profipartien.

Für das Thema sensibilisiert wurde Guidicelli durch ihre Mutter. Die habe "noch mehr unter dem Verlust des Ehemannes zu leiden gehabt als ich" sagt die Französin am Telefon. Die Mutter hält Reden und Vorträge, spricht mit Politikern, macht auf sich aufmerksam - und die Tochter eifert ihr nach.

Immer wieder gab es Widerstände, anfangs hätten sich weder die Politik noch die Verantwortlichen zu ihren Fehlern bekannt. Dann jedoch trat der damalige Präsident Jean-Francois Filippi zurück, neben ihm wurden noch 14 weitere Verantwortliche angeklagt.

Neun Tage vor Prozessbeginn wurde Filippi dann vor seinem Haus erschossen, ein Zusammenhang mit den Ereignissen vom 5. Mai konnte jedoch nicht geklärt werden. Ein Mörder wird nie verurteilt. Dennoch kämpfen Guidicelli, Gassi und die weiteren Hinterbliebenen weiterhin für Gerechtigkeit.

Michael Postl