23. Juni: Zaubermeister Guus Hiddink

Gegen diese Russen in die WM-Quali

Die Nationalmannschaft der Russen ist im Begriff, neue Maßstäbe zu setzen für eine verfeinerte Art der Leit-Kultur. Wie andere Nationen auch, aber viel konkreter, viel effizienter begeistert sie Zuschauer und verwirrt Gegner. Dieses Team befindet sich zumindest in der richtigen Spur: Kaum im Besitz des Balles, beeilt sich jeder, ihn über schnellstmögliche Stafetten Richtung Tor zu hetzen. Und den Gegner gleichermaßen. Mit Diagonal-Flanken, mit langgezogenen Spurts, mit Doppelpässen. Ohne langatmiges Quergeschiebe, ohne Zeitverzug. Ein fußballerischer Zauberberg! Wenn man die Russen zaubern lässt.

Die Griechen haben sie gelassen, die Schweden auch, die respektablen Holländer erst recht. Notgedrungen. Ohne ein Rezept nach einem wirksamen Gegenmittel zu finden. Nur die Spanier, im Gruppen-Auftakt, befreiten sich nach einer rund halbstündigen Verwirrung aus der drohenden Umklammerung und erkannten die Problem-Zonen im System, die nicht ausgereifte Defensiv-Strategie. Fragen Sie nach bei David Villa, der dreimal erfolgreich in die Wunde bohrte.

EM-Tagebuch von Rainer Holzschuh

Guus Hiddink, der Zaubermeister, hat in Windeseile die Schwächen seiner Spieler analysiert, die Stärken maximiert und alles zu einer formidablen Philosophie verschmolzen. Der Fortschritt ist fulminant und lässt Gewaltiges erahnen: Vor zwei Jahren hagelte es in Portugal eine 1:7-Niederlage, im Vorjahr holte man sich in Holland eine deftige 1:4-Abfuhr; jetzt hätte sich kein Holländer beschweren können, wenn bereits in der Normalzeit die haargenaue Resultats-Revanche gelungen wäre.

Eine Final-Paarung Deutschland gegen Russland ist nicht abwegig. Und würde unseren Spielern ersten Anschauungs-Unterricht für die WM-Qualifikation geben, in der Löws Team längst nicht mehr der haushohe Favorit auf den Gruppensieg darstellt wie noch in den Tagen vor der EM. Im Fußball ist die Halbwertszeit eines Favoriten-Daseins nun mal sehr begrenzt - siehe unsere Mannschaft, die während dieses Turniers verschiedentlich davon Zeugnis ablegte. Insofern kann sich bis zum Quali-Termin am 11. Oktober in Dortmund mit der Chance zur möglichen Final-Revanche viel ereignen.

Ob Lukas Podolski dann als Arbeitnehmer des FC Bayern aufläuft, ist derzeit völlig ungewiss. Im Vereinsdress zuletzt wenig effizient, brilliert der Münchner im Nationalteam als emsiger Torschütze und Vorbereiter vom Dienst. Er sollte sich gut überlegen, ob er weiterhin öffentliche Unsicherheit über seine Zukunft verstreut oder erst einmal abwartet, was Jürgen Klinsmann mit ihm plant. Innere Ausgeglichenheit erlangt man mit diesen Versuchen eines medialen Doppelpasses selten. Aber vielleicht ist seine gezeigte Lockerheit wirklich nicht aufgesetzt und er schüttelt alle Probleme mit dem Auflaufen auf das Spielfeld schwerelos ab.