Nationalelf

"Geld gibt's nur für gute Konzepte"

Interview mit Bundestrainer Joachim Löw

"Geld gibt's nur für gute Konzepte"

Joachim Löw

Klare Ansprache: Bundestrainer Joachim Löw bemängelt das Zweikampfverhalten der Spieler deutscher Teams. imago

kicker: Herr Löw, die Fans sind nach dem Europacup-Debakel frustriert und suchen nach Gründen. Wissen Sie, warum die Vereine international nicht mithalten können?

Joachim Löw: Wenn alle Mannschaften ohne Verletzungen sind, wenn alle Spieler ihre bestmöglichen Leistungen abrufen können, hat man schon eine Chance, international mitzuhalten. Gibt es jedoch Ausfälle, wird es schwierig, weil die Ausgeglichenheit im Kader nicht vorhanden ist.

kicker: Die Klubs klagen reflexartig über zu wenig Geld und zu viel Stress. Macht man es sich da nicht zu einfach?

Löw: Absolut richtig. Wir werden in Deutschland nicht das Geld eines Roman Abramovich haben. Trotzdem können wir mit Mannschaften wie Chelsea mithalten. Dazu brauchen wir aber alle die Bereitschaft, nach anderen Gründen zu suchen. Denn diese Gründe gibt es.

kicker: Welche sind das?

Löw: Es sind die elementaren Dinge. Wir machen seit fast einem Jahr Untersuchungen in den verschiedensten Bereichen: Zweikampfverhalten, Passschnelligkeit, Passpräzision, Ballannahme und -mitnahme, Lauftempo, und so weiter. Wir haben mittlerweile eine Datenbank, die unglaublich gute Erkenntnisse liefert. Und daraus lässt sich relativ leicht beweisen, auf welchem internationalen Standard eine Mannschaft steht.

kicker: Woran bemessen Sie internationalen Standard?

Löw: Ein Beispiel: Man muss nur mal analysieren, wie viele Tore Mannschaften nach Freistößen kassieren, wie viele völlig unnötige Fouls vorangingen. Ein solch schlechtes Zweikampfverhalten muss abgestellt werden, das ist elementar. Bei ganz großen Mannschaften sind diese Dinge enorm gut ausgeprägt. Die Spieler machen kaum Fehler in den einfachen Dingen. Da müssen wir ansetzen, und zwar schon in der Ausbildung.

kicker: Wie soll dies geschehen?

Löw: Man darf nicht einmal tolerieren, wenn ein kleiner Fehler passiert. Korrigieren, korrigieren, auf den Fehler hinweisen. Immer wieder. Wie beim Klavierspielen.

kicker: Wie bitte?

Löw: Da muss auch darauf geachtet werden, dass ich von Anfang an jeden Ton richtig spiele. Wenn ich falsche Töne akzeptiere, wird das Ganze nie stimmig. Nur wenn alle Töne hundertprozentig sitzen, bin ich in der Lage, ein tolles Konzert zu spielen. Diese Beharrlichkeit in der Ausbildung ist enorm wichtig für die Trainer.

kicker: Fehlt es daran in Deutschland?

Löw: Es liegt mir fern, die Bundesliga kritisieren oder belehren zu wollen. Jeder ist für seine Arbeit verantwortlich und muss sie strategisch so ausrichten, wie er sie für richtig hält. Aber richtig ist natürlich auch, dass dies ein Thema für die Trainer- ausbildung im Allgemeinen ist. In diesem Bereich brauchen wir eine nachhaltige Optimierung, Matthias Sammer arbeitet akribisch an diesem Thema.

kicker: Karl-Heinz Rummenigge oder Dieter Hoeneß beklagen, die Bundesliga sei wirtschaftlich nicht international konkurrenzfähig.

Löw: Mein Ansatz ist der: Wir dürfen nicht als Fakt stehen lassen, dass andere Nationen mehr Geld haben. Möglicherweise haben andere Vereine auch deshalb mehr Geld, weil sie konzeptionell wahnsinnig gut arbeiten. Und weil Investoren vielleicht lieber da investieren, wo sie Konzepte, Kontinuität und eine Philosophie sehen. Geld kommt nur, wenn ein gutes Konzept vorhanden ist. Und nebenbei: Auch mit bescheidenen Mitteln kann man unheimlich gut arbeiten.

kicker: Wie meinen Sie das?

Löw: Das Wichtigste ist eine Philosophie: Welchen Trainer brauche ich dafür, welche Spieler, was sind die Etappenziele, welchen Fußball möchte ich spielen? Und das Zweitwichtigste ist die konsequente Umsetzung dieser Philosophie. Wenn ein Verein dreimal im Jahr den Trainer wechselt und völlig unterschiedliche Trainerpersönlichkeiten mit unterschiedlichen Philosophien holt, ist das keine konsequente Umsetzung.

kicker: Die Nationalmannschaft brauchte zwei Jahre, um auf internationaler Ebene den Rückstand wettzumachen. Wie lange benötigt die Bundesliga, um zu den führenden Klubs aufzuschließen?

Löw: Das weiß ich nicht. Wir haben die Spieler relativ wenig bei uns, können aber sagen, dass wir bei uns Fortschritte gemacht haben. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren klare Aufgabenstellungen an die Spieler ausgegeben, ihnen gesagt, was wir erwarten und was wir nicht tolerieren. Durch diese Automatisierung haben sie gespürt, dass wir schnellen, offensiven Fußball spielen wollen. Unsere Spieler haben inzwischen die Überzeugung, dass sie einen Gegner dominieren können. Unabhängig davon, ob wir zu Hause oder auswärts spielen. Das ist unsere Philosophie, die verfolgen wir mit aller Konsequenz.

Oliver Hartmann