Bundesliga

Die Mediziner Prof. Meyer und Scharhag plädieren für individuelle Strategien nach COVID-19

Die Mediziner Prof. Meyer und Scharhag plädieren für individuelle Strategien

"14 Tage Sportpause wird der Bandbreite nach Corona nicht gerecht"

Ist gegen starre Regeln bei der Rückkehr auf den platz nach einer COVID-19-Erkrankung: Professor Tim Meyer.

Ist gegen starre Regeln bei der Rückkehr auf den platz nach einer COVID-19-Erkrankung: Professor Tim Meyer. imago images/Team 2

Am Mittwoch fand das Bundesliga-Nachholspiel zwischen dem FC Augsburg und Mainz 05 statt. Die Partie wurde Anfang März abgesagt, weil 14 FSV-Spieler, darunter alle drei Profi-Torhüter, mit dem Coronavirus infiziert waren. In der Frage, wie schnell nach einer Erkrankung eine Rückkehr ins Training sinnvoll ist, gibt es auch unter Medizinern verschiedene Meinungen.

Der Sportkardiologe Professor Martin Halle von der TU München empfahl kürzlich eine generelle 14-tätige Pause auch bei Berufssportlern. Professor Tim Meyer von der Uni Saarbrücken, Mannschaftsarzt der Fußball-Nationalmannschaft, und Professor Jürgen Scharhag von der Uni Wien, Mannschaftsarzt der U 21 des DFB, plädieren in einem gemeinsamen Statement für ein individuelles Protokoll "Return to sport". Ähnlich sind auch die Mediziner von Mainz 05 vorgegangen.

Die Zahl der Coronainfektionen ist hoch, das Virus grassiert auch im Berufssport. Was raten Sie Profis, um das Risiko beim Wiedereinstieg zu minimieren?

Für den Wiedereinstieg gibt es Empfehlungen von medizinischen Fachgesellschaften, die bei Erfordernis auch an neue Situationen in der Pandemie angepasst werden. Nach diesen sollten sich Ärzte, Spieler und Vereinsverantwortliche richten. Wichtig ist bei dieser Diagnostik - wie auch in ähnlichen Situationen bei anderen Krankheiten: "Mehr hilft nicht zwangsläufig mehr." Denn nicht nur ein Zuwenig, sondern auch ein Zuviel an Diagnostik birgt Risiken von Fehleinschätzungen. Es geht um eine vernünftige Balance zwischen der Empfindlichkeit einzusetzender Untersuchungen und ihrer Aussagesicherheit bei beschwerdefreien Sportlern. Üblicherweise kennen die jeweiligen Mannschaftsärzte die Sportler am besten. Sie haben bereits frühere Infektionen behandelt und wissen auch, welche Belastungen in der nächsten Zeit anstehen. Mit ihnen sollten sich die Sportler eng abstimmen.

Woher rühren unterschiedliche Einschätzungen, Ihr Kollege Professor Halle sprach sich kürzlich für eine generelle Belastungspause von 14 Tagen aus und für ein Herz-MRT zur genauen Kontrolle?

Die abweichenden Einschätzungen resultieren am ehesten aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Erfahrungen. So sieht ein Mannschaftsarzt viel mehr bei Routineabstrichen positiv getestete junge Sportler ohne Beschwerden und ohne Vorerkrankungen als ein Arzt in einer Praxis oder Klinik. Im Berufssport handelt es sich in der Regel bei der Entscheidung über das sogenannte "Return to play" um ein reines Vorsorge-Screening von zu diesem Zeitpunkt beschwerdefreien Sportlern. Diese Situation weicht deutlich ab von jener, bei der ein Patient mit Symptomen zum Arzt geht und die Wahrscheinlichkeit einer stärkeren COVID-19-Erkrankung mit etwaigen Komplikationen wie z. B. einer Herzmuskelentzündung deutlich höher ist.

Wie lange soll ein Profi auf intensive körperliche Belastungen verzichten?

Eine generelle Belastungspause von 14 Tagen für Berufssportler wird der Bandbreite der inzwischen bekannten Erkrankungsverläufe nicht gerecht - zumal man damit möglicherweise ein nicht leicht zu rechtfertigendes vorübergehendes Berufsverbot ausspricht. Denn es ist ein Unterschied, ob eine Person "nur" einen positiven SARS-CoV-2-Test ohne Krankheitssymptome hat oder mit starken Symptomen und Fieber an COVID-19 erkrankt. Im ersten Fall ist nach den gerade angepassten Expertenempfehlungen aus den USA eine dreitägige Sportpause vermutlich ausreichend, im zweiten Fall können 14 Tage deutlich zu kurz sein. Beim Einsatz von teuren und beschränkt verfügbaren Untersuchungsverfahren ohne allgemein akzeptierte Indikation ist auch zu bedenken, ob dieser sich gegenüber anderen Patientengruppen mit entsprechendem Bedarf rechtfertigen lässt.

Inwieweit sollten Sportorganisationen aufgrund der milderen Verläufe ihre Empfehlungen für den Wiedereinstieg ins Training beziehungsweise Wettkampf anpassen?

Es geht hier nicht um Sportorganisationen, die Empfehlungen aufstellen, sondern diese Aufgabe obliegt den medizinischen Fachgesellschaften. Daran sollten sich alle Sportorganisationen orientieren. Es ergibt wenig Sinn, wenn jede Sportart ihre eigenen Regularien entwickelt. Das ist auch über die Unterschiedlichkeit der Sportarten nicht zu rechtfertigen. Natürlich ist aufgrund der aktuell milderen Verläufe bei Omikron über liberalere Vorgehensweisen nachzudenken. Aufgrund der Abhängigkeit aktueller Empfehlungen von den möglichen Beschwerden eines Patienten ist das aber in gewissen Grenzen auch bereits gegeben. Die Kollegen in Österreich haben beispielsweise bereits eine Konkretisierung umgesetzt.

Welches "Protokoll" empfehlen Sie Freizeitsportlern?

Ein unbedingt zu beachtender Aspekt ist, dass verschiedene Untersuchungen für Freizeitsportler, deren berufliches Fortkommen nicht von einer Fortsetzung ihres Sports abhängt, nicht im selben Maße verfügbar sind wie für medizinisch engmaschig betreute Profisportler. Hier könnte man also durchaus die 14-tägige Pause nach Diagnosestellung vertreten, wobei anschließend Untersuchungen in die Wege zu leiten sind, falls noch Beschwerden bestehen.

Lesen Sie dazu auch das Interview mit Prof. Dr. Martin Halle: 
Sportkardiologe über DFL-Spielordnung: "Das macht natürlich keinen Sinn"

Interview: Michael Ebert