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100 Jahre: Mazda feiert Geburtstag

Gegründet 1920 - Unkonventionelle Technologien - Blick zurück und nach vorn

100 Jahre: Mazda feiert Geburtstag

Mazda R360 Coupé, MX-5, MX-30

Drei Repräsentanten der Mazda-Geschichte (v.l.n.r.): R360 Coupé, MX-5 und MX-30, die letzteren beiden als Jubiläums-Editionen. Mazda

Luce heißt er, ein Coupé ganz in Weiß, das Design verrät die Handschrift von Bertone. In perfekter Symmetrie thronen die Talbot-Spiegel auf den Kotflügeln, das Interieur schmückt sich mit rotem Sitzmobiliar, einem ergreifend schlichten Lenkrad und mit Details, die in den späten 1960ern/frühen 1970ern puren Luxus bedeutet haben - einem Cassettenradio beispielsweise, elektrischen Fensterhebern, Klimaanlage und einem Knopf für die elektrisch ausfahrbare Antenne.

Luce also. Muss wohl ein Italiener sein.

Falsch. Das Luce R130 Rotary Coupé mit seinem 93 kW/126 PS starken Zwei-Scheiben-Kreiskolbenmotor unter der ästhetisch überaus befriedigend langen Motorhaube ist ein Mazda. Gebaut von 1969 bis 1971. Und einer von vielen Repräsentanten einer Unternehmensgeschichte, deren Beginn sich in diesem Jahr zum hundertsten Male jährt.

Mazda Luce

Mazda Luce R130 Rotary Coupé: Der 126 PS starke Zwei-Scheiben-Kreiskolbenmotor machte es 190 km/h schnell. Mazda

Dabei war es gar nicht das Auto, mit dem anno 1920 alles begann. Die "Toyo Cork Kogyo Co. Ltd." produzierte im japanischen Hiroshima Korkersatz, ein nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dringend benötigtes Produkt. Ein Jahr lang machte man so gute Geschäfte, dann war natürlicher Kork wieder in ausreichender Menge vorhanden. Das Unternehmen reagierte schnell und ernannte den kreativen Jujiro Matsuda zum Präsidenten, der ohne zu zögern auf modernen Maschinenbau umstellte.

Matsuda? Mazda? Richtig - phonetisch ist es vom Eigen- zum Firmennamen ein nachverfolgbar kurzer Weg.

Lasten-Dreirad fürs Kaiserreich

Unter der Ägide von Matsuda präsentiert man 1930 ein motorisiertes Lastendreirad namens Mazda-Go, robust genug, um die holprigen Straßen des damaligen Kaiserreichs bei guter Gesundheit zu überleben. 1940 stellt Mazda seinen ersten Pkw vor, dessen Serienfertigung die nachfolgenden Kriegswirren aber zunächst verhindern. Den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima übersteht das Unternehmen wundersamerweise nahezu intakt, noch 1945 erlebt die Produktion von Nutzfahrzeugen einen Neustart.

Dennoch wird es 1960, bis auch ein Pkw vom Fließband läuft. Das putzige R360 Coupé erfüllt in seiner Winzigkeit die neu eingeführten Kriterien eines Kei-Cars, Kleinstwagen, die in Japan bis heute - unter anderem - Steuervorteile genießen. Das 380-kg-Leichtgewicht wird zum Bestseller.

Mazda R360

Winzling in Rot: Mazda R360 Coupé von 1960. Hersteller

1967 wendet sich Mazda mit dem Luce und dem kompakten Familia Europa zu, 1970 folgt Nordamerika. Und 1972 trägt sich die Mazda Motors Deutschland GmbH ins Handelsregister Düsseldorf ein, 1973 beginnt bei uns der Vertrieb von Mazda 616, Mazda 818 (Familia) und dem Coupé RX-3.

Durchbruch mit dem 323

Das sind Namen, mit denen heute kaum jemand mehr etwas anfangen kann. Schon eher horcht man bei den Stichworten "323" und "626" auf: Mit dem kompakten 323 - Nachfolger des 818/Familia und ab 1977 zu damals 8490 Euro verkauft - sowie dem 626 gelang Mazda der Durchbruch in Deutschland. Die dritte 626-Generation wurde zum erfolgreichsten Mittelklasse-Importwagen und schaffte es als erstes japanisches Automobil, einen Vergleichstest im Fachblatt "Auto, Motor und Sport" zu gewinnen. 1987 war das, die Konkurrenten hießen Audi 80, Peugeot 405, Renault 21 und Ford Sierra.

Der Markenname Mazda stünde für "Mein Auto zerstört deutsche Arbeitsplätze" zürnten damals die einen, viele andere aber kauften sich ein beim Mazda 626 und begeisterten sich an dessen ungewöhnlich reichhaltiger Ausstattung.

Mazda 626

Mittelklasse made by Mazda: 626-Limousine mit 4WS-Allradantrieb aus dem Jahr 1987. Mazda

"Servolenkung, Zentralverriegelung, allerlei Signaltöne, Ausstellfenster hinten, umklappbare Sitze, teilweise Tempomat", zählt Joachim Frey auf. Seine Familie betreibt in Augsburg das Mazda Classic Automobil Museum Frey, in dem die Schätze der 100-jährigen Unternehmensgeschichte zu bewundern sind, zu lackglänzender und chromblitzender Pracht restauriert und "prinzipiell fahrbereit", wie Frey sagt.

Auch der legendäre MX-5 steht in dem ehemaligen Straßenbahndepot. Bis zu seinem Geburtsjahr 1989 hatten die Mazda-Modelle (Stichwort Preis-Leistungs-Verhältnis) vor allem auf den Verstand der Kunden abgezielt, der puristische Roadster aber traf mitten ins Herz. In den 1990er-Jahren löste er eine markenübergreifende Renaissance der offenen Zweisitzer aus, bis heute genießt er Kultstatus.

Lizenz für den Wankelmotor

Eine ganze Ecke im Mazda-Museum wiederum widmet sich dem Kreiskolbenmotor, der untrennbar mit der Unternehmensgeschichte verbunden ist. Zurück zum Jahr 1961: Damals hatte Tsuneji Matsuda, Sohn des Mazda-Gründers, eine Vereinbarung unterzeichnet, die auch in Europa und da speziell in Deutschland Schlagzeilen machte. Der Lizenzvertrag mit dem Neckarsulmer Automobilhersteller NSU - aus dem später Audi hervorging - erlaubte die Produktion und Weiterentwicklung des von Felix Wankel in Heidelberg konzipierten Kreiskolben- oder Wankelmotors.

1967 bringt Mazda mit dem zweitürigen Sportcoupé 110 S Cosmo sein erstes Serienmodell mit Zwei-Scheiben-Kreiskolbenmotor auf den Markt. Über die Jahre verkauft das Unternehmen mehr als eine Million Fahrzeuge mit Wankelmotor, deutschen Autofans dürften davon RX-7 und RX-8 am besten erinnerlich sein.

Der 787B mit Vier-Scheiben-Wankelmotor trug 1991 den Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans davon, im gleichen Jahr stellte Mazda anhand der Studie HR-X das Konzept eines wasserstoffbetriebenen Kreiskolbenmotors vor, im RX-8 Hydrogen RE wurde es später weiterentwickelt.

Mazda RX-7

Kreiskolben-Legende: Mazda RX-7, hier ein Modell des Jahres 1978. Mazda

Als Ford im Jahr 1996 seinen Anteil an Mazda von 25 auf über 30 Prozent erhöhte, begann eine Periode, in der die die Kreativität der Japaner aus Kostengründen eingebremst wurde. Erst nach der weitgehenden Scheidung 2008 ging es wieder aufwärts. Bis heute macht Mazda technologisch vieles anders als die anderen, setzt zum Wohle der Kraftstoff- und Schadstoffökonomie beispielsweise nicht auf das allseits grassierende Downsizing, sondern auf eine besonders hohe Verdichtung seiner Benziner und eine ungewöhnlich niedrige der Diesel. Skyactiv nennt sich das Sparprogramm, mit dem Skyactiv-X führt man einen Zwitter aus Benziner und Diesel im Programm. Und Mazdas sogenanntes Kodo-Design wird von vielen als das schönste aller japanischen Hersteller betrachtet.

Bio-Kraftstoff aus Algen

Gefragt nach dem, was jetzt noch kommt, erwähnt Mazda die Arbeit an Bio-Kraftstoffen aus gezüchteten Algen, einer große Premium-Limousine mit Skyactive-X-Sechszylinder und natürlich an der Elektromobilität.

Deren erster Vertreter ist der elektrische Crossover MX-30, von dem es 2021 eine Version mit Kreiskolbenmotor als reichweitenverlängerndem Range Extender geben soll - und dessen Interieur mit diversen Korkintarsien versehen ist. Wir erinnern uns: Mit Kork hat alles angefangen, damals, vor 100 Jahren in Hiroshima.

Ulla Ellmer

Das Mazda Classic Automobil Museum Frey in Augsburg hat von Donnerstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 5 Euro Eintritt, ermäßigte Karten kosten 2,50 Euro. Kinder bis einschließlich 12 Jahren haben freien Eintritt.

Kontakt: Mazda Classic - Automobil Museum Frey, Wertachstraße 29 b, 86153 Augsburg, mazda-classic-frey.de

Rückblick: 100 Jahre Mazda-Geschichte