Zur Loginbox springen Zur Navigation springen Zum Inhalt springen
20.06.2006, 09:43

Ecuador: Im "Vale del Chota" befindet sich eine der Talentschmieden des Andenstaates

Das Tal der Helden

Deutschlands nächster WM-Gegner ist Ecuador. Das Herzstück der "Tri" bilden Spieler aus der Talentschmiede im "Valle del Chota". kicker-Redakteur Oliver Bitter war erst kürzlich vor Ort. Kahle Bergrücken wölben sich unter bewölktem Himmel. Es staubt, wenn sich eines der wenigen Autos über die hier zweispurige Panamericana kämpft.

Auch Ecuadors Goalgetter Augustin Delgado hat im "Vale del Chota" das Fußballspielen gelernt.
Auch Ecuadors Goalgetter Augustin Delgado hat im "Vale del Chota" das Fußballspielen gelernt.
© imagoZoomansicht

Entweder nach Norden, Richtung Kolumbien, oder nach Süden, wo man nach eineinhalb Stunden strammer Fahrt durch die Ausläufer der Anden die Hauptstadt Quito erreichen kann.

Touristische Highlights wie die Kapitale mit sehenswerten Kathedralen und der von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Altstadt hat das "Valle del Chota" nicht zu bieten. Hierher verirren sich Fremde nur selten. Die verschwiegenen Pfade ins nicht mal 100 Kilometer entfernte Kolumbien nutzen Schmuggler und Drogenkuriere gerne für ihre kriminellen Geschäfte. Das Auswärtige Amt in Deutschland rät von Reisen in diesen Teil Ecuadors ab.

Wie gesagt: Bemerkenswerte Bauwerke gibt es hier nicht zu besichtigen, die Landschaft ist eher langweilig. Und doch hat das heiße Hochtal für ganz spezielle Kunden eine Menge zu bieten. Die Gegend, die sich die beiden Provinzen Imbabura und Carchi teilen, gilt als die Talentschmiede des ecuadorianischen Fußballs. Nicht selten, dass sich Talentspäher in diese unwirtliche Gegend bemühen.

zum Thema

Liga

Weltmeisterschaft

Vereinsinfo

Ecuador

Trainersteckbrief

Luis Fernando Suarez

Nachfahren schwarzer Sklaven bewohnen das 1600 Meter hoch gelegene Tal, einige verdingen sich in einer Zuckerrohrfabrik. Wenn sie überhaupt eine Arbeitsstelle finden. Früher hielten sich Jesuiten und Dominikaner die meist aus dem Senegal stammenden Sklaven als Arbeitskräfte auf ihren Plantagen, auf denen Zuckerrohr, Kaffee oder Bananen angebaut wurden. Ihre Nachfahren bilden nur etwa fünf Prozent der rund 13Millionen starken Gesamtbevölkerung, aber alle zehn Feldspieler, die beim Anpfiff der ersten WM-Partie gegen Polen (2:0) auf dem Rasen standen, sind Afro-Ecuadorianer, entweder aus dem Chota-Tal oder aus der Küstenprovinz Esmeraldas.

Das Herzstück der "Tri"-Offensive bilden Mittelfeldmann Edison Mendez und Stürmer Agustin Delgado, die beide aus El Juncal stammen, dem Hauptort des Tales, wie auch Abwehrrecke Geovanny Espinoza; Ulises de la Cruz wuchs in einem Nachbarort auf. Der zweite Treffer der Südamerikaner gegen Polen entsprang praktisch einer familiären Co-Produktion. Mendez und Delgado waren früher nicht nur Nachbarn, nein, "über ein paar Ecken sind wir sicher auch verwandt", sagt Mendez.

Ein paar Ecken - genau geprüft hat das noch niemand. Und es kann auch keiner genau sagen, wie viele Kicker aus der armen Region im Norden Ecuadors den Sprung in die höchste Liga geschafft haben. Fast 100 sollen es inzwischen sein, vermuten Kenner der Szene. Tendenz steigend. Logisch, weil inzwischen die Infrastruktur deutlich verbessert wurde im Vergleich zu der Zeit, als sich Agustin Delgado noch nach der Schule täglich mit seinen Kumpels auf dem kleinen Spielfeld direkt am Chota-Fluss tummelte, wo teilweise größere Gesteinsbrocken umdribbelt werden mussten. Seine Wurzeln hat "El Tin" (Abkürzung für Agustin) nicht vergessen. Er unterstützt die armen Familien in der Heimat, sorgt mit 80000 Dollar jährlich dafür, dass die Jugendlichen ordentlich essen können, ärztlich versorgt und von erfahrenen Trainern angeleitet werden. Nicht nur deshalb wird der erfolgreiche Stürmer vergöttert. Er ist einer von denen, die es gepackt haben. Sein Beispiel macht denen Mut, die in Ecuadors Gesellschaft nur am Rande existieren, bei allen wichtigen Entscheidungen überhört werden und auf entscheidenden Posten nicht zu finden sind.

Fans der "Tri" fiebern mit den Helden aus der Haeimat.
Fans der "Tri" fiebern mit den Helden aus der Haeimat.
© imagoZoomansicht

Nach einer idealen Basis für erfolgreiche Jugendarbeit sieht es im Tal der Helden allerdings trotz Delgados großzügiger Unterstützung nicht aus. Ein Sandplatz mit Kieseln und Unebenheiten erschwert die Ballführung. Auf der einen Seite begrenzt ein Hügel mit baufälligen Holzhütten das Spielfeld, nebenan führt auf einer Betonbrücke die Panamericana über den Fluss. Nur zu erahnen sind die Spielfeld-Abgrenzungen, der Strafraum. Tornetze fehlen. Führt der Chota während der Regenzeit Hochwasser, dann verschwindet schon mal das Spielgerät. "Der Fluss", sagt José Carcelin (37), "hat uns schon viele Bälle geklaut."

Der Ex-Profi trainiert nachmittags die 16- bis 20-Jährigen. Verlegen kichern die Mädchen, als sich die Burschen am Spielfeldrand umziehen. Kabinen gibt es nicht, und die Leibchen sehen nicht so aus, als würden sie nach jeder Benutzung gewaschen. Wenn überhaupt. Fußballschuhe trägt nur ein einziger, alle anderen mühen sich in völlig ungeeigneten Tuch-Turnschuhen. Immerhin: Ein Ball ist da, und Carcelin leitet selbst das Trainingsspiel, als einer von acht Übungsleitern. Es ist die harte Schule, weil der Ball häufig verspringt. Doch bei allem Ehrgeiz gehen die Jungs pfleglich miteinander um. Jedes Tackling würde unweigerlich zumindest schwere Abschürfungen nach sich ziehen, im Zweikampf wird eher mal zurückgezogen. Erstaunlich, wie gut die Burschen auf der holprigen Fläche das Spielgerät beherrschen. "Wer es auf diesem Platz schafft, für den ist es auf Rasen wie ein Spaziergang", sagt Carcelin.

250 Spieler aller Jahrgangsstufen üben in Tin Delgados Fußballschule, zwei Stunden am Tag. "Für die Jungs ist Fußball die einzige Möglichkeit zum sozialen Aufstieg", erzählt Pedro Delgado, Bruder des Stars und Leiter der Schule. "Wir hatten früher die Auswahl", erinnert sich "El Tin", mit 30 Länderspieltreffern mittlerweile der erfolgreichste Torjäger in Ecuadors Geschichte. "Entweder wir spielten Fußball, oder wir gingen einfach so zum Fluss." Also spielten sie Fußball, mangels anderer sinnvoller Beschäftigung. Irgendwie scheint hier jede Familie am Fußball zu hängen, und es bleibt unklar, wie viele Leute überhaupt in den meist baufälligen Häuschen in El Juncal leben. 200 Familien etwa, schätzt Trainer Carcelin, "jede hat fünf bis sechs Kinder, die meisten beschäftigen sich nur mit Fußball."

Wer es auf diesem Platz schafft, für den ist es auf Rasen wie ein SpaziergangJosé Carcelin, Trainer im "Valle del Chota"

7000 Leute sollen insgesamt im Tal leben, die Namen der meisten Ansiedlungen sind nur den Einwohnern bekannt und auf keiner Karte verzeichnet. Sie spielen gegeneinander, und die Bewohner von El Juncal sind im Vorteil. Sie kennen den Platz genau, es ist der einzige im ganzen Tal. Aber über Standardmaße verfügt auch der nicht, schlicht und einfach, weil zwischen Fluss und Hügeln nicht mehr Platz war. Und die Breite stimmt nicht, weil die Brücke im Weg ist.

Ein zu kurzer und zu schmaler Platz, übersät mit Steinen in trostloser Landschaft: Dennoch hat dieses armselige Übungsfeld etliche Talente hervor gebracht. Unter anderem natürlich die Spieler, die den Deutschen einheizen sollen.Logisch, dass im "Valle del Chota" wieder die Hölle los ist, wenn "ihre" Jungs sich mit den Besten der Welt messen. Eine Stimmung, die wohl nur übertroffen wird an Silvester. Dann erwacht der langweilige Flecken zum Leben. Jeweils am letzten Tag des Jahres treten traditionell die großen Stars auf dem Schotterplatz an. Dann kommen Delgado, Mendez und Co. zurück in ihre Heimat und kämpfen im Schatten der Betonbrücke, auf die die Jungs die Namen der Asse gesprüht haben. Dann geben sich die Mannschaften Kampfnamen wie "Los Duros" (die Harten). Vor den Hütten drängen sich die Menschen, die Brücke wird zur Südkurve, und der Verlierer zahlt die Zeche. Wer weiß, vielleicht gibt es Silvester 2006 eine Menge zu erzählen. Zum Beispiel von einer WM, bei der eine verstärkte Dorfmannschaft die Konkurrenz aufmischte.

Oliver Bitter

 

kicker

Lesen Sie die aktuelle kicker-Ausgabe vor allen anderen auf Ihrem Tablet oder Smartphone!
noch vor Verkaufsstart verfügbar: Lesen Sie die Montagsausgabe schon Sonntagabend
mit unserem Abo-Service verpassen Sie garantiert keine Ausgabe
bequeme und sichere Bezahlung über Ihren Appstore-Account
mühelos und in Sekunden-
schnelle geladen!
   

Frage der Woche präsentiert von der wgv

Frage der Woche präsentiert von der wgv
Ist Eintracht Frankfurt schon reif für die Champions League?
Zur Umfrage

Livescores Live

Schlagzeilen

Community

Die aktuellsten Forenbeiträge
Rücktritt in Schande! von: HarryGregg - 19.11.18, 21:37 - 0 mal gelesen
Re (9): Zu lang am Sack gerochen von: GIadbacher - 19.11.18, 21:32 - 15 mal gelesen
Re: Er lässt Kroos spielen?!? von: rauschberg - 19.11.18, 21:30 - 10 mal gelesen

Der Rahmenterminkalender

Bundesliga, Pokal, Champions League, Europa League, Nationalelf etc: Auf einem Blick wissen, was wann stattfindet.

Alle Termine 18/19

DIE GANZE WELT DER KICKER APPS!
Informieren Sie sich über unser vielfältiges App Angebot:
Smart TV Tippspiel kicker MeinVerein Voice & VR eMagazine