kicker: Señor Menotti, Sie sind jetzt 67, besitzen wunderbare Landsitze in der Pampa und sind trotzdem meist in Ihrem Büro mitten in Buenos Aires anzutreffen. Warum?
César Luis Menotti (67): Ich bin mit einem Ball geboren. Fußball ist mein Leben. Ich habe gerade ein Buch geschrieben und arbeite für eine mexikanische Fernsehstation während der WM in Deutschland. Jüngst sprang ich in Mexiko für 14 Tage bei einem Zweitligaklub als Trainer ein. Ich bin dauernd unterwegs, ich kann nicht Rinder züchten. Ich will Fußball leben, jeden Tag.
kicker: Vor einigen Monaten waren Sie auf Kuba. Wie kam es dazu?
Menotti: Kubas Fußballverband hat mich eingeladen. Ich habe dort Vorträge gehalten für Trainer, Funktionäre und Behörden.
kicker: In Ihren Essays schreiben Sie über "linken und rechten Fußball". Welcher Fußball wird auf Kuba gespielt?
Menotti: Der kubanische Fußball hat große Fortschritte gemacht. Bei der WM-Qualifikation hat Kuba gegen Costa Rica zweimal unentschieden gespielt und ist nur wegen der Auswärtstore-Regel ausgeschieden. Sonst wäre Kuba vielleicht der erste Gegner Deutschlands gewesen.
kicker: Was ist "linker Fußball"?
Menotti: Linker Fußball ist generös und nur dem Publikum verpflichtet. Er ist aufrichtig, stellt nicht das Resultat über alles.
kicker: Schön spielen und dann doch verlieren?
Menotti: Nein. Das Publikum will ehrlichen Fußball. Es merkt, ob die Mannschaft das Spiel gestalten und gewinnen will, ob die Spieler Spaß haben, oder ob ängstlicher, destruktiver Fußball gespielt wird.
„Linker Fußball ist generös und nur dem Publikum verpflichtet. Er ist aufrichtig, stellt nicht das Resultat über alles.“César Luis Menotti
kicker: Zählt nicht doch am Ende nur das Ergebnis?
Menotti: Nicht nur. Wenn Sie mit halbherzigem, defensivem Spiel ein negatives Resultat erzielen, dann fühlt sich der Zuschauer betrogen. Wenn die Mannschaft rennt, kämpft, spielt und dennoch verliert, dann wird dies vom Zuschauer honoriert. Aber die Mannschaft darf ihre Fans nicht betrügen. Niemals.
kicker: Wie vermitteln Sie das einem Profi, der übermorgen beim bisherigen Gegner spielt, weil er dort ein paar Millionen mehr verdient?
Menotti: Geld hat damit nichts zu tun. Placido Domingo verdient viel Geld, aber er wird niemals Schlager singen. Al Pacino werden Sie niemals in einer belanglosen Rolle sehen. Nicht das Geld macht den Fußball kaputt. Mir ist es egal, wie viel ein Bild kostet, wenn mich der Künstler nicht mit einer zweitklassigen Arbeit betrügt. Solange der Spieler Einsatz, Spektakel und Mut zeigt, wird sich keiner daran stören, dass er Millionen verdient.
kicker: Wer spielt mutigen Fußball?
Menotti: Barcelona, die Selecao, Manchester United hat bis vor ein paar Jahren begeistert, auch Arsenal jetzt wieder. Alle spielen mutig und zugleich erfolgreich.
kicker: Kritiker werfen Ihnen vor, Ihre Mannschaften hätten mutig gespielt, aber zumeist erfolglos.
Menotti: Ich habe viel gewonnen, mehr, als die jeweiligen Mannschaften verdient hätten. Ich hatte nie eine Meistermannschaft, abgesehen von Barcelona Anfang der 80er Jahre. Da haben wir den Ligapokal gewonnen, die Copa del Rey und wurden Vizemeister. Dabei hat mir in 18 Spielen Maradona und in acht oder neun Spielen Schuster gefehlt. Bei Atletico Madrid verlangte der Präsident einmal von mir, einen Spieler zu bestrafen, weil er einen Elfer verschossen hatte. Wir waren Dritter - was soll man dazu sagen?
kicker: Trainer werden an Titeln gemessen.
Menotti: Genau das ist falsch. Viele glauben, nur wer Erster wird, ist erfolgreich. Fußball ist nicht so einfach. Als Ajax in den 70ern alles gewann mit seinem revolutionären Stil, wollten alle Trainer spielen wie Ajax, doch das konnten sie nicht, weil sie die Spieler dazu nicht hatten. Nicht einmal die Holländer selber konnten es und gewannen nichts. Weder 1974 noch 1978.
kicker: Halben also die Trainer nicht doch zumindest eine Teilschuld?
Menotti: Der Trainer ist Dirigent des Orchesters. Mit mittelmäßigen Musikern werden Sie nie ein großes Orchester haben. Aber Sie können mit viel Übung und Begeisterung ein passables Konzert vortragen.
kicker: Argentinien bringt Jahr für Jahr neue Talente hervor, die Nationalelf gehört zu den WM-Favoriten, doch zu Hause steckt der Fußball in einer tiefen Krise. Wie erklärt sich das?
Menotti: Die Vereine werden nicht kontrolliert. Es geht nur ums Geschäft. Jeden Tag findet irgendeine Partie statt. Spieler werden wie Rinder verkauft. Die Fans gehen nur noch zu den Klassikern. Vereine gehen Konkurs, obwohl in den letzten Jahren Spieler im Wert von 200 Millionen Dollar nach Europa verkauft wurden.
kicker: Wird in die eigene Tasche gearbeitet?
Menotti: Der argentinische Fußball ist korrupt, und nur dem Talent der Spieler, die sich schon früh gegen Tausende anderer Talente durchsetzen müssen, ist es zu verdanken, dass er nicht längst tot ist.
kicker: Teilen Sie die Einschätzung, dass Brasilien im Moment zwei Tore besser ist als alle anderen Teams, auch als die Argentinier?
Menotti: Nein, das glaube ich nicht. Der Unterschied ist geringer. Wahr ist, dass viele brasilianische Spieler in ihren Vereinen Leistungsträger sind. Unserer Nationalmannschaft dagegen fehlen im Moment Spieler wie Kaká, Cafú, Roberto Carlos, Ronaldo, Ronaldinho oder Robinho. Argentinien hat gute Spieler, aber keine Topstars.
kicker: Was erwarten Sie von der WM?
Menotti: Viel, sehr viel. Die WM ist eigentlich die letzte Chance, die der Welt-Fußball hat, um das Publikum zurückzugewinnen.
kicker: Wie meinen Sie das?
Menotti: Die Mailänder Scala oder die Oper von Paris sind nicht schöner als andere Opernhäuser. Aber sie provozieren ganz andere Gefühle bei den Sängern und beim Publikum. Ein Fußballspiel in München, Barcelona oder Manchester ist etwas ganz anderes als ein Spiel in Korea oder Japan. Dort fehlt die Ambiance, die Historie. Manchester, Barcelona, München sind andere Bühnen. Das merkt der Spieler.

kicker: Können wir auf eine WM der großen Emotionen hoffen?
Menotti: Deutschland bietet alle Voraussetzungen, dass die Versöhnung mit den Fans gelingt. Ein begeisterungsfähiges, fachkundiges Publikum. Anders als in Asien wird die WM nicht nur in den Stadien und im Fernsehen stattfinden. Sie ist Thema in den Familien, am Kiosk, im Büro, in der Kneipe und in der Straßenbahn.
kicker: Wie groß ist der Heimvorteil?
Menotti: Wenn sich das Publikum mit der Mannschaft identifiziert, wenn es sie trägt, dann ist es ein Vorteil, zu Hause zu spielen. Doch das Heimrecht kann für große Mannschaften erdrückend werden. Die Spanier sind bei der Heim-WM 1982 gescheitert, die Italiener 1990 auch. Selbst Brasilien hat gegen Uruguay das entscheidende Spiel 1950 als haushoher Favorit verloren. Wenn es im Team nicht läuft, wenn es einen Bruch gibt zwischen Publikum und Mannschaft, ist der Gastgeber im Nachteil.
kicker: Was auf Ihr Team 1978 nicht zutraf.
Menotti: Wir hatten eine tolle Mannschaft. Techniker, Talente, Kämpfer - und wir hatten das nötige Glück. Doch das kommt nicht von alleine. Man muss dafür arbeiten.
kicker: Hat Deutschland genug gearbeitet?
Menotti: Auch Klinsmanns Team kann Weltmeister werden. Die Deutschen hatten immer gute Nationalmannschaften. Leider wurde deutscher Fußball oft auf Kraft, Ordnung und Glück reduziert. Ich könnte Ihnen 50 Spieler aufzählen, von Beckenbauer, Overath, Breitner, Stielike, Schuster über Littbarski, Häßler bis zu Ballack, die von ihren Fähigkeiten den Brasilianern oder Argentiniern ebenbürtig waren oder sind. Vielleicht fehlen der aktuellen Mannschaft aber Spieler, die den Unterschied machen.
„Leider wurde deutscher Fußball oft auf Kraft, Ordnung und Glück reduziert.“César Luis Menotti
kicker: Sie haben in der letzten Stunde nur eine Zigarette geraucht: Denken Sie ans Aufhören?
Menotti: Ja, es ist an der Zeit. Bis Sie 40 sind, können Sie problemlos 20 Minuten Fußball spielen. Zumindest war das bei mir so. Dann wird die Luft knapp. Die 20-Jährigen rennen und rennen. Weil ich nun sogar beim Tennis außer Atem komme, habe ich beschlossen, etwas zu ändern.
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