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21.01.2016, 19:39

Ski Alpin: Felix Neureuther im großen kicker-Interview

Neureuther: "Träume braucht man immer"

Kein deutscher Skifahrer gewann mehr Weltcuprennen als Felix Neureuther. Dem Garmisch-Partenkirchener fehlt aber noch der große Coup - auch weil er vergangene Saison knapp an der kleinen Kristallkugel scheiterte. Nach seinen Rückenproblemen kämpft er sich zurück an die Weltspitze. Vor den Weltcups in Kitzbühel, Schladming und Garmisch erklärt der 31-Jährige im Gespräch mit dem kicker, warum es in dieser Saison noch nicht für einen Sieg reichte, was er dafür ändert, welche Ziele er hat und welcher Traum ihn begleitet.

Felix Neureuther
Blick nach vorne: Felix Neureuther beißt sich zurück in die Weltspitze und freut sich auf das Highlight in Kitzbühel.
© imagoZoomansicht

kicker: Sind Sie mit dem bisherigen Saisonverlauf zufrieden, Herr Neureuther?

Neureuther: Betrachtet man meine Vorgeschichte, kann ich sehr zufrieden sein, vor allem im Riesenslalom. Dennoch bin ich zwiegespalten: Im Slalom habe ich mehr drauf, es fehlte leider im Herbst die Zeit zum Testen. Wenn ich also die aktuelle Saison mit der vorigen vergleiche, muss ich sagen, dass die Konkurrenz einen Schritt nach vorne gemacht hat.

kicker: Bisher fehlt Ihnen ein Saisonsieg. Der zehn Jahre jüngere Henrik Kristoffersen überragt im Slalomweltcup mit flinken Beinen. Hapert es bei Ihnen an der Spritzigkeit?

Neureuther: Es kommt vieles zusammen, dazu gehören auch die Spritzigkeit, die schnellen Beine und die Kraft, die ich mir normalerweise im Sommer erarbeite. Dann fehlen die Testkilometer, was die Abstimmung mit dem Material anbelangt, die Sicherheit und körperliche Fitness. Unter diesen Voraussetzungen gewinnt man nicht mehr, wird Vierter - und verliert pro Durchgang eine halbe Sekunde auf die Spitze. Genau das gilt es aufzuholen.

kicker: Die Rückenprobleme verfolgen Sie nun schon eine Weile. Hatten Sie nie das Gefühl, es ist genug?

Neureuther: Nein, der Spaß ist noch groß genug. Freilich gibt es Tage und Monate, die schwer fallen. Aber ich sehe das Ganze als eine Herausforderung, mit wenigen Trainingstagen auf das Niveau von den anderen zu gelangen. Weil in diesem Jahr keine Weltmeisterschaft und keine Olympischen Spiele stattfinden, ist es eine Übergangssaison.

Wenn ich mir Marcel anschaue, dann hat der sicher noch die Kraft wie vor ein paar Jahren.Felix Neureuther über die Aussagen von Marcel Hirscher

kicker: Woran arbeiten Sie in diesem Überbrückungsjahr?

Neureuther: Ich lerne aktuell meinen Körper neu kennen. Gemeinsam mit dem Trainer-Team möchte ich die Weichen für die nächsten Jahre stellen, die mit den beiden Großereignissen, WM und Olympia, wichtige Rennen bieten. Wir gehen einen komplett neuen Trainingsweg mit so wenig Einheiten wie noch nie.

kicker: Marcel Hirscher sagte zuletzt, er habe nicht mehr die Kraft wie vor zwei, drei Jahren. Geht es Ihnen ähnlich?

Neureuther: Wenn ich mir Marcel anschaue, dann hat der sicher noch die Kraft wie vor ein paar Jahren. Es fällt einfach schwer, jeden Tag aufzustehen und sich neu zu motivieren, wenn man schon vieles gewonnen hat.

kicker: Nun kommen die großen Events in Kitzbühel, Schladming und der Heimweltcup von Garmisch-Partenkirchen. Was dürfen wir von Ihnen erwarten?

Felix Neureuther
Lernfähig: Felix Neureuther sucht nach neuen Wegen für eine erfolgreiche Zukunft und fordert von sich selbst mehr Risikobereitschaft.
© imago

Neureuther: Für mich zählt in dieser Saison, so viel wie möglich zu lernen. Wir machen neue Erfahrungen, die ich umsetzen muss. Das Programm sieht anders aus, und der nächste Schritt soll gelingen.

kicker: Was hat sich verändert?

Neureuther: Mein Training ist explizit auf den Rücken abgestimmt - nach den vergangenen Monaten muss ich noch mehr darauf achten und herausfinden, wie weit ich gehen kann. Im Vordergrund steht die Arbeit an der Hüftbeweglichkeit, da bleibt das Krafttraining etwas auf der Strecke.

kicker: Welche Ziele haben Sie sich für die kommenden großen Rennen gesetzt?

Neureuther: Ich bin kein Freund davon, sich Ziele für Ergebnisse zu setzen. Es kommt dabei viel eher auf technische Details an: Risikobereitschaft, mehr aus den Beinen fahren und den Oberkörper ruhiger halten. Das wäre ein nächster Schritt, dann fahre ich besser.

Ich bin davon überzeugt, dass noch viel in meinem Körper steckt.Felix Neureuther

kicker: Haben Sie Angst, dass die Jungspunde um Kristoffersen davonziehen könnten?

Neureuther: Die Entwicklung von Kristoffersen betrachte ich als ganz normal in diesem Sport. Die Jungs setzen das unglaublich gut um. Für mich als erfahrener Athlet geht es darum, das Niveau zu halten und den Anschluss nicht zu verlieren. Ich bin davon überzeugt, dass noch viel in meinem Körper steckt. Es reizt mich, die Jungs noch mal zu besiegen.

kicker: Ist Mario Matts Karriere, mit all ihren Höhen und Tiefen, auf eine gewisse Weise ein Vorbild, da er bis ins fortgeschrittene Alter zur Elite zählte?

Neureuther: Vorbild würde ich nicht sagen - Mario Matt ist eher ein Beispiel. Ich vergleiche mich ungern mit anderen. Matt beeindruckte auch im hohen Alter noch mit seinem Niveau.

kicker: Wie verarbeiten Sie diese Verletzungen mental?

Neureuther: Natürlich belasten die Verletzungen, logisch. Man versucht, einen Weg zu finden, von dem man felsenfest überzeugt ist. Also: Keine unterschiedlichen Wege ausprobieren, sonst schweift man ab. Eine Verletzung fordert mich heraus. Das Problem will ich jetzt in den Griff kriegen.

kicker: Haben Sie sich ein Maximum gesetzt?

Neureuther: Nein, das mache ich nicht. Ich tue alles, um das Maximale aus mir herauszuholen. Dann brauche ich ein Fernziel wie Olympia. Das ist wichtig.

Felix Neureuther
Aufbruchsstimmung: Mit neuem Trainingsplan startet Felix Neureuther seine Vorbereitung auf die WM und die Olympischen Spiele.
© imago

kicker: Sie definieren Ihre Ziele mit der Weltmeisterschaft 2017 und den Olympischen Spielen 2018. Vergangenes Jahr scheiterten Sie im letzten Rennen ganz knapp am Gewinn des Slalomweltcups. Glauben Sie daran, einmal der beste Slalomfahrer der Welt sein zu können?

Neureuther: Die kleine Kristallkugel schwebt im Kopf, klar. Dafür muss jedes Rennen hundertprozentig passen, wobei das Hier und Jetzt nicht vernachlässigt werden darf.

kicker: Als nächster Weltcuport steht kommendes Wochenende Kitzbühel vor der Tür. Auf diesem Hang triumphierten Sie bereits zweimal. Was macht ihn so besonders?

Neureuther: Kitzbühel ist ein großer Mythos. Die Stimmung und Tradition machen diesen Ort zum bedeutendsten Weltcup-Rennen des Jahres, das für mich auf derselben Ebene wie eine Weltmeisterschaft steht. Diesen Hang fuhren bereits Ingemar Stenmark, Alberto Tomba - und mein Papa hinunter.

Um die Abfahrt zu fahren, muss ich körperlich top-fit sein, und der Ritt darf kein unnötiges Risiko darstellen.Felix Neureuther über seine Vision vom Hahnenkammrennen

kicker: Einst sagten Sie: Ihr Traum sei es, die ehrwürdige Abfahrt, das Hahnenkamm-Rennen zu fahren, schließlich sind Sie Deutscher Abfahrtsmeister von 2009. Wann erfüllen Sie sich den Traum von der Streif?

Neureuther: Träume braucht man immer. Ob es Sinn macht, ist die andere Frage (lacht). Diese Vision schwirrt in meinem Kopf herum. Um die Abfahrt zu fahren, muss ich körperlich top-fit sein, und der Ritt darf kein unnötiges Risiko darstellen.

kicker: Und worin unterscheidet sich Kitzbühel von ihrem Hausberg in Garmisch?

Neureuther: Kitzbühel hat enorm viele Übergänge. In Garmisch kenne ich jeden Rutscher auf dem Hang und jede Person. Ich schlafe dann daheim. Es ist eben jedes Mal etwas ganz Spezielles.

Interview: Georg Holzner

21.01.16
 

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