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08.01.2016, 09:16

Biathlon: Fritz Fischer im großen kicker-Interview

Fischer: "Ich versteckte mich hinter einem Baum"

Er ist Olympiasieger (1992), mehrmaliger Medaillengewinner, zweimaliger Weltmeister (1991, 1993), Gesamtweltcupsieger 1987/88 und erfolgreicher Trainer. Fritz Fischer spricht vor dem Doppelweltcup in Ruhpolding mit dem kicker in einem sympathischen und hintergründigen Gespräch über seinen spektakulären wie ungewöhnlichen Aufstieg zum Biathlonstar, die für ihn wichtigen Werte im Leben, seinen Freund und Zögling Simon Schempp und dessen starke Konkurrenz.

Fritz Fischer
Biathlon-Legende: Fritz Fischer sammelte als Aktiver drei Medaillen bei Olympia und sieben bei Weltmeisterschaften.
© imagoZoomansicht

kicker: Aus Witterungsgründen finden nun zwei Weltcups in Ruhpolding statt. Sie kennen die Chiemgau-Arena so gut wie Ihr eigenes Wohnzimmer. Was macht diese Strecke so speziell, Herr Fischer?

Fischer: Es geht oft rauf und runter - ein spezieller Charakter mit vielen aggressiven Anstiegen. Das erfordert einen guten Technikwechsel, was Martin Fourcade zu Gute kommt. Es geht darum, die Geschwindigkeit mitzunehmen.

kicker: Ruhpolding schafft es, die Strecke zu präparieren und die Wettkämpfe auszutragen, was bei diesen Verhältnissen nicht selbstverständlich ist.

Fischer: Das ist super für den Ort, die Fans und die Sportler. Schön, dass Oberhof und Ruhpolding zusammengeholfen und den Weltcup in Deutschland behalten haben. Natürlich macht Neuschnee die Kulisse optisch schöner, aber die Athleten bevorzugen ohnehin Kunstschnee. Weil dieser einen fairen Wettkampf versichert. Kunstschnee bindet anders, er ist wesentlich kompakter. Bei 20 Zentimeter Neuschnee würde es ein Startgruppenrennen werden.

kicker: Startgruppenrennen heißt, dass nur eine gewisse Startgruppe gewinnen kann.

Fischer: Es gibt vier Gruppen - aufgeteilt nach Weltcuppunkten. Der natürliche Schnee wird nach einer Weile weich, und Athleten mit höheren Startnummern haben dann kaum mehr Chancen zu gewinnen. Bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver war es ähnlich: Dort begann es nach dem fünfzehnten Läufer zu schneien. Der Neuschnee ließ den Sportlern mit höheren Startnummern keine Chance mehr, die Medaillen waren bereits nach 15 Läufern vergeben.

Wenn jemand in Ruhpolding gewinnen möchte, geht das nur über Simon - das gilt auch für Martin Fourcade.Fritz Fischer über die aktuelle Verfassung von Simon Schempp

kicker: Simon Schempp gewann vergangenes Jahr in Ruhpolding den Massenstart. In der aktuellen Saison triumphierte er, wie Martin Fourcade, in drei von acht Rennen. Was trauen Sie ihm beim Heimweltcup zu?

Fischer: Simon ist gut drauf und kommt jetzt in ein gewisses Alter. Er tickt anders als die anderen - hat einen unglaublichen Ehrgeiz. Simon wollte immer mehr, mehr, mehr. Es gab Zeiten, in denen er sich keine Ruhephase gönnte, nicht genügend regenerierte. Bei Rückschlägen sagte ich immer, seine Zeit komme noch. Mittlerweile weiß er, der beste Trainer ist der Sportler selbst. Doch oft brauchen die Athleten einen Rat. Ich bin ein väterlicher Freund, der ihm zur Seite steht und Tipps gibt. Wenn jemand in Ruhpolding gewinnen möchte, geht das nur über Simon - das gilt auch für Martin Fourcade.

kicker: Er macht einen gefestigten Eindruck. Was steckt in ihm?

Fischer: Simon trainiert noch mehr als im vorigen Jahr. Wenn Martin Fourcade anspringt, will er mithalten können. Die harten Trainingseinheiten muss er weiter intensivieren. Wenn es wehtut, fängt der Gute erst an; wenn es schwierig wird, sich zu konzentrieren, versteckt sich Simon nicht - er will diese Konkurrenz. Als er in der vergangenen Saison in Antholz gewann, sagte Fourcade zu ihm, er sei sein stärkster Gegner - was für Simon das größte Dankeschön war. Damit pusht er sich.

Ole Einar Björndalen (links), Simon Schempp (mitte), Martin Fourcade (rechts)
Die Elite: Ole Einar Björndalen (links), Simon Schempp (mitte) und Martin Fourcade (rechts) dominieren die aktuelle Weltcupsaison. Fritz Fischer lobt die Konkurrenz für ihre Technik.
© imago

kicker: Wird er der neue Leader der deutschen Biathleten, dieser unverzichtbare Schlussläufer einer Staffel?

Fischer: Ja, ganz genau. Er will diese Konfrontation. Das war schon bei mir so - und ich habe ihm gesagt: "Simon, du bist der Schlussläufer, du hast einen super Stehendanschlag, freu dich auf deine Stärke." In diesem Winter lässt es sich gut beobachten, wie positiv und fokussiert seine Körpersprache ist. Das Paket stimmt. Simon führt diese Wintersportart an, so wie es Felix Neureuther bei den Skifahrern macht - ihm gelingt es, diese Sportart wieder publik zu gestalten. Das kommt auch den Mannschaftskollegen zu Gute. Unser Ziel ist es, nicht nur zu den Olympischen Spielen zu fahren, sondern etwas mitzunehmen. Ich will mündige Sportler, die hinterfragen was sie machen.

kicker: Und dann auf den Punkt da sind.

Fischer: Darum geht's. Biathlon ist einer der schwierigsten Berufe. Du kannst dir keinen Fehler leisten. Wenn es gelingt, die Sportler mental darauf einzustellen, ohne dabei Druck aufzubauen, lernen Sie mit dieser hohen Belastung umzugehen. Ich erlebte es als Athlet sowie als Trainer. Für die Menschen war ich das im Biathlon, was Franz Beckenbauer für den deutschen Fußball war. Weil ich stets versuche, nach links und nach rechts zu schauen. Wie verhalten sich andere? Was macht Fourcade derartig stark? Wie entwickelt sich Biathlon? Welche Neuerungen gibt es?

Ohne Musikgehör wird man kein großer Musiker werden - das ist im Biathlon genauso.Fritz Fischer als DSV-Talentscout

kicker: Zum Beispiel?

Fischer: Die Laufstile von Ole Einar Björndalen und Martin Fourcade. Sie laufen effizienter. Da bin ich jemand, der tüftelt, der schraubt, der Fehler und Konkurrenz analysiert.

kicker: Was unterscheidet Fourcade und Björndalen von der Konkurrenz?

Fischer: Die Technik. Lange hieß es, dass beim Biathlon Ausdauer, Kondition und Kraft die entscheidenden Elemente wären. Das ist aber nicht der Fall. Diese drei Faktoren sind eine Grundvoraussetzung! Die richtig guten Sportler überzeugen mit einer sensationellen Technik, ihnen gelingt der optimale Belastungswechsels.

kicker: Und daran arbeiten Sie mit Simon Schempp?

Fischer: Ja, auch. Einen Fehler zu schießen, darf passieren - man muss wissen warum und daraus lernen. Es geht um Antizipation. Warum spielt ein Novak Djokovic im Tennis immer besser? Weil er es schafft, besser zu antizipieren. Das unterscheidet die Besten von den Guten, das kann man kaum lernen. Und das wiederum macht mir riesigen Spaß, daran mit den Sportlern zu arbeiten. Nur die Herzmuskelkraft reicht nicht aus. Deshalb stehe ich auch in meinem Alter noch auf dem Ski, um es selbst in Erfahrung zu bringen. Ich versuche stets über den Tellerrand hinauszuschauen.

Fritz Fischer
Der Coach: Bis 2014 arbeitete Fritz Fischer als Nationaltrainer, nun coacht er Besucher seines Biathloncamps.
© imago

kicker: Fehlt Ihnen der tägliche Biathlonzirkus?

Fischer: Nein, weil ich im sehr engen Kontakt zu Simon sowie zu Franziska Preuß stehe. Franzi wuchs durch mich hinein, fragt mich weiterhin nach Rat und Tat. Es ist schön, von außen als Freund zu helfen. Zudem bin ich als Talentscout für den Deutschen Skiverband, DSV, unterwegs. Ich denke ein wenig anders, weil ich meine Biathlonkarriere erst mit 18 Jahren begann. Talent gehört dazu, das braucht jeder Sportler. Ohne Musikgehör wird man kein großer Musiker werden. Beim Biathlon ist es genauso. Mir macht es Spaß, auch mit meinem Biathlon Camp, den Menschen diese Sportart näher zu bringen - und sie in das Leben eines Biathleten schlüpfen zu lassen.

kicker: Sie verfolgen also mit Ihrem "Fritz Fischer Biathlon Camp" eine klare Philosophie, die über den Sport hinausgeht?

Fischer: Ja, genau. Es geht darum, den Menschen zu lernen, sich unter hoher Belastung zu konzentrieren. Eine Botschaft, die mir enorm wichtig ist - im Sport wie im klassischen Berufsleben. Das möchte ich den Menschen in meinem letzten Drittel des Lebens zeigen. Was dahinter steckt, das Warum, und dass es mehr ist, als nur Laufen und Schießen.

"Was ist das denn für ein Wilder?", hieß es.Fritz Fischer über seine Anfänge

kicker: Ihr Aufstieg zum Biathlonstar ist ungewöhnlich wie spektakulär. Sie begannen ihre Karriere erst mit 18 Jahren. Wie kam es dazu?

Fischer: Ich bin in Kehlheim geboren, schloss mich dort der Bundeswehr an. Bei einem 5000 Meter Lauf entdeckte mich der Kommandeur. Er sagte: "Der Fischer ist ein geiler Typ." Daraufhin wurde ich nach Bad Reichenhall verschoben, um im Sport mehr gefördert zu werden. Per Zufall forderte mich ein Kollege auf, ich solle auf die 100 Meter entfernte Zielscheibe schießen. Schwarz, weiß, abdrücken - das war für mich kein Thema. Er fragte, wie ich das mache. Ich schieße nur auf das Schwarze, antwortete ich (lacht).

kicker: Das heißt, sie waren ein begabter Ausdauersportler und ein Scharfschütze?

Fischer: So in etwa. Mit 14 Jahren marschierte ich mit zwei Kumpels, die zwischen 20 und 30 Jahre alt waren, auf einen 4000 Meter hohen Berg. Nach 3000 Metern mussten die anderen kurz pausieren und durchschnaufen, während ich noch keine Müdigkeit fühlte. Mein Körper hatte eine Grundkraft, vielleicht von meinem Vater, der Boxer war.

Olympia 1992
Großer Erfolg: Mark Kirchner (links) übergibt an Fritz Fischer, der als Schlussläufer die Goldmedaille für das Deutsche Team sichert.
© imago

kicker: Wie kamen Sie dann zum Biathlon?

Fischer: In Bad Reichenhall bei der Bundeswehr war ich oft schneller mit den breiten Skiern unterwegs, als andere mit den dünnen Langlaufskiern. "Was ist das denn für ein Wilder?", fragten die Leute (lacht). Daraufhin wurde ich in den deutschen Kader berufen. Der damalige Coach von Ruhpolding warb mich für seinen Verein, schließlich musste ich mich ja einem Klub anschließen.

kicker: Dann folgten prompt die ersten Erfolge.

Fischer: Der Bundestrainer nominierte mich 1980 für ein Weltcuprennen in Italien, eine Woche vor dem Heimweltcup in Ruhpolding. Als unbekannter Shootingstar fuhr ich mit. Beim 20-Kilometer-Rennen schoss ich null Fehler, wurde als bester Deutscher Siebter, was zugleich das Olympiaticket bedeutete. "Wer ist dieser Fritz Fischer?", hieß es, oder: "Der neue Stern am Biathlonhimmel." Bruno Morawetz suchte mich für ein Interview auf - und ich versteckte mich hinter einem Baum, weil ich das weder kannte noch konnte. Das ging alles sehr schnell. Eine Woche später folgte die DSV-Einkleidung, dann ein weiterer Weltcup in Antholz, wo ich als Zwölfter meine Leistung bestätigte.

Als ich am Schießstand stand, stellte ich das Gewehr versehentlich auf Feuerstoß - und die fünf Patronen waren mit einem Schuss weg.Fritz Fischer über ein Missgeschick bei der Bundeswehr

kicker: Was ging in diesen Momenten in Ihnen vor?

Fischer: Vor einem wichtigen Rennen stand ich oft zu Hause vor dem Spiegel und musste mich übergeben. Später im Stadion war jegliche Nervosität weg, weil ich das machen durfte, was mir Spaß bereitete. Es warteten 15000 Zuschauer im Stadion - unglaublich.

kicker: Welches Erlebnis bleibt für immer in Erinnerung?

Fischer: Fangen wir mit dem schlimmsten Erlebnis an: ein Wettkampf bei der Bundeswehr. Als ich am Schießstand stand, stellte ich das Gewehr versehentlich auf Feuerstoß - und die fünf Patronen waren mit einem Schuss weg (lacht). Das schönste Ereignis ist ganz klar. Ich war bereits 35 Jahre alt. Nach der Wende kamen mit Rico Groß, Frank Luck und Mark Kirchner viele gute, junge Athleten zum Team hinzu - und ich durfte bei den Olympischen Spielen 1992 als Schlussläufer der Staffel mit der deutschen Fahne den Triumph nach Hause laufen. Das war ein unbeschreibliches Gefühl, wo ich mich auch heute noch frage, warum ich derjenige sein durfte.

kicker: Nicht ganz so erfolgreich verlief Olympia 1988.

Fischer: Leider. Genau vier Jahre zuvor lag ich im Olympischen Dorf, weinte Rotz und Wasser. Die letzten beiden Weltcuprennen vor Olympia hatte ich in Ruhpolding gewonnen. So reiste ich als Top-Favorit nach Calgary. Noch während des Fluges wurde ich krank. In dieser Zeit merkte ich, wie die Welt an einem vorbeizeiht. Ich war den Menschen egal, es zählte nur der Erfolg und die Medaillen. Mir persönlich ist menschliche Charakterstärke wichtiger, als Olympische Medaillen oder ein Weltmeistertitel. Umso schöner ist es, wenn ich alte Weggefährten treffe und noch immer gern gesehen bin.

kicker: Das verbindet Sie mit Ihrem Vorbild.

Fischer: Ich wollte immer Skifahrer werden. Ingemar Stenmark begeisterte mich auf Skiern und als Mensch. Einmal saß ich beim Frühstück neben ihm, und er grüßte mich total freundlich. Das war ein tolles Erlebnis, was ihn für mich als Person noch größer machte. Diese Menschlichkeit ist viel wichtiger als Erfolg.

Interview: Georg Holzner

08.01.16
 
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