Komplizierte Familiengeschichte entkrampft sich

"Botschafterin" Osaka: Lieber schlafen als feiern

Tennis - 09.09. 11:11

Naomi Osaka hat den ersten Grand-Slam-Titel für ihr Land gewonnen. Zwei Jahre vor den Sommerspielen in Tokio ist die US-Open-Siegerin Japans Hoffnungsträgerin.

Gewann den ersten Grand-Slam-Titel in Japans Geschichte: Naomi Osaka. © Getty Images

Premierminister Shinzo Abe gratulierte unmittelbar nach dem Matchball, er wusste: Ganz Japan kann die gute Nachricht aus New York bestens gebrauchen. Nach ihrem historischen Sieg bei den US Open bekam Naomi Osaka einen Vorgeschmack darauf, was sie in ihrer von Naturkatastrophen gepeinigten Heimat erwartet.

"Danke, dass Du ganz Japan Deine Energie und Inspiration geschenkt hast", schrieb Abe bei Twitter, während er auf dem Weg zur nördlichsten Hauptinsel Hokkaido war, wo nach einem Erdbeben in der vergangenen Woche mindestens 35 Menschen getötet worden waren. Osaka weilte zu diesem Zeitpunkt noch in ihrer eigenen Welt, weit entfernt von den Sorgen und Nöten ihrer Landsleute.

"Danke, dass Du ganz Japan Deine Energie und Inspiration geschenkt hast."

Premierminister Shinzo Abe

In einem Interview-Marathon nach dem 6:2, 6:4 im Finale gegen ihr von Wutanfällen heimgesuchtes Idol Serena Williams (USA) musste sie erklären, was sie mit den 3,8 Millionen Dollar Preisgeld anstellt und verraten, wie sie gedenkt zu feiern in der Stadt, die niemals schläft.

Osaka tat dies für eine 20-Jährige überraschend abgeklärt. Mit viel Witz und großer Geduld. "Ich bin nicht der Typ, der so viel Geld für mich ausgibt", sagte sie: "Solange meine Familie glücklich ist, bin ich es auch." Das größte Geschenk für sie sei, endlich ihre zwei Jahre ältere Schwester Mari wiederzusehen. Beide treffen sich beim WTA-Turnier in Tokio in der kommenden Woche wieder.

Keine große Siegesfeier

Groß feiern wolle sie in New York nicht mehr, lieber schlafen. Oder ein paar Videospiele spielen, sagte Osaka. Sie sei nicht so sozial veranlagt, und auch getrunken habe sie noch nie. "Nein. Ich bin 20", rief sie mit Entrüstung, bei der kaum zu erkennen war, ob sie gespielt oder echt war.

Mit dem Unverstellten, Unschuldigen, wie es ihr Trainer Sascha Bajin nennt, hat Osaka die Herzen der Fans erobert. Auch in einer Heimat, die sie nur durch Urlaubsreisen kennt. Als sie zwei Jahre alt war, war die Familie in die USA nach Long Island gezogen

Komplizierte Familiengeschichte

Mutter Tamaki galt durch die Liaison mit dem Haitianer Leonard Francois als Schande für ihre Familie, das konservative Land hält noch immer am Mythos der Homogenität fest. Osaka war daher für traditionelle Kreise lange nur eine "Hafu", eine Halbjapanerin.

Durch ihren Erfolg und ihre Offenheit, hofft ihr Agent Stuart Duguid, könne Osaka "die Wahrnehmung" der "Hafu" in Japan zum Positiven verändern. "Sie kann eine Botschafterin des Wandels sein", sagte Duguid der New York Times. Viel Druck für eine junge Frau, gerade zwei Jahre vor den Olympischen Spielen in Tokio.

Eines hat Naomi Osaka bereits geschafft: Sie hat die Familie näher zusammengebracht. Ihre Großeltern in Japan, die einst ihre Tochter kaum noch sehen wollten, sind unendlich stolz auf sie. "Im Moment, als sie gewonnen hat, haben meine Frau und ich uns gefreut", sagte Großvater Tetsuo Osaka dem TV-Sender NHK: "Ich war so glücklich, dass ich geweint habe."

In New York wurde seine Enkeltochter derweil gefragt, ob sie vorbereitet sei auf das, was sie bei ihrer Ankunft in Tokio erwarte. "Anscheinend nicht, sonst würden mich die Leute ja nicht ständig danach fragen", antwortete Osaka und lächelte.

sid