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27.05.2018, 20:20

Ein Kommentar zum Giro von kicker-Redakteur Chris Biechele

Schrecklich schön oder doch nur schön schrecklich?

Drei Wochen lang lieferte der Giro d'Italia spektakulären Sport und damit beste Werbung für diese faszinierende Sportart. Doch mit Chris Froome gewann am Ende der falsche Fahrer, wobei man dem Briten selbst noch am wenigsten Vorwürfe machen kann. Vielmehr macht sein Sieg das Total-Versagen des Radsport-Weltverbandes UCI überdeutlich. Ein Kommentar von kicker-Redakteur Chris Biechele...

Chris Froome
Chris Froome küsst die Sieger-Trophäe des Giro.
© Getty ImagesZoomansicht

Was waren das für drei Wochen, die der Giro d'Italia bescherte: packende Sprintduelle, spektakuläre Aufholjagden, dramatische Einbrüche, wie den von Thibaut Pinot, der sich als Gesamtdritter auf der vorletzten Etappe mit einer Lungenentzündung an den südlichen Fuß des Matterhorns im Wortsinn hinaufschleppte - all das, was die Faszination des Radsports ausmacht, lieferte die dreiwöchige Rundfahrt im Überfluss.

Und auch mit der deutschen Brille betrachtet gab es viele positive Aspekte. Der Auftritt von Maximilian Schachmann zum Beispiel. Der 24-jährige Berliner rundete im Dress der belgischen Equipe Quick-Step den starken Auftritt bei seiner Grand-Tours-Premiere mit einem Etappensieg ab. Dann raste der viermalige Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin (33/Katusha Alpecin) in seiner Spezialdisziplin wieder in die absolute Weltspitze zurück, wurde beim Kampf gegen die Uhr zwischen Trento und Rovereto Zweiter. Nicht zu vergessen natürlich der deutsche Rennstall Bora-hansgrohe, der nahezu jeden Tag das Geschehen entscheidend mitprägte - und dies unabhängig vom Etappenprofil. Sam Bennett gewann für das Team aus dem oberbayerischen Raubling drei Sprintetappen, darunter die prestigeträchtige letzte in Rom, dann landeten mit Patrick Konrad (7.) und Davide Formole (10.) gleich zwei Fahrer im Gesamtklassement in der Top-Ten.

Der Knaller schlechthin freilich war die 19. Etappe, die über drei Bergriesen führte, darunter den 2178 Meter hohe Colle delle Finestre, den es auf einer unbefestigten Straße zu bezwingen galt. Zunächst demonstrierte das britische Team Sky auf beeindruckende Weise, warum Radsport zugleich auch Mannschaftssport ist. Mit seinem Leader Christopher Froome im Windschatten donnerte der Sky-Express die ersten 100 Kilometer über die ersten Anstiege, riss das Feld auseinander und legte so überhaupt erst den Grundstein für eine Fahrt, wie sie der Radsport der Neuzeit noch nicht gesehen hat. Inmitten des Passes Colle delle Finestre, 80 Kilometer und drei Gipfel vor dem Ziel, setzte Froome zur Soloflucht an, die er dann tatsächlich vollendete. Der an den Etappenstart mit großem Rückstand gerollte Brite gelang es so, diesen am Ende in einen Vorsprung zu verwandeln. Ein Parforce-Ritt, der als sporthistorischer Moment in die Annalen eingeht. Halt, eingehen könnte, womit das Schwärmen über den Giro abrupt endet.

Froomes Sieg legt Total-Versagen der UCI offen

Sorry, Mister Froome, ausgerechnet Sie! Diese Solofahrt ist dem falschen Fahrer geglückt, und auch der falsche Fahrer hat am Ende das Maglia Rosa als Gesamtsieger getragen, auch wenn man sich im Innersten von Ihrer sportlichen Leistung tief beeindruckt zeigen kann. Nur, Sie hätten gar nicht an den Start gehen dürfen. Wobei, das darf man Ihnen gar nicht vorwerfen, Ihr Sieg macht das Total-Versagen des Radsport-Weltverbandes UCI überdeutlich. Dessen Vertreter können da noch so viel erklären und beschwichtigen - es bleibt einfach unerklärlich wie auch unerhört, dass es die UCI in fast sieben Monaten nicht schaffte, vor dem Giro-Start gerichtlich klären zu lassen, ob die zu hohen Werte des Asthma-Mittels Salbutamol in Froomes Blut während der letztjährigen Spanien-Rundfahrt eine Sperre nach sich ziehen muss oder nicht.

Ein Versäumnis, das allen schadet. Dem Radsport, dem Giro und jedem Fahrer, der diese harten drei Wochen sein Bestes gegeben hat. Dazu gehört auch der Brite selbst. Sollte es zu einem Freispruch kommen, hätte das Ganze mehr als einen faden Beigeschmack - und dies völlig unabhängig von der Faktenlage. Seinen Titel würde Froome dann zwar behalten, doch über diesen Triumph wie auch sein entscheidendes Solo würde für immer ein Schatten liegen. Und auch eine nachträgliche Sperre würde die Situation nicht wirklich besser machen. Drei Wochen wären mit einem Schlag ein Stück weit Makulatur - man nehme nur mal den bravourös fahrenden wie kämpfenden Zweiten Tom Dumoulin, der in diesem Fall um einen realen Sieg betrogen worden wäre. Dass sich der Niederländer groß darüber freuen kann, wenn er in ein paar Monaten nachträglich zum Sieger gekürt würde, darf jedenfalls angezweifelt werden.

So faszinierend der Giro war, so sehr hat er völlig unnötig dem Image des Profiradsports im Generellen einen Bärendienst erwiesen. Eigentlich hätten diese drei Wochen eine tolle Werbung für diese Sportart sein können, nun aber sorgen sie für einen Zweispalt: War der Giro schrecklich schön oder doch nur schön schrecklich? Diese Frage wird niemals endgültig beantwortet werden können.

Chris Biechele
Chris Biechele
Impressionen vom Rad-Klassiker in Italien
Kolosseum, Papst und Schotterwege: Der Giro d'Italia
Impressionen vom Giro d'Italia
Kolosseum, Papst und Schotterwege: Der Giro d'Italia

Der Giro d'Italia zog drei Wochen seine Kreise durch Italien und sorgte für spektakuläre Bilder. Die Tifosi machten die Etappen zu einem Freudenfest, die Etappen zu den gefürchteten Monte Zoncolan und zum Colle delle Finestre lieferte jede Menge Motive - wie auch der Schlussakt in Rom. Impressionen zum Giro d'Italia 2018 ...
© imago/picture alliance/Getty Images

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44 Leserkommentare

JaackiFreesh33
Beitrag melden
07.06.2018 | 11:32

Skandal

Skandal das Frome noch nicht gesperrt wurde. Das dieser Fahrer nicht gesperrt wird und denn überhaupt [...]
rauschberg
Beitrag melden
02.06.2018 | 14:12

ChetBaker

Eigentlich haben sie ja recht. Aber...…..
Wir sehen doch in allen Sportarten, wie es läuft. Da wi[...]
Kalawrititnov
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02.06.2018 | 12:17

@chetbaker

Beim ersten Absatz gebe ich Dir Recht.Die Frage wird aber sein;Wer will das dann noch sehen und wird [...]
ChetBaker
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01.06.2018 | 22:58

Doping kann man nicht freigeben

es wurde ja hier, und wird bei dem Thema ja immer wieder vorgeschlagen, Doping einfach freizugeben, [...]
Pramel
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01.06.2018 | 21:15

@ rauschberg 31.05.18, 14:05

Wegen der 6000 Einheiten bzw. der bemittleidenswerten Asthmatikertruppe der norwegischen Wintersportüberflieger [...]

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