Noch zu Beginn des Zeitfahrens hatte es im Gebiet um Valkenburg geregnet. Die Strecke war nass, was zusätzlich zu den giftigen Steigungen eine Schwierigkeit für die Starter darstellte. Doch als die Favoriten an den Start gingen, besserte sich das Wetter. Die Sonne kam heraus und trocknete den Asphalt schnell ab. Nur in schattigen Abschnitten mussten die Fahrer noch mit Nässe rechnen.
Eine erste Richtzeit setzte der Weißrusse Vasili Kiryienka. Der 31-Jährige musste als einer der ersten Topfahrer auf die Strecke und setzte sich mit 1:00,23 Stunden lange Zeit an die Spitze des Tableaus. Die meisten anderen Fahrer bissen sich an dieser Zeit erfolglos die Zähne aus. Als auch noch Tejay van Garderen (USA) nicht an Kiryienkas Zeit herankam, war klar, dass der Weißrusse ein Wörtchen um das Podium mitreden würde.
Nur zwei Athleten schafften es schließlich, Kiryienkas Zeit zu unterbieten: der deutsche Titelverteidiger Tony Martin und der ehemalige Junioren-Weltmeister Taylor Phinney aus den USA. Bei den Zwischenzeiten lag Martin mehr oder weniger deutlich vor Phinney.
Der Cauberg kurz vor dem Ziel ließ Martins Vorsprung aber bedenklich schmelzen. Doch am Ende reichte es in einem packenden Finish: In 58:38,76 Minuten verwies er Phinney um 5,37 Sekunden auf Rang zwei. Martin und Phinney waren die einzigen beiden Fahrer, die unter einer Stunde Fahrtzeit blieben. Der drittplatzierte Kiryienka war in 1:00,23 Stunden bereits eindreiviertel Minuten langsamer als Martin!
Während Martin seinen zweiten WM-Titel im Zeitfahren feierte, erlitt ein früherer Zeitfahr-Weltmeister eine herbe Niederlage. Der Deutsche Bert Grabsch, Titelträger von 2008, spielte mit einem Rückstand von über vier Minuten keine Rolle. Auch Patrick Gretsch (+ 3:48 Min.) hatte als 27. mit der Entscheidung nichts zu tun.
Eine Schlappe erlitt Alberto Contador. Der spanische Vuelta-Sieger wurde als einer der Medaillen-Kandidaten gehandelt, kam aber nur als Neunter ins Ziel. Besonders bitter aufstoßen dürfte dem 29-Jährigen, dass er vom zwei Minuten hinter ihm gestarteten Martin sogar überholt wurde! Eine solche Demütigung hat Contador, der eigentlich auch im Kampf gegen die Uhr nicht zu verachten ist, schon lange nicht mehr erlebt.
Für Tony Martin, der in Abwesenheit des vierfachen Champions Fabian Cancellara (Schweiz) sowie der beiden Briten Bradley Wiggins und Chris Froome als Top-Favorit ins Rennen ging, war es in Valkenburg bereits die zweite Goldmedaille. Denn bereits am Sonntag triumphierte er im erstmals ausgetragenen Team-Wettbewerb mit OmegaPharma-Quickstep.
Und auch für ihn selbst stellt die Titelverteidigung wohl eine besondere Genugtuung dar. Denn die Saison verlief für ihn besonders unglücklich. Im April kollidierte er mit einem Fahrzeug und zog sich dabei schwere Gesichtsverletzungen zu. Bei der Tour de France brach er sich bei einem Sturz das Kahnbein. Doch Martin kämpfte sich mit großer Moral und viel Ehrgeiz immer wieder heran und feierte bereits mit Silber bei den Olympischen Spielen in London einen Erfolg. Mit seinem erneuten Triumph dürfte er nun endgültig Frieden mit der Saison 2012 schließen: "Der Sieg wäre nach all den Rückschlägen verdient, ich habe mich oft wieder hochkämpfen müssen", hatte er im Vorfeld gesagt.
Martin wird nun noch zum Ausklang bei der Peking-Rundfahrt (9. bis 13. Oktober) an den Start gehen, wo er ebenfalls Titelverteidiger ist. Anschließend werden erneute Untersuchungen an seiner lädierten Hand darüber entscheiden, ob er sich im Winter unter das Messer legen wird. "Ich habe auf dem Rad ab und zu noch Probleme mit der Schaltung, auch bei Bewegungen im Alltag bin ich etwas eingeschränkt. Wir werden nach der Saison noch einmal Röntgenbilder machen lassen und dann entscheiden, ob eine Operation notwendig ist. Ich will keine Fehlstellung der Knochen riskieren", sagte Martin.
1. Tony Martin (Cottbus) 58:38,76 Minuten, 2. Taylor Phinney (USA) 0:05 Minuten, 3. Vasili Kiryienka (Weißrussland) 1:44, 4. Tejay van Garderen (USA) 1:49, 5. Fredrik Kessiakoff (Schweden) 1:50, 6. Dimitriy Gruzdev (Kasachstan),... 14. Patrick Gretsch (Erfurt) 3:48,... 36. Bert Grabsch (Wittenberg) 4:16
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