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17.07.2012, 12:00

Ausprobiert - der Radmarathon Maratona Dles Dolomiti

Der etwas andere Museumsbesuch

Ein Museumsbesuch langweilig? Er kann, muss es aber nicht sein. Man nehme zum Beispiel eine wahrhaft einzigartige und weltweit anerkannt atemberaubend schöne Kulisse, die sich noch dazu in Schale geworfen hat und sich in strahlendem Sonnenschein präsentiert. Oder kurz: der Maratona Dles Dolomites, eine der begehrtesten Rad-Veranstaltungen im Breitensportbereich.

Christian Biechele
kicker-Redakteur Christian Biechele (2. v. re.) während des Maratona Dles Dolomites.

Und dann erschließen Frau und Mann sich dieser Szenerie eben nicht, indem sie diese ehrfurchtsvoll und bedächtigen Schrittes durchschreiten - die Entdeckungstour gleicht vielmehr einer wilden Achterbahnfahrt, rauf, runter, scharf rechts, wieder links herum, mal rasend schnell mit über 80 Kilometern, mal im Wortsinn quälend langsam.

Für jeden Hobbyradler, der ambitioniert in die Pedale tritt, gehört es zum guten Ton, zumindest einmal diesen Radmarathon unter die Reifen genommen zu haben. Ob er tatsächlich der bedeutendste Europas ist, wie die Veranstalter sagen? Es gibt zumindest in Europa keinen Radmarathon, bei dem drei Hubschrauber und über 50 Kameras im Einsatz sind, damit er vom Start bis zur Ankunft der Schnellsten live im öffentlich rechtlichen Fernsehen (RAI) zu sehen ist.

Letztendlich unerheblich, denn einer der schönsten ist er auf jeden Fall, alleine schon wegen seiner Rundtour durch das Herzstück der Dolomiten, von der UNESCO längst zum Weltkulturerbe ernannt. Zu Recht, denn die faszinierenden Bergtürme des Sella-Stockes, dieses einmalige Naturkunde-Museum, ziehen Jahr um Jahr nicht umsonst abertausende von Besuchern aus aller Herren Länder an.

Klar, man muss nicht an der Maratona teilnehmen, um diesen Bergstock radelnderweise zu umrunden, dieses Museum hat jeden Tag 24 Stunden lang seine Pforten geöffnet. Der Haken: Als Radlerin oder Radler muss man sich normalerweise die Straßen mit einer wahren, aus PKWs, Bussen und Motorrädern bestehenden Blechwelle teilen, die sich vor allem bei schönem Wetter über die Pässe ergießt. Bei der Maratona sind die engen Spitzkehren wie die malerischen Ortsdurchfahrten fest in Händen der Radler, alle Straßen um den Sella-Stock sind weiträumig abgesperrt, schließlich stehen drei Strecken unterschiedlicher Länge und unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad zur Auswahl - im Gegensatz zum nicht minder berühmten Ötztaler Radmarathon, bei dem es, will man sich Finisher nennen, 238 Kilometer und über 5000 Höhenmeter zu bewältigen gilt.

Für Jeden ist eine Strecke dabei

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Bei der Maratona hingegen kommen auch die nicht ganz so harten und durchtrainierten Mädels und Burschen auf ihre Kosten - ob dies nun ein Makel oder Plus ist, hängt wie immer vom Blickwinkel ab. Fakt ist, dass die kleine Runde um den Sella-Stock mit 55 Kilometern und 1780 Höhenmetern sicher keine lässige Spazierfahrt ist, aber für alle machbar, die regelmäßig das Rad als Trainingsgerät nutzen. Campolongo, Pordoi, Sella und Grödner - so lautet die Passfolge bei der kleinen Museumsrunde, die mit ihren gleichmäßigen, nicht allzu grimmigen Steigungen den kletterunterfahrenen Flachlandtiroler zwar fordert, aber nicht überfordert.

Wer indes nach der rasanten, technisch anspruchsvollen Abfahrt in Corvara ankommt und genügend Lust und Luft hat, um den außergewöhnlichen Museumsbesuch auszuweiten, benötigt schon eine gewisse Bergfestigkeit. Zum zweiten Mal geht es in diesem Fall den Campolongo hinauf, zum zweiten Mal hinunter nach Arabba, dort in der Ortsmitte heißt es dann aber links abbiegen - der Blickfang der Ausstellung ist nun nicht mehr der Sella-Stock, sondern die Marmolata mit ihren markanten, eis- und schneebedeckten Gipfeln.

Eine wahrlich schöne Ablenkung für die Augen, während das Gehirn im kritischen Zwiegespräch mit dem Körper, respektive Beine, verstrickt ist: Wie schaut es aus, mittel oder lang, gleich den Falzarego hinauf und dann in Richtung Museumsausgang, oder erst noch die Abteilung "Passo Giau" mitnehmen und sich dann via Falzarego dem Ende des Museumsbesuches annähern. Der Unterschied zwischen beiden Varianten liest sich in Zahlen wie folgt: Nur mit Falzarego insgesamt 106 Kilometer und 3090 Höhenmeter, mit Giau 138 Kilometern und 4190 Höhenmeter.

Der Passo Giau ist die härteste Prüfung

Christian Biechele
Christian Biechele (in weiß) zwischen zwei Leidensgenossen im Anstieg.

Was die Zahlen nicht verraten: Dass die Entscheidungsfreiheit mitunter eingeschränkt sein kann. Wenn man zum Beispiel in einer größeren Gruppe steckt, die äußerst flott geradewegs hinunter in Richtung "Giau-Abteilung" strebt, während es doch scharf links zum mittleren Rundgang geht. Was nutzt es da, dass die Beine links sagen, nein, links schreien, wenn das komplette Umfeld taub zu sein scheint? Richtig, nichts! Dafür bekommen besagte Beine große Ohren, als am Fuße des Passo Giau ein Nebenmann ihnen grinsend "Giau è Aua" zuruft.

Warum, wird besagten Beinen wie dem dazu gehörigen, bereits geschwächten Körper schnell bewusst. Der Giau, der beim diesjährigen Giro d'Italia schon die Profis mächtig ärgerte, stellt sich als die härteste, weil durchgängig steilste Auffahrt der bisherigen Runde heraus - in Tateinheit mit großer Hitze und dem wahrscheinlich aufmunternd gedachten Zuruf eines Zuschauers "solo due kilometri". Die vermeintliche Motivationsspritze verfehlt, gelinde ausgedrückt, ihr Ziel, denn wenn aus den nur zwei Kilometern in Wirklichkeit gut das doppelte werden, können gestresste Beine dies schon mal in den falschen Hals bekommen. Nur gut, dass sie sich dann in der langen Abfahrt zum Falzarego schmollend hängenlassen können.

Und dass so eine Erholungsphase zumindest kleine Wunder bewirken kann, zeigt sich beim letzten langen Pass des Tages. Könnte aber auch an der berühmten zweiten Luft gelegen sein, an der im Vergleich zum Giau kommoden Steigung des Falzaregos, an der Aussicht des nahenden Ziels oder an allem gemeinsam - die Beine jedenfalls reißen sich noch einmal am Riemen, kratzen die letzten Kraftreserven zusammen, so dass ihr Besitzer nicht gänzlich als Ritter der traurigen Gestalt durch den Ausgang schleichen muss. Wäre auch jammerschade gewesen, wenn man einen grandiosen Museumsbesuch so hätte beenden müssen.

Christian Biechele

17.07.12
 
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