Noch ehe es in Albertville an den Start ging, packte Fabian Cancellara seine Koffer. "Es ist mein großer Wunsch, bei der Geburt meines zweiten Kindes dabei zu sein", begründete der Schweizer seine Entscheidung. Damit gingen am Donnerstagmittag nur noch 174 von ehemals 198 Fahrern die schwere Alpenetappe an.
Und kaum wurden die 4500 zu bezwingenden Höhenmeter freigegeben, fuhren zahlreiche Fahrer eine Attacke. Es bildete sich nach einiger Zeit eine große Spitzengruppe mit zahlreichen prominenten Namen. Peter Velits, Fredrik Kessiakoff und Michele Scarponi überfuhren den Col de la Madeleine als erste Fahrer. Im Peloton kontrollierte das Sky-Team das Tempo.
„Ich habe Cadel mehr Zeit abgenommen als erwartet. Für das Team war es erneut ein großartiger Tag.“Bradley Wiggins
Beim zweiten Anstieg des Tages (Col de la Croix de Fer) bekamen viele Fahrer Probleme. Nicht nur im Peloton mussten einige Profis abreißen lassen, auch vorne zerfiel die Gruppe. Große Namen wie Scarponi, Basso, Valverde oder Leipheimer kamen nicht mehr mit. Die Ausreißer schrumpften immer mehr. Den Ton am zweiten Berg gab Kessiakoff an, der sich diesmal alle Punkte sicherte, damit in der Bergwertung davonzog und am Ende des Tages das Trikot von Thomas Voeckler (Europcar) überstreifte. Und bei den Favoriten? Cadel Evans (BMC) war der erste, der es versuchte, doch sein Angriff verpuffte.
Kessiakoff gingen die Kräfte aus und nun fiel auch er zurück. Vorne versuchten es Robert Kiserlovski (Astana), Pierre Rolland (Europcar), Chris Sörensen (Saxo Bank) und Vasili Kiryienka (Movistar). Das Quartett ging gemeinsam in den Schlussanstieg, aber Rolland schüttelte seine Begleiter ab und versuchte es im Alleingang.
Dahinter wurde Wiggins von Vincenzo Nibali (Liquigas) attackiert. Beim Versuch am Italiener dranzubleiben, musste Vorjahressieger Evans abreißen lassen. Zwischenzeitlich fuhr Chris Froome selbst eine Attacke, Wiggins kam nicht mit und per Teamfunk wurde Froome schnell wieder zurückgepfiffen.
Unterdessen fuhr Rolland, der bei einer Abfahrt sogar leicht gestürzt war, mit letzten Kräften über die Ziellinie und bejubelte den zweiten Sieg in Folge für das Team Europcar. Dahinter nahm Froome erneut die Verfolgung auf und kam rund eine Minute später gemeinsam mit Wiggins und Nibali ins Ziel. Dagegen war Evans geschlagen. Der Australier verlor über zwei Minuten auf den Tagessieger und musste Froome und Nibali in der Gesamtwertung an sich vorbei lassen.
Wiggins führt weiterhin und hat nun 2:05 Minuten Vorsprung auf Teamkollege Froome, auf Platz drei folgt der angriffslustige Nibali (+ 2:23). Evans liegt nunmehr nur noch auf dem vierten Rang (+ 3:19). "Das war die bislang härteste Etappe, meine Erleichterung ist groß. Ich habe Cadel mehr Zeit abgenommen als erwartet. Für das Team war es erneut ein großartiger Tag", sagte Wiggins, der letztlich als Tagessechster 57 Sekunden hinter Sieger Rolland ins Ziel auf 1705 Metern Höhe kam.
Rolland verbesserte sich durch den mutigen Soloritt auf den letzten Kilometern in der Gesamtwertung um elf Positionen und ist jetzt auf Platz neun (+ 8:31). Bester Deutscher bleibt Andreas Klöden, der sich auf den elften Rang vorschob (+ 9:29).
Nach den Strapazen vom Vortag wird die 12. Etappe von Saint-Jean-de-Maurienne nach Annonay Davezieux (226 Kilometer) wieder etwas einfacher, allerdings geht es gleich mit zwei Bergen der 1. Kategorie (Col du Grand Cucheron und Col du Granier) in den Tag, ehe das Terrain flacher wird. Vielleicht hat sich der eine oder andere Fahrer auf der schweren Alpenetappe zurückgehalten und startet sofort einen Angriff. Aber auch im Kampf um das Grüne Trikot könnte die Etappe wichtig werden. Kommt einer der schnellen Männer gut über die ersten beiden Berge, Peter Sagan hat das Zeug dazu, hängt seine Konkurrenten damit ab, kann er reichlich punkten.
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