Zur Loginbox springen Zur Navigation springen Zum Inhalt springen
07.03.2018, 13:02

Paralympics-Legende Gerd Schönfelder im Interview

"Risiko gehört auch im Behindertensport dazu"

Die Olympischen Spiele von Pyeongchang sind Geschichte - am Freitag beginnen die paralympischen Wettkämpfe. Gerd Schönfelder (47), 16-facher Paralympics-Sieger im alpinen Skisport, schätzt die diesbezüglichen deutschen Medaillenchancen ein und äußert sich zur Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die Sanktionen gegen Russland wieder aufzuheben. Zudem erklärt der ARD-Experte seine Motivation, Menschen für den paralympischen Sport zu begeistern und erzählt von seinen eigenen beschwerlichen Anfängen.

Gerd Schönfelder
Hofft auf sicherere Abfahrtsrennen als in Sotchi: Der 16-fache paralympische Goldmedaillengewinner Gerd Schönfelder.
© imagoZoomansicht

Die Olympischen Spiele in Pyeongchang liegen hinter uns. Welche Bilder sind bei Ihnen haften geblieben, Herr Schönfelder?

Gerd Schönfelder: Ich habe die Spiele intensiv verfolgt, es waren großartige deutsche Erfolge. Als deutscher Wintersportfan konnte man ja richtig viel Spaß haben. Besonders gefreut hat mich, dass mein Kumpel Eric Frenzel, mit dem ich mich auch immer wieder zum Rad-Training verabrede, nicht nur die deutsche Fahne tragen durfte, sondern sich mit zwei goldenen und einer bronzenen Medaille seine Träume verwirklichen konnte. Das war fantastisch!

Ab Freitag stehen für zehn Tage die Paralympischen Spiele an. Nach so intensiven olympischen Wochen - wie groß ist Ihre Vorfreude auf das nächste Großereignis?

Schönfelder: Riesig! Endlich geht es wieder weiter. Als ehemaliger paralympischer Sportler ist es natürlich nochmal etwas ganz Besonderes. Aber ich glaube, viele Wintersport-Fans freuen sich jetzt nach zwei Wochen Pause auf die Paralympics.

Hätte es ein "München 2018" gegeben, hätte ich mich vielleicht überzeugen lassen, noch mal anzutreten.Gerd Schönfelder

Würden Sie selbst gern noch mal an den Start gehen?

Schönfelder: Ich habe 2011 nach der WM aufgehört und das auch nie bereut. Es ist gut so, wie es ist. Aber natürlich juckt es. Das Renn-Gen geht nicht verloren. Und es hätte auch noch viel mehr gejuckt, wenn es ein "München 2018" gegeben hätte. Da wären vielleicht ein paar Hirngespinste aufgekommen, und ich hätte mich von irgendjemandem irgendwie überzeugen lassen, noch mal Gas zu geben. Aber nein, mit 47 Jahren ist man im paralympischen Sport zwar noch nicht ganz außen vor, aber im alpinen Skisport ist in dem Alter nichts mehr zu holen. Ich habe es zudem lange genug gemacht und genug Medaillen gewonnen.

Man kann von Glück sagen, dass es in Sotchi keine Toten gab.Gerd Schönfelder

Wie sehen Sie die deutschen Medaillenchancen in Pyeongchang?

Schönfelder: Bei den Monoskifahrerinnen ist alles möglich, da haben wir in Anna Schaffelhuber und Anna-Lena Forster zwei, die ständig im Weltcup vorne mit dabei sind. Bei den stehenden Damen haben Andrea Rothfuss, aber auch Anna-Maria Rieder Medaillenchancen, ebenso Noemi Ristau in der Konkurrenz der Sehbehinderten. Bei den Damen sieht es sehr gut aus. Bei den Herren leider nicht. Was mir besonders weh tut, ist, dass wir in meiner, in der stehenden Klasse, in der richtig die Post abgeht, keinen Starter haben. Das ist sehr traurig. Bei den Monoskifahrern mit Thomas Nolte und Georg Kreiter ist es wiederum schwer vorherzusagen. Da ist noch mal eine ganz andere Leistungsdichte vorhanden als bei den Frauen. Da muss schon alles passen. Wer gewinnen will, muss volles Risiko gehen. Und dann muss er auch damit rechnen, auszuscheiden. Aber Risiko gehört auch im Behindertensport bei alpinen Skirennen einfach mit dazu. Auch wir lieben Geschwindigkeit und Action, warum auch nicht?! Es muss halt noch kalkulierbar sein. Nicht so wie in Sotschi...

...als Rennen mit schweren Stürzen dabei waren.

Einer der erfolgreichsten Paralympics-Athleten aller Zeiten: Gerd Schönfelder bei seinen letzten Spielen in Vancouver 2010.
Einer der erfolgreichsten Paralympics-Athleten aller Zeiten: Gerd Schönfelder bei seinen letzten Spielen in Vancouver 2010.
© imagoZoomansicht

Schönfelder: Ja, aufgrund der warmen Witterung war die Piste teilweise schwer kalkulierbar geworden. Wäre ich damals Technischer Direktor gewesen, hätte ich das Abfahrtsrennen abgebrochen. Das war grenzwertig und keine Werbung für den paralympischen Ski-alpin-Sport. Man kann von Glück sagen, dass nichts Schlimmeres passiert ist, dass es keine Toten gegeben hat. Von daher hoffe ich, dass es in Pyeongchang sicherer sein wird. Die Olympischen Spiele haben allerdings schon gezeigt, dass es mit den eisigen Temperaturen und den Stürmen nicht die einfachsten Bedingungen für die Athleten sind. Ich bin gespannt.

Was erwarten Sie generell von den Spielen in Südkorea?

Schönfelder: Ich glaube, dass sich die Südkoreaner sehr bemühen werden, dass es eine gute Veranstaltung wird. Ob von Seiten der Zuschauer eine große Euphorie vorhanden sein wird, das wage ich zu bezweifeln. Schon bei den Olympischen Spielen gab es ja leere Zuschauerränge. Wenn die Bevölkerung solche Wettkämpfe zum ersten Mal sieht, kann man nicht erwarten, dass eine große Begeisterung entsteht.

War die Vergabe der Winterspiele nach Südkorea somit keine gute Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees?

Schönfelder: Mein Wunsch ist, dass Olympische und Paralympische Spiele nachhaltig sind, dass man nicht irgendwelche Stadien, Skisprungschanzen oder Rodelbahnen in die Landschaft baut, die danach wieder verrotten, weil kein Mensch sie braucht. Da bin ich absolut dagegen und nehme das IOC auch in die Pflicht, das in der Zukunft zu ändern; auch dass es sich selbst verändert, dass zum Beispiel der Korruption ein Riegel vorgeschoben wird. Momentan gibt es keine gute Entwicklung.

Die Suspendierung Russlands aufzuheben, ist das falsche Signal.Gerd Schönfelder

Wie bewerten Sie die jüngste Entscheidung des IOC, die Sanktionen gegen Russland wieder aufzuheben?

Schönfelder: Schon die Entscheidung, Russland von den Olympischen Spielen nicht komplett auszuschließen, fand ich inkonsequent. Dass dann - drei Tage nach dem Ende der Winterspiele - das IOC die Suspendierung Russlands komplett aufhebt, ist sehr voreilig. Das ist das falsche Signal, insbesondere im Sinne und zum Schutz der sauberen Athleten. So werden wir den Anti-Doping-Kampf nicht gewinnen. Auch bei den Paralympics geht es nun in die falsche Richtung: Nachdem 2016 vor Rio das Internationale Paralympische Komitee, das IPC, resoluter als das IOC gewesen war und Russland von den Paralympics komplett ausgeschlossen hatte, ist es für Pyeongchang leider der Entscheidung des IOC gefolgt. Das ist schon sehr traurig, da von russischer Seite nach wie vor keinerlei Signale kommen, den Weg des Anti-Doping-Kampfes konsequent mitzugehen.

Während in diesem Fall die Annährung des paralympischen an den olympischen Sport nicht nach Ihrem Geschmack ist, haben sich generell die Paralympics mit der Anbindung an die Olympischen Spiele in die richtige Richtung entwickelt?

In Pyeongchang ist Gerd Schönfelder als ARD-Experte im Einsatz.
In Pyeongchang ist Gerd Schönfelder als ARD-Experte im Einsatz.
© imagoZoomansicht

Schönfelder: Auf jeden Fall. Dass seit 1992 die Paralympics am selben Ort stattfinden wie die Olympischen Spiele, war ein ganz wichtiger Schritt für die Entwicklung, weil uns das eine gewisse Planungssicherheit gab und in der öffentlichen Wahrnehmung vorangebracht hat. Es wurde mehr berichtet, natürlich auch, weil deutsche Erfolge da waren. Und dies hat wiederum eine deutliche Verbesserung hinsichtlich der Förderung gebracht, sowohl im Trainerbereich als auch für den einzelnen Athleten. Heute gibt es die Unterstützung durch den Verband und die Deutsche Sporthilfe und seit dieser Saison auch erstmals Sportförder-Plätze beim Zoll. Zu meiner Anfangszeit habe ich quasi alles selbst finanziert, in den 90er Jahren 10.000 bis 20.000 DM pro Saison ausgegeben und parallel Vollzeit als Elektrotechniker gearbeitet. Sonst hätte ich den Sport ja gar nicht finanzieren können.

Mit heute nicht mehr zu vergleichen.

Schönfelder: Heute würde man mit dem damals betriebenen Aufwand keinen Blumentopf mehr gewinnen. Auch ich habe mir nach und nach andere Möglichkeiten, sprich Sponsoren gesucht, um mehr Zeit in den Sport investieren zu können. Grundsätzlich ist die Leistungsdichte nicht so hoch wie im olympischen Bereich - das weiß eigentlich jeder, der sich damit ein wenig beschäftigt -, aber es gibt einige positiv Verrückte, die richtig Vollgas geben. Und die geben das Level vor. Wer etwas gewinnen will, muss einen enormen Aufwand betreiben. Gleichzeitig darf man die duale Karriere nicht vernachlässigen, um später nicht mit leeren Händen dazustehen. Deshalb ist es super, dass unsere Athleten, die parallel studieren, über die Sporthilfe auch das Deutsche Bank Sport-Stipendium bekommen. Da hat sich in den letzten Jahren sehr viel zum Positiven entwickelt.

Die Fortschritte in der Medizin nehmen uns den Nachwuchs weg - Gott sei Dank!Gerd Schönfelder

In Pyeongchang werden Sie nicht als Trainer, sondern als Experte für die ARD vor Ort sein.

Schönfelder: Ja, und ich freue mich sehr auf die Aufgabe. Ich sehe es für unseren Sport als sehr wichtig an, dass es eine fachkundige Berichterstattung gibt. Ich will versuchen, meinen Teil dazu beizutragen, denn es ist ja für den Fernsehzuschauer nicht immer leicht, die Einteilung der Schadensklassen zu verstehen. Mir ist es aber auch wichtig, die Leute wieder für unseren Sport zu begeistern. Es fehlt uns an Nachwuchs. Denn zum einen nehmen uns die Fortschritte in der Medizin - Gott sei Dank - den Nachwuchs weg, da es zum Beispiel weniger Amputationen gibt. Zum anderen ist der Sport aber auch für den Anfänger, wenn die Förderung noch nicht greifen kann, kostenintensiv, zudem ortsabhängig und zeitaufwendig. Durch das steigende Niveau ist der Abstand vom Anfänger zum Leistungssportler größer geworden. Das heißt, für Quereinsteiger gibt es hohe Hürden. Dabei ist Ski alpin ein toller Sport, gerade für Menschen mit Behinderung. Wenn man es gut gelernt hat, kann man auch mit seinen Kumpels ohne große Einschränkungen gemeinsam Sport machen - in welchem Behindertensport-Bereich kann man das schon? Deshalb ist mein Wunsch, durch gute Paralympics und durch gute Berichterstattung den ein oder anderen wieder für meinen Sport zu begeistern.


Das Interview führte Heike Schönharting

Video zum Thema
kicker.tv Hintergrund- 06.03., 17:20 Uhr
Paralympische Spiele: Das deutsche Team vor dem Start
Das deutsche Team für die paralympischen Winterspiele ist mittlerweile in Pyeongchang angekommen. Vor dem Abflug sprach die erfolgreichste Athletin der letzten Winterspiele Anna Schaffelhuber über ihre Erwartungen.
Alle Videos in der ÜbersichtAlle Videos per RSS
 

kicker

Lesen Sie die aktuelle kicker-Ausgabe vor allen anderen auf Ihrem Tablet oder Smartphone!
noch vor Verkaufsstart verfügbar: Lesen Sie die Montagsausgabe schon Sonntagabend
mit unserem Abo-Service verpassen Sie garantiert keine Ausgabe
bequeme und sichere Bezahlung über Ihren Appstore-Account
mühelos und in Sekunden-
schnelle geladen!
   
 
 

Schlagzeilen

Livescores Live

 

kickerCrowd

Die Fußball-Förderplattform


...ein unvergessliches E-Jugend-Jahr!

André Bode

116%
Noch -3 Minute
Unterstützen

Weitere spannende Projekte findest du direkt auf
der kickerCrowd Website.

Zur kickerCrowd

Oder hast du ein eigenes Projekt bei dem du Unterstützung brauchst?
Wir helfen dir dabei!

Jetzt eigenes Projekt starten

kicker Podcast
das Aktuellste aus der Fußballwelt

kicker Podcast
21. Sep

Frankfurt schockt Marseille, Leipzigs Trainer rechnet mit Mannschaft ab, Schalke will's...
kicker Podcast
20. Sep

Bayern mit Champions-League-Traumstart, Ronaldo sieht Rot, Eintracht vor Geisterkulisse
kicker Podcast
19. Sep

Schalke hadert mit Schiedsrichter, BVB mit Glückstreffer zum Sieg, Kovac setzt auf Erfolg
kicker Podcast
18. Sep

Schalke will in Champions League punkten, BVB sucht Erfolg gegen Brügge, Freiwild-Debat...
kicker Podcast
17. Sep

Ribery lobt Kovac, BVB ohne Alcacer bei Champions-League-Start, Schalke mit drei Nieder...
#TGIM - DER kicker.tv TALK - Folge 27
06. Apr

Dortmunds Weichenstellung für die Zukunft
#TGIM - DER kicker.tv TALK - Folge 26
30. Mrz

"Offene Baustellen in München und Dortmund"
#TGIM - DER kicker.tv TALK - Folge 25
16. Mrz

Der Abstieg als Neuanfang für den HSV?
#TGIM - DER kicker.tv TALK - Folge 24
09. Mrz

Aufregung um Heynckes "übertrieben" - Tuchel in der Poleposition
#TGIM - DER kicker.tv TALK - Folge 23
02. Mrz

"Das ist absurd": Wenn Liebe in Hass umschlägt

Community

Die aktuellsten Forenbeiträge
Re (2): OT: Woran erkenne ich einen Nazi von: Hoellenvaaart - 22.09.18, 22:33 - 0 mal gelesen
Re (2): KSC - KFC Uerdingen 2:0 von: otteg - 22.09.18, 22:30 - 2 mal gelesen
Re (4): OT: Woran erkenne ich einen Nazi von: Hoellenvaaart - 22.09.18, 22:30 - 0 mal gelesen

Golden Shoe

Die vom Verbund "European Sports Media" (ESM) erstellte europäische Torjägerliste.

Der Rahmenterminkalender

Bundesliga, Pokal, Champions League, Europa League, Nationalelf etc: Auf einem Blick wissen, was wann stattfindet.

Alle Termine 18/19

TV Programm

Zeit Sender Sendung
22:55 EURO Nachrichten
 
23:00 EURO Fußball
 
23:00 SAT1 ranFIGHTING: WM Kampf Michael Smolik vs. Enver Sljivar
 
23:00 ZDF Das aktuelle Sportstudio
 
23:20 SKYBU Fußball: Bundesliga, Alle Spiele, alle Tore
 

DIE GANZE WELT DER KICKER APPS!
Informieren Sie sich über unser vielfältiges App Angebot:
Smart TV Tippspiel kicker MeinVerein FußballQuiz eMagazine