Über Umwege zum heimlichen Star der Eröffnunungsfeier

"Coconut-Fighter" aus Tonga trotzt der Kälte

Olympia - 09.02. 15:43

Genau wie bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro lief Pita Taufatofua auch zum Auftakt der Winterspiele in Pyeongchang halbnackt mit eingeölter Brust ins Olympiastadion ein. Trotz Temperaturen von drei Grad unter Null kam der 34-Jährige aus Tonga am Freitag unter dem Jubel der Fans mit freiem Oberkörper, im Bastrock und mit Flip-Flops in die Arena. Dabei hätte nicht viel gefehlt und er hätte die Teilnahme an seinen zweiten Spielen nacheinander verpasst.

Eingeölt in der Kälte: Pita Taufatofua im Olympia-Stadion von Pyeongchang. © Getty Images

Berühmt wurde der Skilanglauf-Exot, der vor zwei Jahren in Rio bei den Sommerspielen noch im Taekwondo angetreten war, für seinen Einlauf ins Maracana-Stadion, als er die Delegation seines Landes anführte und die Fahne des Südsee-Staates auch schon mit nacktem Oberkörper trug. In Pyeongchang trug er bei der Eröffnungsfeier erneut die Fahne und freute sich sichtlich über den Jubel der ansonsten eher zurückhaltenden Zuschauer.

Eigentlich hatte Taufatofua angekündigt, bei seiner zweiten Olympia-Teilnahme bekleidet ins Stadion einzulaufen. "Ich werde sehr, sehr dicke Kleidung tragen, ich will ja bei meinem Rennen noch am Leben sein", hatte der 100-Kilo-Mann gesagt. Der "Coconut Fighter", so sein Spitzname, ist als zweiter Tongaer überhaupt bei Winterspielen dabei und wird im Langlauf an den Start gehen. Für eine wettbewerbsfähige Ausrüstung sammelte Taufatofua in den vergangenen Monaten Spenden.

"Wir sind über den Pazifik gesegelt"

Nach der Feier jedoch erklärte er: "Ich friere nicht, ich bin aus Tonga, wir sind über den Pazifik gesegelt - dagegen ist das hier gar nichts." Sichtbar stolz trug er die rote Fahne seines Landes mit dem roten Kreuz auf weißem Grund in der Ecke. Unter dem Jubel des Publikums führte er sogar ein kleines Tänzchen in seinem "Manafau" genannten Röckchen auf.

"Nach Rio brauchte ich eine neue Herausforderung", hatte Taufatofua nach den Spielen in Brasilien erklärt. Als er dann von gut einem Jahr, am 13. Januar 2017 in Pfullendorf, erstmals auf Ski stand, hatte er drei Fragen: "Hält der Helm Kokosnüsse aus?", wollte er mit einem Augenzwinkern wissen, "kann ich mit den Stöcken auch Tiere jagen?" und schließlich: "Wie bremse ich eigentlich?". Taufatofua lernte schnell: Wenige Wochen später nahm er an der WM in Lahti teil und landete im Sprint auf Rang 153 - von 156 Startern.

Über Pfullendorf und Isafjördur nach Pyeongchang

Schon in Rio im Mittelpunkt: Pita Taufatofua. © Getty Images

In Pfullendorf lernte er auch seinen deutschen Trainer Thomas Jacob kennen, bei dem er wohnte und dem er nachts heimlich die Schokolade aus dem Kühlschrank stibitzte. Gemeinsam ging das ungewöhnliche Duo das Projekt Olympia an. "Ich habe Thomas von Anfang an gesagt: Ich habe kein Geld. Aber ich verspreche dir, dass du bei Olympischen Spielen einlaufen wirst", erzählt Taufatofua.

Der Weg nach Südkorea indes glich einer Odyssee. Mitte Januar verpasste er die Qualifikationsrennen im kroatischen Ravna Gora, weil er auf dem Flughafen in Istanbul strandete. "Dann habe ich von diesem letzten Rennen am Polarkreis gehört", erzählte der 34-Jährige. Nach zwei Tagen Schneesturm schlug er sich nach Isafjördur im äußersten Nordwesten Islands durch - und setzte ganz auf Gottes Hilfe. "Am letzten Tag, am Ende der Welt, habe ich vor dem Rennen ein Gebet gesprochen. Und dann ist ein Wunder geschehen", sagte Taufatofua. Über die zehn Kilometer wurde er Sechster von acht Startern und holte die letzten noch fehlenden FIS-Punkte.

Sein Ziel für Pyeongchang: Nicht Letzter werden. Seinen einzigen Taekwondo-Kampf in Rio hatte er verloren. Seine Chancen über 15 Kilometer sind gering, aber was kümmert das einen Mann, der als Sozialarbeiter obdachlosen Kindern half und es zu Olympischen Sommer- wie Winterspielen geschafft hat? "Ich habe kein magisches Talent, keine besondere Technik. Aber wenn ich eines habe, dann Glaube. Ich glaube an den großen Mann da oben", sagte Taufatofua: "Ich bin in den vergangenen Wochen Berge hinunter gepurzelt und oft von der Strecke abgekommen. Aber wenn man Ziele hat und dafür kämpft, dann schafft man alles."

sid/dpa/jom