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27.07.2012, 08:31

Olympia: Timo Boll im kicker-Interview

"Man wünscht es sich, träumt davon, denkt daran"

Sein sportlicher Weg ist gepflastert mit Erfolgen. Timo Boll war als erster deutscher Tischtennisspieler die Nummer 1 der Welt. Er ist Rekord-Europameister mit insgesamt 15 Titeln im Einzel, Doppel und mit dem Team, er gewann fünf WM-Medaillen sowie Olympia-Silber mit der Mannschaft 2008 in Peking. Nur eine Plakette fehlt ihm noch: die olympische Einzel-Medaille! Der kicker traf Timo Boll in Rotenburg a. d. Fulda, wo sich der Linkshänder auf seine vierten Olympischen Spiele vorbereitet hat.

Ankunft in London, eine Medaille im Sinn: Timo Boll.
Ankunft in London, eine Medaille im Sinn: Timo Boll.
© Getty ImagesZoomansicht

kicker: Spielen Sie eigentlich in Ihrer Freizeit Tischtennis, Herr Boll?

Timo Boll: Außerhalb der Tischtennishalle beschäftige ich mich relativ wenig mit meinem Sport. Aber auf Druck von Freunden und Bekannten habe ich mir letztes Jahr eine Outdoor-Platte geholt. Und bei dem einen oder anderen Grillfest muss ich dann auch herhalten. Das macht denen Spaß mit mir, weil viele Bälle zurückkommen. Und natürlich spiele ich so zu, dass sie dann schön draufhauen können. Nur, ab und zu mache ich auch mal einen richtigen Aufschlag - damit man sieht, was dahintersteckt (grinst).

kicker: Können Sie im Wettkampf ein Spiel genießen?

Boll: Manchmal kommt man in so einen Tunnel rein, da ahnt man wirklich jeden Ball voraus, weiß praktisch vor dem Gegner, wohin er spielt. Das macht dann richtig Spaß. Oder wenn man sein Gegenüber mit überraschenden Bällen erwischt - das sind so kleine Erfolgserlebnisse, die stellen einen sehr zufrieden.

kicker: Sind Sie auch außerhalb Ihres Sports ein Genussmensch?

Boll: In Maßen. Was man als professioneller Sportler noch genießen nennen kann. Für mich heißt das zum Beispiel, mir gemütlich einen schönen Film anzuschauen. Ich bin keiner, der abends gerne weggeht und sich die Kante gibt. Ich mag die Ruhe zu Hause, mit Frau und Hund. Da schalte ich gut ab. Oder auch bei einer Radtour mit meinem Vater.

kicker: Filmabende müssen warten. Ihnen fehlt noch die olympische Einzelmedaille.

Boll: Klar bin ich dahinter her und heiß drauf. Aber ich bin nicht der Typ, der sagt: Wenn es nicht klappt, ist meine Karriere unvollständig oder die Welt geht unter. Da stehe ich drüber. Auf jeden Fall rede ich mir das ein ...

kicker: Ah, ja ...

Boll: ... Damit der Druck nicht zu groß wird. Man darf sich nicht ver-rückt machen.

kicker: Haben Sie persönliche Unterstützung in London?

Boll: Meine Frau Rodelia hat mir einen Glücksstein als Talisman geschenkt. Und sie kommt auch, zusammen mit meinem Vater, meinem Onkel und meinem besten Freund.

kicker: Sie hatten in der Vergangenheit immer wieder Rückenprobleme. Haben Sie die im Griff?

Boll: Ja. Meine Technik mit kurzen, explosiven Bewegungen ist zwar für mein Spiel effektiv, aber ziemlich belastend für den Körper. Die Rotationen in der Wirbelsäule führten immer wieder zu kleineren Entzündungen im Rücken. Inzwischen trainiere ich anders. Weniger Training an der Platte, mehr Athletik, etwa 50:50. Dabei gehe ich für die Ausdauer auch nicht mehr joggen, sondern sitze auf dem Fahrrad.

kicker: In London darf nach neuem Reglement jedes Land statt drei nur noch zwei Spieler ins Rennen schicken. Auch China - schön für Sie?

Boll: Als egoistischer Individualsportler (grinst) - klar, es sind weniger Konkurrenten. Aber trotzdem ist es kein Selbstläufer. Und sich nur auf die Chinesen zu konzentrieren, wäre der größte Fehler. Für den deutschen Verband ist es unschön, weil wir mehr Spieler haben, die vielleicht Medaillenchancen oder sich zumindest locker qualifiziert hätten.

kicker: Wann merken Sie, ob Sie einen guten Tag haben?

Boll: Eigentlich erst im Match. Bei uns geht's auch gleich richtig los. Ich fange am Montag in der Runde der letzten 32 an - da kommt schon ein richtiger Brocken. Und abends direkt das Achtelfinale hinterher. Ein heftiger Doppelschlag, da muss man von Anfang an gut drauf sein. 2004 in Athen hatte ich noch im Training vor dem Viertelfinale ein super Gefühl - und dann im Spiel, verkrampft, nervös, da ging überhaupt nichts. Es kommt immer auch aufs Mentale an, auf den Kopf.

kicker: Wie helfen Sie sich?

Boll: Ich gehe gerne etwas früher in die Haupthalle, um mich an die Atmosphäre zu gewöhnen. Aber bei Olympia darf man da vorher nicht rein. Den Trick kann ich dort nicht anwenden. Ich versuche sonst, über die Atmung, wie verlängertes Ausatmen, ruhiger zu werden.

kicker: Wann kriegen Sie im Spiel das Zittern?

Boll: Am ehesten durch die Anstrengung. Du merkst, es ist eng und du bist körperlich am Limit. Da habe ich viel getan, um vom Puls schneller wieder runterzukommen. Wenn ich auf dem Ergometer 350 Watt trete, liege ich bei 175 Schlägen - zehn weniger als vor drei, vier Jahren.

kicker: Bundestrainer Jörg Roßkopf soll gesagt haben, er würde Ihnen als Ziel Olympia-Gold ausgeben.

Boll: Man muss in jedes Spiel mit dem Glauben reingehen, zu gewinnen. Ich bin jemand, der das nie aussprechen würde, aber klar, wünscht man sich das, träumt davon, denkt mal daran, wie das wäre. Und natürlich stelle ich mir schon mal vor, dass ich den Siegpunkt im Finale mache. Aber das ist ein langer Weg.

kicker: Spüren Sie als Zugpferd im Teamwettbewerb noch mehr Druck? 2008 gab's Silber hinter China.

Boll: Also, in Peking war das vom Druck her schon sehr, sehr extrem. Im Halbfinale gegen Japan stand es 2:2, du machst das letzte Spiel um die sichere Medaille, ein enges Spiel. Ein extremeres Gefühl von Druck hatte ich noch nie. Aber ein genauso extremes emotionales Gefühl danach - als ich es geschafft hatte - auch noch nicht.

kicker: Emotionaler als so manches Einzel-Gold?

Boll: Ja, als Glücksmoment war es das Extremste, was ich im Sport gespürt habe. Ich hatte vorher noch nie Tränen in den Augen nach einem Sieg.

kicker: Und in London?

Boll: Dimitrij Ovtcharov ist noch stärker geworden seitdem und eine noch größere Stütze für die Mannschaft. Da verteilt sich der Druck ein bisschen. Auch Bastian Steger ist für eine Nummer drei sehr, sehr stark. Von daher haben wir schon auch große Erwartungen.

kicker: In China sind Sie ein Star. Bedauern Sie die mangelnde Popularität von Tischtennis in Deutschland?

Boll: Ich bin da im Zwiespalt. Für unseren Sport finde ich es schade. Und ich kämpfe dafür, dass Tischtennis mehr Anerkennung in Deutschland findet. Da ist Olympia eine große Bühne, um sich auch im Fernsehen zu präsentieren. Ich persönlich brauche die Popularität nicht unbedingt und bin froh, dass ich noch ein relativ normales Leben führen kann. Das entspricht meinem Charakter. Ich bin ein eher scheuer, zurückhaltender Mensch, der nicht gerne in der Menge badet. Ich setze mich im Café ins letzte Eck und hoffe, dass mich ja keiner erkennt.

Interview: Sabine Vögele

 

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