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07.09.2017, 18:30

"Alles unter dem Teppich" in der National Football League

Hat die NFL ein Rassismusproblem?

"Kickoff-Weekend" in der NFL - das große Spektakel American Football geht in die nächste Saison. Aber unter der glitzernden Oberfläche des Milliardengeschäfts brodelt ein großes, ungelöstes Problem: Rassismus. Kaum jemand will so richtig laut darüber reden.

National Football League
In der National Football League liegt offenkundig einiges im Argen.
© imagoZoomansicht

In der immer wieder hochschlagenden Debatte über Rassismus im nordamerikanischen Profi-Football ist es ein Standardargument, auch wenn es nicht sehr klug ist. Wie es denn sein könne, fragte der rechtskonservative Fox-Moderator Tucker Carlson kürzlich, dass es Rassismus in der NFL geben solle, wo dort doch so dermaßen viele Spieler farbig seien?

Auslöser der jüngsten Debatte war, einmal mehr, Colin Kaepernick. Der frühere Quarterback der San Francisco 49ers steht zu Saisonbeginn ohne Verein da. "Kap" war auch international zu einigem Ruhm gekommen, als er sich zur Hymne vor Spielbeginn nicht erhoben hatte. Er wollte ein Zeichen setzen gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Danach lief eine kleine Welle durch die NFL, viele schlossen sich Kaepernick an, auch in anderen Sportarten. Andere schimpften, im Sport habe das nichts zu suchen. Zuletzt versammelte sich Ende August rund ein Dutzend Spieler der Cleveland Browns vor einer Partie gegen die New York Giants. Einige knieten während der Hymne, andere standen hinter ihnen und legten den Teamkollegen die Hand auf die Schulter.

"Kaepernick ist die einzige Ausnahme"

Nach Saisonende wurde Kaepernick freigestellt. Ein so genannter "Free Agent" ist er bis heute. Dabei stehen seine spielerischen Qualitäten außer Frage: "144 Quarterbacks haben 200 oder mehr Pässe bis zu dem Jahr ans Ziel gebracht, in dem sie 29 wurden. 143 waren in der NFL aufgestellt, als sie 30 wurden. Kaepernick ist die einzige Ausnahme", schreibt der "Bleacher Report".

Kaepernick sei "nicht gut genug" ("Sports Illustrated"), er sei "sogar zu gut" (Seahawks-Coach Pete Carroll), sogar sein Vegetarismus wird gegen ihn verwendet - dabei hat er sogar ein Team in den Super Bowl geführt. Zu Saisonbeginn bekommt Kaepernick nun von vielen Seiten Unterstützung, im Netz gibt es eine Solidaritätskampagne mit dem Hashtag #IStandWithKaepernick. Zuletzt sagte Superstar Cam Newton von den Carolina Panthers, "Kap" sei besser als manch startender Quarterback. "Sollte er in einem Kader stehen? Absolut. Keine Frage."

Colin Kaepernick
Steht für die Rechte der Dunkelhäutigen ein - und bekommt eventuell deswegen keinen Job mehr: Quarterback Colin Kaepernick.
© imagoZoomansicht

In der Bestenliste aller NFL-Quarterbacks steht Kaepernick auf Platz 17. Er trainiert bis heute jeden Tag. Für Kaepernicks Unterstützer ist klar, dass seine Haltung das eigentliche Problem darstellt - und vor allem, dass er sie öffentlich gemacht hat. "The Nation" bringt es so auf den Punkt: "Wenn ein Spieler der NFL Position bezieht, weil ein Polizist einen unbewaffneten Minderjährigen erschossen hat - werden ihm seine Teammitglieder und Agenten dann auch sagen, dass er besser die Klappe hält, weil er sonst "kaepernicked" wird?"

Wer Kaepernick mit Schmutz bewerfe und seine sportlichen Leistungen nicht anerkenne, so die Zeitschrift weiter, stehe genau für den Rassismus, den farbige Athleten des 21. Jahrhunderts immer wieder dann erlebten, wenn sie den Mund aufmachten: Craig Hodges, Mahmoud Abdul Rauf, Curt Flood, Muhammad Ali.

"Vieles in der NFL hat sich furchtbar, ganz furchtbar entwickelt"

Der farbige Autor und Journalist D. Watkins schreibt in der Publikation "Salon": "Afro-amerikanische Spieler werden nicht angestellt, weil sie schwarz sind, sondern weil sie wirklich schnell sind und es einfach extrem draufhaben." Sport sei für Schwarze in den USA seit jeher einer der ganz wenigen Wege für gesellschaftlichen Aufstieg gewesen. Allerdings dürfe man, oben angekommen, die Party bitte nicht stören.

Die "Huffington Post" fasst den Bogen noch etwas weiter. Kaepernicks Protest sei absolut legitim und angemessen und begleite eine wichtige Debatte über Polizeigewalt. Er habe aber absolut nichts mit den großen internen Problemen zu tun, die die milliardenschwere NFL seit vielen Jahren unter ihren dicken Teppich kehre: der Rassismus von Agenten und Trainern, Frauen- und Schwulenfeindlichkeit. "Vieles in der NFL hat sich furchtbar, ganz furchtbar entwickelt. Kaepernicks Situation ist das individuelle Symptom einer systemischen Krankheit."

dpa

 
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