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24.07.2017, 18:04

Sport-Stipendiat des Jahres: Bewerber Jan-Philip Glania

Glania: "Wegen Uni und Sport gehen zu viele Talente verloren"

Jan-Philip Glania schwamm bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mit der 4 x 100-Meter-Lagenstaffel im Finale auf den siebten Platz - der bislang größte Erfolg seiner Karriere. Nach Rio brachte ein Trainerwechsel mit neuen Trainingsreizen frischen Schwung, doch ein Armbruch Ende 2016 bedeutete für ihn zunächst eine zweimonatige Zwangspause. Der 28-Jährige studiert Zahnmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Trotz gebrochenen Armes, der ihn bei den Behandlungen an Phantomköpfen stark behinderte, bestand er das sechste Semester, sodass er inzwischen an der Zahnklinik seine eigenen Patienten behandeln darf.

Jan-Philip Glania
Kandidat für den Sport-Stipendiat des Jahres 2017: Jan-Philip Glania.
© Mirko SeifertZoomansicht

Frage: Aktuell laufe die Schwimm-Weltmeisterschaften in Budapest, die wegen der Folgen deines Armbruchs ohne dich stattfinden. Kann man dich in diesem Sommer dann anstatt im Wettkampfbecken in deiner Freizeit auch mal am Pool oder gemütlich im Café antreffen?

Jan-Philip Glania: (lacht) Schön wär's. Nein, für so etwas hab ich trotz WM-Ausfall keine Zeit. Ich bin eigentlich permanent am Lernen, denn jetzt stehen die Semester-Klausuren an. Da muss ich jede Minute nutzen. In der Regel verlasse ich morgens um 6.30 Uhr das Haus, der Uni-Tag dauert - wenn es zeitlich rein passt, nur unterbrochen durch Krafttraining - bis 17 oder 18 Uhr. Daran schließt sich bis 20 Uhr das Beckentraining an. Und wenn ich wieder zu Hause bin, geht es mit dem Lernen weiter. Da ist wenig Platz für Freizeit.

Frage: Im Vorfeld der Olympischen Spiele hattest du Freisemester genommen und dich nur auf das Schwimmen konzentriert. Waren das im Vergleich zur Doppelbelastung schon nahezu paradiesische Zustände?

Glania: Nur zu trainieren, das hat schon sehr entlastet. Ich konnte das Training verdoppeln und auch ausgiebig Krafttraining machen. Außerdem hatte ich mittags die Möglichkeit zur Regeneration, konnte auf eine gesunde Ernährung achten und Physiotherapie in Anspruch nehmen. Das fällt aktuell eigentlich komplett weg. Aber parallel dazu zu studieren hat auch seine positiven Seiten. Wenn man etwas für den Kopf tut, freut man sich wieder mehr auf das Training. Während der Urlaubssemester habe ich gemerkt, dass ich beides brauche. Nur eins von beiden macht mich nicht glücklich - auch wenn ich durch die Doppelbelastung schon sehr an meine Grenzen komme.

Frage: Du hast die Sportförderung in Deutschland hinsichtlich der Dualen Karriere auch schon mal als "steinzeitlich" bezeichnet. Um Sport und Studium besser vereinbaren zu können, was würdest du dir wünschen?

Glania: Als erstes wünsche ich mir, dass ich auch weiterhin das Deutsche Bank Sport-Stipendium bekomme! Denn ohne das Stipendium wüsste ich gar nicht, wie ich das Geld für Miete, was hier in Frankfurt ja nicht wenig ist, oder für die Lebenshaltungskosten zusammenbringen sollte. Und wenn man dann noch so ein teures Studium wie die Zahnmedizin hat und den Schwimmsport dazu, bei dem man in viele Trainingslager fährt, da wüsste ich nicht, wie ich das stemmen soll. Dann müsste ich im Schwimmen wahrscheinlich kürzer treten. Meine Aussage hinsichtlich der Steinzeit war nicht so sehr auf die finanzielle Unterstützung bezogen, sondern galt dem System in Deutschland an sich.

Frage: Was meinst du konkret damit?

Glania: Da muss ich nur in die USA schauen. Dort trainiert quasi die komplette Olympia-Mannschaft an den Unis, das Training findet an der Uni statt, die Kurse werden drumherum gebaut und in den Tagesablauf integriert. Bei uns dagegen stehen sich Sport und Uni eher gegenseitig im Weg. Das führt dazu, dass viele meinen, sich zwischen Uni und Sport entscheiden zu müssen und in Deutschland viele Talente verloren gehen. Im Grunde müsste man das ganze System ändern, was natürlich nicht geht. Aber wenn ich auf meine persönliche Situation bezogen einen zweiten Wunsch frei hätte, dann den, dass ich auch mal ein Semester auf zwei strecken könnte. Aber in der Zahnmedizin geht das nicht. Das Semester besteht mehr oder weniger aus einem Kurs. Entweder bestehst du diesen oder nicht. Weniger als 100 Prozent geht nicht.

Jan-Philip Glania
Sport-Stipendiat des Jahres 2017? Jan-Philip Glania.
© imago

Frage: Was fasziniert dich an der Zahnmedizin?

Glania: Ich finde es sehr attraktiv, dass es eine Kombination aus Handwerk und Kopfarbeit ist. Mittlerweile behandle ich meine eigenen Patienten, und ich bin froh, Menschen mit Schmerzen und Problemen helfen zu können. Und bei allem zeitlichen Stress, Klausuren und Abgabezeiten für kieferorthopädische Arbeiten ist es total befriedigend zu merken, wie man sich weiterentwickelt. Ich merke, ich komme voran. Im Schwimmsport, so sehr ich ihn liebe, fehlt mir das manchmal. Jeder Tag ist da gleich, man ist nach dem Training kaputt und müde und merkt kaum Fortschritte oder erst nach langer Zeit. Von daher bin ich froh, dass ich beides habe, das ist für mich ein gesundes Gleichgewicht.

Frage: Wie sehen deine Pläne aus? Sind die Olympischen Spiele in Tokio ein Ziel - es wären deine dritten - oder siehst du dich 2020 schon in der eigenen Praxis stehen?

Glania: Nein, so schnell geht das alles nicht. Ich komme jetzt ins achte Semester, das heißt, drei liegen noch vor mir plus die Prüfungen für das Staatsexamen, die auch ein halbes Jahr lang dauern. Ich habe mir jetzt erst mal vorgenommen, zu Ende zu studieren. Ein Traum und ein Ziel ist letztendlich eine eigene Praxis. Aber da liegen dann mindestens noch mal zwei Jahre als Assistenzarzt dazwischen. Den Ehrgeiz habe ich auf jeden Fall. Die Spiele in Tokio schweben mir auch im Kopf herum. In Rio mit der Staffel im Finale zu stehen, war so ein Hammer-Gefühl! Aber dafür muss ich mir erst noch einen genauen Plan machen, wie ich die kommenden drei Jahre angehe und dann alles unter einen Hut bekommen kann.

Interview: Heike Schönharting

Video zum Thema
Sport-Stipendiat des Jahres 2017- 24.07., 08:09 Uhr
Kandidat Jan-Philip Glania: "Du machst es voll oder gar nicht"
Jan-Philip Glania schwamm bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro und studiert Zahnmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Der 28-Jährige stellt sich als einer von fünf Kandidaten bei der Wahl zum Sport-Stipendiat des Jahres 2017 vor.
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