Dabei handelt es sich um Retikulozyten-Werte von ein und der selben Blutentnahme am 15. April 2009, die in zwei verschiedenen Laboratorien ermittelt wurden und völlig unterschiedliche Ergebnisse aufweisen.
Harm Kuipers, der Chef-Mediziner der ISU, reagierte mit Verwunderung auf die gravierenden Abweichungen. "Ich habe mich selbst schon versucht kundig zu machen, warum in Kreischa und Lausanne solche Differenzen ermittelt wurden. Ich kann mir nur vorstellen, dass es mit der Eichung des Geräts in Kreischa oder einer falschen Kühlung der Probe zusammenhängt", sagte Kuipers.
„"Ich habe mich selbst schon versucht kundig zu machen, warum in Kreischa und Lausanne solche Differenzen ermittelt wurden. Ich kann mir nur vorstellen, dass es mit der Eichung des Geräts in Kreischa oder einer falschen Kühlung der Probe zusammenhängt."“Harm Kuipers, der Chef-Mediziner der ISU
Pechstein, die wegen auffälliger Retikulozyten-Werte (Vorgänger der roten Blutkörperchen), aber ohne positiven Befund, gesperrt worden war, liegt zudem ein analytisches Gutachten vor, in dem Experten Mess-Schwankungen bei Retikulozyten-Werten als in der Praxis völlig normal darstellen. Die ISU-Ankläger dagegen hatten im Laufe des Verfahrens fehlerhafte Messungen kategorisch ausgeschlossen und so letztlich die Sperre der 37-jährigen Berlinerin erwirkt.
Die Verteidigung Pechsteins wird in der Berufungsverhandlung im Herbst vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS darüber hinaus noch weitere Formfehler des Weltverbandes ins Feld führen können. So sind der wegen auffälliger Blutwerte gesperrten fünfmaligen Olympiasiegerin in der Anklage mehrere falsche Bluttest-Ergebnisse zugeordnet worden.
Von den 20 Trainingskontrollen Pechsteins, die als Beweismittel vor dem ISU-Schiedsgericht am 29./30. Juni dienten, waren nach dpa- Informationen fast die Hälfte der Barcodes nicht identisch mit denen der Athletin. Mit Barcodes werden durch die Kontrolleure die Namen der getesteten Sportler verschlüsselt, jede Testampulle erhält einen Strichcode, der auch parallel an den Athleten vergeben wird.
Betroffen von den Verwechslungen sind auch Daten, die erhöhte Retikulozyten-Werte ausweisen und im Verfahren der Angeklagten angelastet wurden. Mit diesen vertauschten Codes könnte die Doping- Affäre um Pechstein nun sogar zu einem Datenskandal des Weltverbandes ISU werden.
Kuipers suchte die Schuld dafür bei den Kontrolleuren, die teilweise nicht die standardisierten ISU-Codes verwendeten. "In diesem Fall müssen bei uns die Codes geändert werden. Aber wir können anhand unserer Unterlagen nachweisen, dass es sich trotzdem um die selben Proben handelt", erklärte der ISU-Mediziner. Er räumte ein, das sei "nicht ideal, aber wir müssen die Codes korrigieren. Das passiert nicht oft, aber manchmal", sagte Kuipers.
Pechstein wollte sich am Mittwoch zu den neuen Entwicklungen nicht äußern und verwies auf ihre Pressekonferenz am Donnerstag (11 Uhr) in Berlin. In den zurückliegenden drei Wochen hatte sich die Berlinerin nach ihrer Medien-Offensive Anfang Juli mit öffentlichen Statements zurückgehalten. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und können mittlerweile nachweisen, wie dilettantisch die ISU-Ankläger agiert haben", erklärte hingegen ihr Manager Ralf Grengel auf dpa-Anfrage.
„"Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und können mittlerweile nachweisen, wie dilettantisch die ISU-Ankläger agiert haben."“Pechsteins Manager Ralf Grengel
In Milwaukee, wo Pechstein den Titel erkämpfte, ist nach der Probe vom 4. Februar 2000 ein Wert von 2,3 Prozent notiert, im Labor-Protokoll steht jedoch der Wert 2,5. Auch bei den Testergebnissen vom 5. und 6. Februar gibt es Abweichungen. Das Labor bestätigte jeweils 1,6, in der ISU-Tabelle stehen 1,7 und 1,75 Prozent. "Übertragungsfehler kann man nie ausschließen. Es kommt aber auf die Relevanz für den Fall an. Mann sollte sich nicht auf Formalien kaprizieren", erklärte der Österreicher Egbert Schmid, Mitglied der ISU-Disziplinarkommission.
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